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Kommentar Kriminalitätsstatistik

Entspannt zurücklehnen!?

Reutlingen ist mal wieder die sicherste Großstadt in Baden-Württemberg – und zwar mit Abstand. Kunststück, könnte man sagen, sie ist ja auch die kleinste, aber das wäre doch vorschnell gedacht.

22.06.2012
  • Bernd Ulrich Steinhilber

Denn die Statistik weist ja nicht nur die Fallzahlen in toto aus, sondern kennt auch den Begriff „Kriminalitätsbelastungszahl“ (KBZ) – eine Quote, die die Menge der Straftaten bezogen auf 100 000 Einwohner ausdrückt. Das kann sich in der Tat sehen lassen und beeindruckte gestern Abend auch im Finanzausschuss des Gemeinderats, wo die Reutlinger Polizeidirektion den Kriminalitätslagebericht 2011 vorstellte.

Immerhin bringt es Ulm mit 10 244 Straftaten und 122 801 Einwohnern auf die KBZ von 8342, gefolgt von Pforzheim (119 781 Einwohner und 9398 Straftaten) mit einer KBZ von 7846 und Heilbronn, dessen 122 897 Einwohner 9407 Delikten ausgesetzt waren. Dann erst, ganz am Ende der Statistik, Reutlingen, dessen 112 484 Einwohner mit vergleichsweise wenigen 7231 Straftaten „belastet“ sind. Entsprechend niedrig, aber gewiss immer noch zu hoch: die KBZ von 6428.

Ob man solchen Statistiken trauen kann, sollte man zumindest in Erwägung ziehen. Ein polizeibeamtetes Schlitzohr könnte ja auf die Idee kommen, sagen wir mal 60 von einem mutmaßlichen Täter umgestoßene Grabsteine als 60 Straftaten auszuweisen, was man andernorts als lediglich ein Delikt bewertet. Werden die Fälle nicht aufgeklärt, sind das gute Argumente für eine bessere Personalausstattung, werden sie aber aufgeklärt, verbessert das die Quote und die Chance auf eine Beförderung. Nichts da, konterte der Reutlinger Polizeidirektor Franz Lutz bei einem Pressegespräch diesen Gedanken. Da seien harte Kriterien vorgeschaltet, die auch eingehalten werden. Trotz aller Unzulänglichkeiten, liest man im Vorwort des Berichts, erlaube die Kriminalstatistik zuverlässige und aktuelle Aussagen über kurzfristige und längerfristige Entwicklungen.

Was aber hat man nun von der Aufklärungsquote von 57,8 Prozent im Jahr 2011 zu halten? Wir wissen es nicht. Nur so viel, dass die Quote in Reutlingen um 3,7 Prozent zurückgegangen ist und unter dem Landesdurchschnitt von 58,6 Prozent liegt.

Nehmen wir mal den theoretischen Fall an, dass die 7231 Delikte von 7231 mutmaßlichen Tätern verübt wurden, laufen immer noch 3051 unentdeckt herum – eine beunruhigend hohe Zahl. Tatsächlich dürfte sie aber etwas niedriger ausfallen, was sich daraus ergibt, dass den 3276 ermittelten Tatverdächtigen immerhin 4180 Fälle nachgewiesen werden konnten.

Dessen ungeachtet, kommt die Polizei bei den Reutlingern durchweg gut weg, was wir wiederum einer Statistik entnehmen, die von der Polizeidirektion 2011 im Anschluss an eine Befragung erhoben wurde. Mit der Note 1,98 wurde die sichtbare Präsenz der Polizei bewertet, die Qualität der Polizeiarbeit mit 2,12 und das Ansehen der Polizei mit 2,17. Und die ist auch dafür verantwortlich, dass sich die Bürger in ihrer Wohngegend bei Dunkelheit (Note 1,91) und am Tag (Note 1,14) sicher fühlen.

Was die Befragten Reutlinger konnten, können auch die Stadträte. Die waren gestern voller Lob für die Arbeit der Polizeidirektion und diskutierten durchaus anregend über das, was ihnen Revierleiter Michael Simmendinger, Horst Vöhringer von der Prävention und Polizeidirektor Franz Lutz vorgetragen hatten – um am Ende genau dort zu landen, was ihnen Vöhringen schon am Anfang empfohlen hatte: „Sie können sich relativ entspannt zurücklehnen.“

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22.06.2012, 12:00 Uhr

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