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Zeitzeugengespräch mit Israel Arbeiter

Er hatte keinen Namen mehr

Israel Arbeiter hat das KZ-Außenlager Hailfingen überlebt und lebt heute in Boston. Gestern sprach der 91-Jährige mit Zehntklässlern im Rottenburger Eugen-Bolz-Gymnasium.

16.11.2016

Von Michael Hahn

Für die Schüler/innen des Rottenburger Eugen-Bolz-Gymnasiums war es vielleicht die letzte Chance. Denn die wenigen europäischen Juden und Jüdinnen, die Quälerei und Massenmord in den deutschen KZs überlebt haben, werden immer älter. Und vor allem: immer weniger. Einer davon, Israel „Izzy“ Arbeiter aus Boston, kam gestern Vormittag nach Rottenburg. Fast zwei Stunden lang stand(!) er in der EBG-Mediothek zwei zehnten Klassen zum Zeitzeugengespräch zur Verfügung. Anschließend besichtigte er zusammen mit Oberbürgermeister Stephan Neher die Gedenk-Stele auf dem Metzelplatz.

Arbeiter war erst zwei Tage zuvor in Frankfurt angekommen. Die Reise-Strapazen waren dem 91-Jährigen gestern aber nicht anzumerken. Er schäkerte mit der EBG-Sekretärin ebenso wie mit den Kameraleuten des SWR, die ihn begleiteten. Und dann erzählte er den Zehntklässlern – mal auf Deutsch, mal auf Englisch – von seiner Kindheit in der polnischen Stadt Plock: „I was a happy youngster.“

Das endete jäh mit dem deutschen Überfall am 1. September 1939. Die siebenköpfige Familie musste in ein jüdisches Ghetto umziehen und Zwangsarbeit leisten. Im Oktober 1942 folgte der „dunkelste Tag meines Lebens“: Die deutschen Besatzer teilten die Menschen auf in Arbeitsfähige und Nicht-Arbeitsfähige.

Israels Vater galt als „nicht arbeitsfähig“. Zum Abschied nahm er seinem Sohn ein Versprechen ab: Wenn er überleben würde, dann müsse er über die Ereignisse berichten. Und die jüdische Tradition weiter tragen. Dieses Versprechen („Promise to my Father“) findet sich im Titel eines Dokumentarfilms , den Arbeiter vor drei Jahren im Rottenburger Waldhorn-Kino vorgestellt hat.

Der Bildhauer Ralf Ehmann (links) erläuterte dem Gast aus Boston seine Gedenkstele auf dem Metzelplatz. Sie symbolisiert rund 700 Jahre jüdische Geschichte in Rottenburg – mit Pogromen, Vertreibung und Deportation. Oberbürgermeister Stephan Neher (rechts) ergänzte: „Zu allen Zeiten haben Juden es nicht leicht gehabt in unserer Stadt.“ Bild: Metz

Gestern berichtete der 91-Jährige mit stockender Stimme von der Selektion. „Das war das letzte Mal, dass ich meine Eltern und meinen siebenjährigen Bruder gesehen habe.“ Die drei wurden ins Vernichtungslager Treblinka abtransportiert und dort vermutlich noch am selben Tag ermordet. Arbeiters Schilderung rührte auch manche Schüler/innen zu Tränen.

Der 17-jährige Israel galt als „arbeitsfähig“. Er kam ins Konzentrationslager. Ob sie schon einmal eine „Nummer aus Auschwitz“ gesehen hätten, fragte er gestern seine Zuhörer. Nein. „Wollt Ihr eine sehen?“ Ein zögerliches Ja. Arbeiter krempelte seinen linken Ärmel hoch und zeigte den Schülern die eintätowierte „A 18651“ auf seinem Unterarm. „Wir hatten keine Namen mehr. Wir waren nur noch Nummern.“

Anfang 1944, als die Rote Armee auf Auschwitz vorrückte, wurde Arbeiter ins KZ Stutthof (bei Danzig) abtransportiert und landete schließlich – per Viehwaggon – im KZ-Außenlager bei Hailfingen. Er schöpfte Hoffnung: „Hier, mitten in Deutschland, vor den Augen ihrer eigenen Familien, werden uns die Nazis nicht ermorden“, habe er sich gedacht.

Ein Irrtum. Denn die Bedingungen in Hailfingen (und im Reustener Steinbruch, wo viele Gefangene schuften mussten) waren „very, very, very bad“. Viele starben an Hunger, Krankheit und Quälereien. Arbeiter überlebte – auch dank der Lebensmittel, die ihm einige Reustener/innen verbotenerweise zukommen ließen. Der 91-Jährige erinnert sich noch heute an sie – und besuchte wieder einige davon.

Nach der Befreiung im Mai 1945 traf Arbeiter in Bergen-Belsen eine frühere Mitgefangene wieder. Die beiden heirateten und emigrierten 1949 in die USA. „Wir haben vor kurzem unseren 70. Hochzeitstag gefeiert.“ Das Paar hat drei Kinder, drei Enkel und vier Urenkel. „Für sie muss ich weiter leben“, sagte Arbeiter.

Mit seinen Reisen, Interviews und Vorträgen will der 91-Jährige dazu beitragen, dass so etwas wie der Holocaust „nie wieder“ geschieht. Und zwar „keiner Gruppe von Menschen“. Bei jungen Menschen in Deutschland spüre er großes Interesse. Nur die ältere Generation wolle „nicht viel davon wissen“. Arbeiters Erklärung: „Manche davon haben dabei mitgemacht.“

Auch die knapp 50 EBG-Zehntklässler hörten gestern aufmerksam und mucksmäuschenstill zu. Allzu viele Fragen für das Zeitzeugengespräch hatten sie allerdings nicht vorbereitet. Eine Klasse hatte zuvor Ausschnitte aus Arbeiters oben erwähnter Film-Biografie angeschaut, die andere hatte einen kopierten Text über ihn gelesen.

Laut Rektor Andreas Greis will das Eugen-Bolz-Gymnasium „das Gedenken vorantreiben, auch im Kontext unseres Namensgebers“. Unter anderem „fangen wir an, mehr Kontakte zu Gedenkstätten zu knüpfen“. Eine davon befindet sich nur wenige Kilometer entfernt auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers nördlich von Hailfingen. Mit einer Ausstellung im Tailfinger Rathaus.

Vom Trägerverein begleiteten der Herrenberger Harald Roth und der frühere Rottenburger Stadtrat Albert Bodenmiller den Gast aus Boston. Der verabschiedete sich optimistisch von den Schülern: „Wenn der liebe Gott und euer Rektor es wollen, dann komme ich nächstes Jahr wieder.“

American Association of Jewish Holocaust Survivors

In den USA ist Israel Arbeiter einer der bekanntesten Holocaust-Überlebenden. Vor zwei Jahren berief ihn Präsident Barack Obama in eine zehnköpfige Delegation, die die USA bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz vertrat.

Schon in den 1950er Jahren sprach Arbeiter öffentlich über seine Erinnerungen – früher als viele andere Überlebende. Die meisten waren noch zu traumatisiert von ihren Erfahrungen oder verstummten angesichts des Desinteresses ihrer Umgebung. „Izzy organisierte die Überlebenden“, sagte sein Begleiter Michael Goldaber, ein Freund der Familie, gestern dem TAGBLATT.

60 Jahre lang (bis 2012) führte Arbeiter den Regionalverband Greater Boston der jüdischen Holocaust-Überlebenden. Seine Nachfolgerin ist die Tochter eines ungarischen Überlebenden. Der Regionalverband hatte früher mehr als tausend Mitglieder. Mittlerweile ist die Zahl auf weniger als 100 gesunken.

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Erstellt:
16. November 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
16. November 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. November 2016, 01:00 Uhr

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