Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Von da an hatte er Angst

Er sei sicher erpresst worden, sagte die Freundin im Nusser-Mordprozess

Im Nusser-Mordprozess sagte in der gestrigen Verhandlung die Freundin des Getöteten aus. Die Angeklagte, die den Zeugenvernehmungen meist mit geschlossenen Augen folgt, musterte diesmal ihr Gegenüber kurz.

11.12.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Es ist der sechste Verhandlungstag im Mordprozess, und man kann jetzt schon sagen, dass nicht alle Rätsel um die Geschehnisse des 6. März geklärt werden können. Dass Fritz Nusser von der Existenz einer Pistole im Haus seiner Ehefrau gewusst, vielleicht sogar selber mit der Anschaffung zu tun gehabt habe, glauben seine Tübinger Verwandten und Freunde nicht. Auch wenn die Waffe seine eigenen DNA-Spuren aufweist.

Genau so mysteriös bleibt das Verschwinden des Timers am Tattag auf dem Beifahrersitz seines Autos. Der Kalender, in dem Nusser Ereignisse und Gedanken festhielt, hätte Aufschlüsse über die Eskalation der Ehekrise geben können. Der Kalender wurde jedoch nicht gefunden. Die Freundin des Getöteten bestätigte im Zeugenstand: „Fritz hatte immer einen Timer bei sich.“ Schon ein anderer Kalender sei 2012 verschwunden, er habe sich dann einen neuen besorgt. Merkwürdig ist auch ein großes Transparent, das nach der Tat im Parkhaus König gesichtet wurde. Auf ihm stand die Botschaft: „Headshot, 6.3.“ Ein Bezug zur Tat ist nicht unwahrscheinlich, Näheres jedoch nicht bekannt.

Die Eifersucht der Angeklagten war die treibende Kraft für eine Beschattungsserie im Mai 2011. Mit einer Zeugin, die ihr bei Übersetzungen und Einkäufen half und als Fahrerin zur Verfügung stand, hatte die 49-Jährige die Wohnung ihres Mannes in der Schwärzlocher Straße beobachtet. Sie benötige Informationen für die Scheidung, habe sie gesagt. Das Ganze war ergebnislos, die Wut der Ehefrau aber blieb.

Nachts das Bett gegen die Tür geschoben

Ein Jahr zuvor, am 28. Mai 2010, war die Angeklagte mit einem Zweitschlüssel in die Wohnung ihres Mannes eingedrungen und hatte ihn mit einer anderen Frau angetroffen. Ihre Liebesbeziehung habe schon drei Monate gedauert, sagte die gelernte Apothekenhelferin, die später von Nusser angestellt wurde. Daheim ausgezogen war er schon ein Dreivierteljahr zuvor. Dass es in der Ehe ihres Freundes heftig krachte, hatte die Geliebte gleich bemerkt. Die Frau habe am Telefon so laut geschrien, dass die Stimme sogar noch durch eine Wand zu hören war. Oft sei es um finanzielle Dinge gegangen oder um den Respekt, den der Mann seiner Frau angeblich versage.

Nach der Aufdeckung der neuen Liebesbeziehung schien die Scheidung besiegelt. Dennoch beruhigten sich die Eheverhältnisse nicht. Kratzer im Gesicht, am Hals und andere Verletzungen seien bei Fritz Nusser keine Seltenheit gewesen. Warum er nichts dagegen unternommen habe, wollte das Gericht wissen. „Fritz war ein ruhiger, gutmütiger Mensch“, bestätigte die Freundin die Beschreibung von Tochter und Ex-Frau.

Nach einem Pfefferspray-Überfall im August 2011 war es aber um Nussers Ruhe geschehen. Die Angeklagte, die zugibt, ihren Mann erschossen zu haben, hatte dem Gericht eine Version von einen bulgarischen Zuhälter mit Geldforderungen erzählt. Laut Freundin, Tochter und Ex-Ehefrau habe Nusser jedoch nach dem Überfall „eindeutig gesagt“, so die Freundin, er habe seinen Adoptivsohn erkannt. Bei diesen Worten rang die Angeklagte um Fassung und verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Von da an hatte er Angst!“ berichtete die Zeugin. Er solle sich „in Acht nehmen“ habe seine Angetraute ihm gedroht. Laut Zeugin fürchtete er den Sohn allerdings mehr als die Mutter

Aus Angst vor weiteren Überfällen schob Nusser sein Bett nachts an die Tür. Er habe die Zahlungen an die Ehefrau eingestellt und sich über das Ausbleiben einer Reaktion gewundert: „Auf einmal war es ziemlich still.“ Nach dem Überfall enterbte Nusser seinen Adoptivsohn und versprach seiner Freundin, nur mit Begleitung mit der Frau und deren Angehörigen zu verkehren. Dass er „freiwillig ins Auto eingestiegen ist“, glaubt die Freundin daher nicht. Sie hat eine andere Theorie: „Er muss erpresst worden sein.“

Affäre oder Liebesbeziehung – welcher Art ihr Verhältnis gewesen sei, wollte der psychiatrische Gutachter wissen. „Wir hatten große Gefühle füreinander“, antwortete die Frau. Dennoch: „Das Ende war offen!“ Beide kannten sich schon zwölf Jahre, und zu Beginn ihrer Liebesbeziehung seien sie sich einig gewesen, dass ihre familiären Verhältnisse davon nicht berührt sein sollten. „Ich wollte meinem Kind die Familie erhalten“, sagte die inzwischen verwitwete Zeugin.

Der Scheidungstermin ihres Freundes hätte eine Woche nach seinem gewaltsamen Tod angestanden. Er sei von seiner Frau enttäuscht gewesen, andererseits fühlte er sich immer noch verantwortlich für sie und habe sie in Schutz genommen. Der Psychiater meinte daraufhin: „Vielleicht denken Psychiater ja etwas einfach. Aber wenn jemand droht, einen zu erschießen, dann nehme ich ihn doch nicht in Schutz!“ Nusser, so die Zeugin, habe die Drohung so oft gehört, dass er sie nicht mehr ernst genommen habe. Die Verhandlung wird morgen um 8.30 Uhr fortgesetzt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

11.12.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball