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Konstantin Wecker bescherte fulminanten Ausklang

Er verbindet Protest mit Schmelz

Er ist eine markante Stimme bundesdeutscher Gegenkultur: Zum Konzert mit dem Münchener Liedermacher Konstantin Wecker strömten am Samstagabend 600 Zuhörer und Zuhörerinnen in die Stiftskirche. Es war der Abschluss der vierten Tübinger Friedensstadt-Woche.

23.07.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Der 65-jährige Politbarde brachte einen Hauch von 70er-Jahre-Protestkultur in die Stiftskirche, aus „der Zeit der großen Friedenskonzerte“, als man sich in Deutschland noch zu den Maximen „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ bekannt habe, sagte Konstantin Wecker.

Schmelzendes Pathos liegt ihm zwar sehr, aber Wecker kann auch donnernden Furor: „Es herrscht wieder Frieden im Land“ beschreibt die bleierne Atmosphäre des Deutschen Herbsts. Mit seinem aktuellen Kanzlerinnen-Song lief der Liedermacher zu Kabarett-Form auf: „Am Nordpol schmolz der Schnee, / da zeigte meine Kanzlerin / ihr pralles Dekolleté.“

Wecker, vom Pianisten Jo Barnickel begleitet, arbeitete auch sehr schön heraus, wie schwerreiche Schnöseligkeit mit dem Vokal Ö besonders affig herauskommt. „Und die sind nicht mehr zu ertragen, in ihrer Luxusharmonie. Man muss sie verjagen, von selbst geh’n die nie.“ Entschieden reihte sich der Liedermacher in „die oft belächelte Friedensbewegung“ ein: „Ich denke, wir brauchen diese Utopie der Gewaltlosigkeit.“

Das Friedensstadt-Konzert beließ es nicht beim Star Wecker. Als Theodorakis-Ensemble ließ sich der Hauptveranstalter Henning Zierock (Gitarre) von der Tübinger Gesellschaft Kultur des Friedens mit Ali Güler (Saz) und dem Rembetiko-Musiker Nikos Hatziliadis vernehmen. In kommunalen Friedensinitiativen sieht Zierock eine Möglichkeit, auch globale Gewaltkonflikte zu durchbrechen. Eine aktuelle Friedensstadt-Erklärung fordert deshalb „eine verantwortliche kommunale Friedens- und Außenpolitik“. Denn: „Soldaten werden aus Städten in den Einsatz geschickt, nicht zentral aus Berlin.“ Laut Zierock besteht ein direkter Zusammenhang zwischen deutschen Waffenexporten und restriktiver Asylpolitik: „Wir exportieren Waffen, bekommen die Kriegsflüchtlinge wieder zurück und vertreiben sie dann aus der Stadt.“

Der Stiftskirchenpfarrer Karl-Theodor Kleinknecht bezeichnete die Konzertnutzung seiner Kirche in der Nacht auf Sonntag als „Ausnahmelösung“ – weil die Friedensstadt andernfalls keine Auftrittsmöglichkeit für Konstantin Wecker gefunden hätte. „Engagement für den Frieden ist auch ein Stück Gottesdienst“, so Kleinknecht.

Der Tübinger Ernst-Bloch-Chor, wie stets gewandet in den Anarchisten-Farben Rot und Schwarz, bestach mit sensibel vorgetragenen internationalen Liedern. Sogar der betagte israelische Friedensaktivist Reuven Moskovitz griff schließlich zur Mundharmonika. „Wir müssen lernen, mit unseren Nachbarn zu teilen“, sagte der 84-jährige Holocaust-Überlebende über die Lage in Israel-Palästina. Dazu gehöre, sich mit dem palästinensischen Volk zu solidarisieren“, so Moskovitz. „Liebe kann heilen, Hass tötet.“ In Deutschland solle man nicht nur der israelischen Regierung zuhören, sondern auch der israelischen Friedensbewegung, „die von der deutschen Regierung völlig ignoriert wird“.

Der iranisch-deutsche Publizist Bahman Nirumand warnte „vor einem neuen Krieg, der sich abzeichnet, einem Krieg zwischen Iran und Israel“. Die Iraner hätten überhaupt keine Probleme mit Juden. „Sie leben seit 2000 Jahren mit ihnen zusammen“, sagte der 75-Jährige. Einst hätten persische Könige die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft geführt.

„Bitte machen Sie einen Unterschied zwischen dem Regime in Teheran und dem iranischen Volk“, appellierte Nirumand an die Zuhörer in der Stiftskirche. „Die Iraner sind nicht das Regime.“ Die Machthaber in Teheran wollten „vielleicht tatsächlich die Atombombe bauen“. Bisher gebe es dafür allerdings keinerlei Beweise. Für eine atomare Aufrüstung könne es nur ein einziges Motiv geben: den eigenen Machterhalt zu sichern. „Israel macht genau dasselbe: Es schürt Hass und Angst.“

Die Sozial- und Friedensaktivistin Sissy Vovou aus Athen blickte auf die Ursachen der griechischen Schuldenkrise: „Wir kämpfen seit Jahren für eine Reduzierung des exorbitanten griechischen Militär-Haushalts.“ Denn der sei einer der Gründe für die Verschuldung.

Derzeit zeige sich besonders drastisch, „dass immer noch viel Geld für Rüstung ausgegeben wird, während die Ausgaben für Soziales, Bildung und Gesundheit zusammengekürzt werden“, fand Vovou. „Wir wollen eine andere Europäische Union“, forderte sie: eine demokratische EU, auf soziale Gerechtigkeit gegründet.

„Glauben Sie nicht, die Griechen hassten die Deutschen“, sagte Vovou. „Lassen Sie sich nicht von Reisen nach Griechenland abhalten. Sie sind willkommen. Sprechen Sie mit den Leuten.“ Starke Vorbehalte gebe es allein gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die von ihr forcierte extreme Sparpolitik, der Griechenland durch die EU und den Internationalen Währungsfonds ausgesetzt sei.

Er verbindet Protest mit Schmelz
Der altgediente Protestbarde Konstantin Wecker in einem besonders inbrünstigen Moment in der Tübinger Stiftskirche.Bild:Metz

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23.07.2012, 12:00 Uhr

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