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Gott will die Demokratie

Erdal Toprakyaran stellte seine Sicht eines zivilen, säkularen Islams vor

Der Islam ist zum Feindbild geworden. Dagegen sprach Erdal Toprakyaran vom hiesigen Islam-Zentrum an – ein Vertreter des ganz liberalen Flügels.

13.01.2015

Von Wolfgang Albers

Tübingen. Sein Vortrag war schon lange terminiert in der Ringvorlesung „Clash of Civilizations: Feindbilder in interreligiösen Beziehungen und internationaler Geopolitik“. Aber jetzt war er aktueller denn je. Erdal Toprakyaran, Direktor des Zentrums für Islamische Theologie, sprach über Christlich-Islamische Beziehungen und deren Perspektiven für die Verständigung in Europa und in Konfliktregionen weltweit. Gut 350 Zuhörende bekamen am Montagabend im Kupferbau eine aktualisierte Fassung – allerdings nicht nur wegen der Pariser Morde: „Nigeria, Pakistan, Paris – die Ereignisse haben sich ziemlich überschlagen.“

Und der Islam wird zum Feindbild. Auch Toprakyaran musste sich hinterher in der Fragerunde eine langatmige Stammtisch-Suada anhören etwa über die Kriminalität, Bildungsstandards oder Sozialleistungs-Bezug von Muslimen in Deutschland.

Aber das war nicht immer so, wie Toprakyaran mit Hinweis auf Hadschi Wilhelm Mohammed zeigte. Unter diesem Namen sei Kaiser Wilhelm zum Islam konvertiert, streuten deutsche Agenten im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich. Bei diesem Verbündeten hatte man nämlich die religiöse Waffe entdeckt: Der türkische Sultan sei doch auch Kalif und solle deshalb, so drängten die Deutschen, den Heiligen Krieg gegen Franzosen, Engländer und andere Gegner von Deutschland und Österreich ausrufen: „Die gesamte islamische Welt sollte mobilisiert werden.“

Ein christlicher Staat als Förderer des Dschihad? „Letztlich sind es die Menschen, die entscheiden, wie sie mit den heiligen Büchern umgehen. Bücher haben keine Zunge und können sich nicht wehren – Texte können deshalb leicht instrumentalisiert werden.“

Und es können Feindbilder aufgebaut werden: „Weil Menschen ihre Welt konstruieren.“ Auch Theologien seien Konstruktionen: „Es gibt eine göttliche Wahrheit, aber wenn wir darüber sprechen, fangen wir an zu konstruieren und zu urteilen.“ Mit dem Soziologen Max Weber ist sich Erdal Toprakyaran aber einig: „Unsere Urteile sind nur Möglichkeiten unter vielen. Es gibt keine absoluten Urteile.“

Und keinen Absolutheitsanspruch der Religion: „Religion ist nur ein Faktor unter mehreren.“ Deshalb tendiere er dazu, die Religionsneutralität des Staates zu fordern. Auch aus theologischer Sicht: „Es ist sogar der Wille Gottes, dass wir in einer demokratischen Gesellschaft leben, weil es den Muslimen gute Gelegenheit gibt, ihren Glauben zu leben.“

So ein Gesellschaftsverständnis passe zum Islam: „Der Islam bietet genug Substanz für eine säkulare, freie Gesellschaft.“ Ja, der Islam sei eine säkulare, zivile Religion: „Es gibt keine Kirche im Islam. Deshalb braucht es auch keine Trennung zwischen Kirche und Staat, weil es keine Kirche geben darf.“ Schon im 12. Jahrhundert hätten islamische Philosophen eine Säkularisierung gefordert: „Der Islam hat daher ein größeres Potential als das Christentum für eine Säkularisierung.“

Dass man den Islam anders wahrnimmt, weiß auch Toprakyaran: „Wie sich das historisch etabliert hat, ist eine ganz andere Frage.“ Und er weiß auch, dass seine Position nicht islamisches Allgemeingut ist: „Ich rede von Theologen, die auf Erneuern aus sind.“

Und auch, dass er, der an deutschen Universitäten wissenschaftlich ausgebildet worden ist, „viel mehr Gemeinsamkeiten mit den hiesigen Kollegen als mit Muslimen aus dem Jemen oder Mauretanien“ habe. Und er weiß: Sein Anliegen eines aufgeklärten, vernunftbasierten Islams ist nicht leicht zu verwirklichen: „In der islamischen Welt ist es uns nicht gelungen, in den letzten 100 Jahren die notwendigen Reformen zu machen. Ich finde daher den Hass auf den Islam nachvollziehbar, hoffe aber trotzdem, dass wir es schaffen, genau zu analysieren und nicht alle Muslime abzustempeln. Da ist viel Arbeit zu leisten.“ Mit ungewissem Ausgang: „Das Einwirken von Wissenschaft auf die Gesellschaft hat seine Grenzen. Auf die türkische Regierung zum Beispiel habe ich leider keinen Einfluss. Aber wir bemühen uns, unser Bestes zu geben.“

Das Zentrum für Islamische Theologie verurteilt „aufs Schärfste“ den Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo: „Wir bekräftigen, dass dieser terroristische Akt der islamischen Religion und Lehre in jeglicher Hinsicht und auf unmissverständliche Weise widersprechen. Das gesamte Personal sieht in dem Attentat einen unerträglichen Angriff auf die hiesige Gesellschaft, und damit auch auf die Muslime in Deutschland, die sich selbst als einen integrativen Bestandteil dieser Gesellschaft fühlen.“ Kommentar · Islamzentrum: Auf dem Leim von Fundamentalisten 13.01.2015 Gott will die Demokratie: Erdal Toprakyaran stellte seine Sicht eines zivilen, säkularen Islams vor 13.01.2015

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Erstellt:
13. Januar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Januar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2015, 12:00 Uhr

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