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Erdbeben im Schneechaos
Kaum ein Durchkommen, weder für Erdbebenhelfer noch für die, die gestern drei vermisste Viehzüchter suchen wollten: Schnee en masse legt den Ort L‘Aquila in Italien lahm. Foto: dpa
Naturgewalt

Erdbeben im Schneechaos

Drei Erdstöße mit einer Stärke von bis zu 5,7 haben erneut Mittelitalien erschüttert. Ihre Epizentren lagen in der Region, in der im Sommer fast 300 Menschen getötet worden waren.

19.01.2017
  • BETTINA GABBE

Seit mehreren Tagen kämpfen die Menschen in den von den Erdbeben in Mittelitalien betroffenen Regionen Abruzzen, Marken und Latium mit meterhohem Schnee, den Folgen des plötzlichen Wintereinbruchs. Und dann das: Gestern bebte die Erde wieder stark. Drei Erdstöße der Stärken 5,3 bis zu 5,7 erschütterten am Vormittag die Gegend und ihre Bewohner, die bei bitterer Kälte zu Hundertausenden wegen des Schnees ohne Strom ausharrten.

Selbst in Rom waren die Erdstöße so stark zu spüren, dass die Menschen erschrocken auf die Straße liefen. Schulen und andere öffentliche Gebäude der Hauptstadt wurden evakuiert, der U-Bahnverkehr zeitweise eingestellt. Am Nachmittag versetzte noch ein Beben der Stärke 5,2 die Menschen in Mittelitalien in Angst und Schrecken, während es in den Bergregionen ununterbrochen weiter schneit.

Aus den ohnehin von den Beben im August und Oktober stark beschädigten Orten rund um das Epizentrum bei Amatrice im Norden des Latium sind zunächst keine Opfer gemeldet worden. Die stark zerstörten Hauptorte sind größtenteils evakuiert, da die Häuser nicht mehr bewohnbar sind.

„Wir brauchen dringend Schneefräsen“, sagt der Bürgermeister von Amatrice, Angelo Pirozzi. „Normale Räumfahrzeuge reichen nicht aus, um die abgeschnittenen Ortschaften zu erreichen.“ Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat es in dem bis vor wenigen Monaten weitgehend unbekannten Bergort nicht so stark geschneit.

„Die Situation ist dramatisch“, sagt auch der Bürgermeister von Arquata del Tronto, Aleandro Petrucci, angesichts des Schneechaos, das die Suche nach Vermissten erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Drei von zwölf Viehzüchtern, die am Morgen in die wegen Erdbebenschäden seit Monaten abgesperrte Zone eines nahe gelegenen Dorfes gefahren waren, um ihre Tiere zu füttern, wurden als vermisst gemeldet, nachdem sie telefonisch nicht mehr erreichbar waren.

Paola Capanna, eine Züchterin aus der Umgebung, die in einer für Opfer des Erdbebens von L‘Aquila 2009 errichteten provisorischen Unterkunft untergekommen ist, fand den Weg zu ihren Tieren wegen der Schneemassen versperrt. „Ein Teil der Kuhställe könnte eingestürzt sein“, klagt die 40-jährige Familienmutter verzweifelt, die mit ihrem Mann einen Biobauernhof betreibt. „Aber ich kann das nicht überprüfen.“

Viele Züchter hatten bis in die vergangenen Tage trotz eisiger Temperaturen in Wohnwagen neben den Ställen ausgeharrt, um das Vieh versorgen zu können. Für sie hatte die Regierung nach dem ersten schweren Beben vom 24. August umgehend Wohnwagen versprochen, denn sie müssen zur Versorgung ihrer Herden vor Ort bleiben.

Die weiße Schicht auf den Trümmern von Amatrice, Accumoli und Arquata del Tronto, den am stärksten betroffenen Orten der Bebenkatastrophe vom August und Oktober, strömt trügerische Friedhofsruhe aus. Der Rest des Kirchturms von Amatrice, der bislang allen Beben standgehalten hatte, stürzte unter den jüngsten Erschütterungen ein. Die in Zelten untergebrachte Gesundheitsstation, die die Dienste des bereits im August eingestürzten Krankenhauses übernommen hatte, gab am Morgen der neuerlichen Beben unter der Last der Schneemassen nach.

„Bei jedem Beben stürzen weitere Häuser ein und Schnee und Regen haben das Dorf in einen Schutthaufen verwandelt“, sagt der Bürgermeister von Arquata del Tronto mit einem Unterton der Resignation. Mittlerweile seien fast alle Häuser so stark beschädigt, dass sie gesperrt seien.

Selbst in der fast vierzig Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Ascoli Piceno herrscht nach Angaben von Bürgermeister Guido Castelli „seit 48 Stunden eine ungeheure Notlage“. In zahlreichen umliegenden Dörfern gebe es keinen Strom und infolgedessen in vielen Fällen deshalb auch keine Heizung. „Wir versuchen, eine Wand aus Schnee zu durchbrechen.“

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19.01.2017, 06:00 Uhr

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