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Ernten, backen, füttern, spielen
Kinder füttern Pferde und Hühner: Der Umgang mit Tieren und praktische Arbeit gehören zum Konzept des Bauernhof-Kindergartens Schiltach im Kreis Rottweil. Foto: Petra Walheim
Pädagogik

Ernten, backen, füttern, spielen

Bauernhof-Kindergärten bieten dem Nachwuchs die Chance, Tiere und Pflanzen auf ganz besondere Weise kennenzulernen. Eltern schätzen das Konzept, weil ihre Kleinen ausgeglichen sind.

29.10.2016
  • PETRA WALHEIM

Schiltach/Öhningen. Jade sitzt in der Sonne auf einer Ziehbank. Mit beiden Händen hält sie die Griffe eines messerscharfen Hobels fest und zieht ihn über eine Heugabel, um diese anzuspitzen. Eltern, die das zum ersten Mal sehen, bleibt das Herz stehen. Schockartig schießt ihnen durch den Kopf, was alles passieren könnte. Aber es passiert nichts. Kindergarten-Leiter Helmut Siegl steht völlig entspannt daneben und gibt Jade Anleitungen, wie sie die Heugabel mit den Füßen auf der Ziehbank festhalten und den Hobel gefahrlos führen kann.

Im Haus schnippeln derweil die anderen Kinder mit Praktikantin Heidrun Wein bockelharte Quitten klein. Kurz vor Jades Ziehbank-Einsatz war noch Hämmern zu hören. Da hatte Helmut Siegl ein Küchenmesser in eine Quitte gerammt und festgehalten, damit Theresa mit einem Hammer das Messer durch die Quitte schlagen konnte, um sie zu halbieren.

Im Bauernhof-Kindergarten Schiltach sind solche praktischen Arbeiten Alltag. Die Kinder sind es gewohnt, mit Werkzeugen und Holz umzugehen, Tiere zu versorgen sowie Gemüse und Früchte zu verarbeiten. Das Konzept der Bauernhof-Kindergärten ist, dass die Kinder mit der Natur aufwachsen, mit allen Sinnen lernen, sie zu verstehen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Der Kindergarten ist Bestandteil eines landwirtschaftlichen Betriebs. „In Schiltach gibt es noch zwölf bäuerliche Betriebe“, sagt Helmut Siegl. Bei allen habe er angefragt, ob sie bereit seien, einen Bauernhof-Kindergarten aufzunehmen. „Alle fanden das Konzept gut, aber keiner wollte den Kindergarten haben.“ Bis auf die Familie Gutekunst. Die bewirtschaftet seit elf Jahren den Aussiedlerhof im Landkreis Rottweil, in dem der Bauernhof-Kindergarten untergebracht ist.

Entstanden ist die Einrichtung aus dem früheren Waldorfkindergarten in Schiltach. Helmut Siegl arbeitete dort ein paar Jahre. „Mein Traum war ein Bauernhof-Kindergarten.“ Den hat er sich im Mai 2015 erfüllt. Mit 14 Eltern und Freunden hat er den Trägerverein „Bauernhofkindergarten Schiltach“ gegründet – und los ging es mit dem Kindergartenjahr 2015/2016 und 15 Kindern. Die Stadt Schiltach unterstützt den Bauernhof-Kindergarten finanziell, trägt das jährliche Defizit. „Wir haben ihn immer auch als unseren Kindergarten angesehen“, sagt Bürgermeister Thomas Haas. Er findet es wichtig, dass es in seiner Stadt auch einen Kindergarten unter freier Trägerschaft gibt.

Seit September ist die Gruppe allerdings deutlich kleiner. Von den 15 Kindern wurden fünf im September eingeschult. David ist neu hinzugekommen, sodass neun Mädchen und zwei Jungs noch dabei sind. David war im Regelkindergarten, hat sich nach Aussage von Siegl dort aber nicht wohl gefühlt. „Schon nach dem ersten Tag hier bei uns hat er daheim erklärt, dass er nicht mehr in den Regelkindergarten möchte“, erzählt Siegl.

An diesem Morgen ist David mit seiner Freundin Emma und einem Holzschwert in der Hand auf dem Gelände unterwegs. Sie durchstreifen den Garten, schauen bei den Pferden und Hühnern vorbei. David wirkt glücklich. Thomas Herzog, dessen Töchter Theresa und Emma den Bauernhof-Kindergarten besuchen, bestätigt den Eindruck. „Die Kinder sind ausgeglichen und zufrieden. Sie brauchen nicht viel, um glücklich zu sein“, sagt er. Für ihn war es wichtig, dass seine Töchter mit der Natur aufwachsen und lernen, sich mit wenig zu begnügen.

Der Tag im Bauernhof-Kindergarten Schiltach beginnt nach dem Begrüßungsritual mit dem Versorgen der Tiere. „Die Kinder füttern die Hasen, Enten und Hühner und suchen die Eier zusammen“, sagt Siegl. Bevor die Kuh Vroni trächtig wurde, haben die älteren Kinder sie jeden Morgen gemolken. „Das habe ich ihnen beigebracht.“ Nun wissen die Kinder, dass die Kuh ein Kälbchen bekommt und deshalb keine Milch mehr gibt.

Wie der Morgen weiter gestaltet wird, entscheiden Erzieher und Kinder gemeinsam. „Wir können in den Wald gehen, einen Spaziergang machen oder die Quelle besuchen“, zählt Siegl einige Möglichkeiten auf. „Spielsachen gibt es nicht. Nur Bücher, Musikinstrumente und Puzzle.“ Die Natur biete den Kindern viel mehr als Spielsachen. „Die Kinder sind ausgeglichen, weil sie Dinge tun, die sinnvoll sind.“

Im Bauernhof-Kindergarten Schwalbennest in Öhningen auf der Höri am Bodensee (Kreis Konstanz) tragen die Kinder an diesem trüben Morgen Matschhosen und Gummistiefel. Die dreijährige Aila ist in der Spielküche im Gebüsch aktiv. Sie schabt mit einem Schäufelchen Erde vom Boden und füllt sie in eine Form. „Ich koche Kürbissuppe“, sagt sie stolz. Noah (4) schaut interessiert zu. Die Leiterin des Kindergartens, Daniela Ruckh, gibt Aila Tipps für ihre Suppe, rupft ein bisschen Gras aus und schlägt vor, den „Schnittlauch“ auf die Suppe zu streuen. Aila ist begeistert.

Der Bauernhof-Kindergarten Schwalbennest ist der vierte und jüngste im Land. Bäuerin Marion Häberle hat ihn erst im Mai eröffnet – und sich damit wie Helmut Siegl im Schwarzwald einen Traum erfüllt. „Meine Leidenschaft ist es, mit Kindern zu arbeiten und das mit der Landwirtschaft zu verbinden.“

Daraus ist nicht gleich ein Bauernhof-Kindergarten entstanden. Am Anfang standen freie Angebote: Mitmach-Tage etwa, an denen die Kinder auf dem Hof mitarbeiten und die Tiere kennenlernen konnten. „Damit Kinder einen Zugang zu Tieren und zur Landwirtschaft bekommen und lernen, dass die Landwirtschaft die Urproduktionsstätte für Lebensmittel ist“, sagt Marion Häberle. Sie ist Bauernhof-Pädagogin und angehende Hauswirtschafts-Meisterin. An zwei Tagen in der Woche arbeitet sie im Kindergarten mit, zeigt den Kindern, was gesunde Ernährung ist.

Aus den Äpfeln, die die Kinder emsig aufgesammelt haben, haben sie zusammen Saft gepresst und Kuchen gebacken. „Die Kinder lernen von der Hand in den Kopf“, sagt Markus Bürk, Vater der dreijährigen Svea. Er ist stolz auf sein „Naturkind“. „Die Kinder lernen, wo die Lebensmittel herkommen und dass Tiere sterben müssen, wenn wir Fleisch essen wollen. Das hier ist kein Streichelzoo, sondern ein Nutzbetrieb“, sagt Katrin Utz, die Mutter der vierjährigen Johanna.

„Bei diesem Konzept steht auch das Sozialverhalten im Vordergrund. Das lernen die Kinder schon von klein auf“, sagt Kindergarten-Leiterin Daniela Ruckh. Die Kinder müssten lernen, miteinander auszukommen. Als Rückmeldung von den Eltern bekommt sie immer wieder zu hören: Die Kinder sind ausgeglichen.

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29.10.2016, 06:00 Uhr

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