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Sie war das schönste Mädchen von Reutlingen

Erst als sie einen Pass bekam, erfuhr Erika Dora Amalie Dick, woher sie stammt / Heute wird sie 100

Erst als junge Frau erfuhr Erika Dora Amalie Dick aus Öschingen, woher sie wirklich stammt. Am Montag wird sie, die lange Jahre in Reutlingen gelebt hat, 100 Jahre alt.

20.11.2016
  • Susanne Mutschler

Dich haben sie aus dem Ausland hergebracht“, spotteten die Reutlinger Kinder, als Erika Müller in den 1920er-Jahren eingeschult wurde: Die einzige Tochter des Feinbäckermeisters Friedrich Müller und seiner Frau Amalie, die in der Reutlinger Kanzleistraße einem riesigen Handwerkerhaushalt mit 15 Bäckern und drei Hausmädchen vorstanden, begriff den Vorwurf nicht – und er blieb ein Rätsel bis in ihre jungen Frauenjahre.

Und nachdem die Eltern ihr, dem kleinen Schulmädchen, versichert hatten: „Du bist unser liebes Kind“ – da war für sie die Angelegenheit sowieso erledigt. Bis heute hat sich Erika Dick diese Abneigung gegenüber allem Grüblerischen bewahrt. Mit der ihr eigenen positiven Lebenseinstellung und einer guten Portion Humor und Fröhlichkeit nahm und nimmt sie seit 100 Jahren Tag für Tag entgegen, was ihr das Leben bringt.

Erika gehorchte ihrem ebenso fürsorglichen wie strengen Vater widerspruchslos. Ihm zuliebe lernte sie Klavierspielen und begleitete die Zusammenkünfte in der evangelischen Gemeinschaft. Ihr zuliebe band der Vater Kirschen an ein neu gepflanztes Bäumchen und brachte seine kleine Tochter zum Staunen: „Seit wann braucht der liebe Heiland Bindfäden“, fragte sie.

Früh lernte sie zu unterscheiden, was gottgefällig und was weltlich war. Wenn sie mal zum Spielen an die Echaz zu ihren Freundinnen ausbüxte, konnte sie auf die Verschwiegenheit ihrer Mutter rechnen: „Die ist abends nach Ladenschluss sogar mit mir zum Schleifen auf die Eisbahn gegangen“, erzählt Dick. Nach dem Tod ihrer Mutter 1929 war nur noch die Haushälterin Pauline für die Dreizehnjährige da. Das sei „eine bittere Zeit“ gewesen, denn ihr Vater versank in so tiefer Traurigkeit, dass er sogar Weihnachten vergaß.

Trotz seiner pietistischen Grundhaltung war Friedrich Müller weltoffen. Er legte Wert auf eine gute Ausbildung, und Erika lernte im Reutlinger Progymnasium Englisch und Französisch und in der Frauenarbeitsschule zwei Jahre lang alles über die perfekte Haushaltsführung. Sie durfte den Führerschein machen und sogar nach London reisen, um eine Brieffreundin zu besuchen. In ihrem Pass las sie dann, dass als ihr Geburtsort die Metropole Berlin eingetragen war.

Da verstand sie zum ersten Mal, woher die Gehässigkeiten der Schulkinder rührten. Sie erfuhr, dass ihr leiblicher Vater ein reicher Bankdirektor war, der mit seiner Ehefrau vier Kinder und mit seiner Hausdame zusätzlich zwei Töchter hatte. Die Jüngere davon war sie selbst. Warum die Hebamme für dieses neu geborene Mädchen Adoptiveltern „so weit weg wie möglich“ finden sollte, hat Erika Dick nie herausgefunden. Ihre leiblichen Eltern schwiegen eisern und wollten keinen Kontakt. Nur einmal im Jahr habe sich ihr Berliner Vater ein aktuelles Foto aus Reutlingen schicken lassen. Das Nachbohren liege ihr nicht, sagt Dick dazu: „Ich habe immer vorwärts geschaut.“

Über die Beziehungen der evangelischen Glaubensbrüder untereinander kam das Baby Erika nach Reutlingen zu dem Bäckersleuten Müller. Die hatten nicht mehr mit Familienfreuden gerechnet und waren sofort bereit gewesen. Im Steckkissen der Kleinen fanden sie 10 000 Goldmark für ihre spätere Ausbildung. Ihr Reutlinger Papa habe aber für dieses Geld vorausschauend für sie ein Haus gekauft, erzählt Dick.

Auch für ihren Lebenspartner sorgte ihr Vater. Erika, die als wahrscheinlich jüngste Frau im eigenen Mercedes durch die Stadt kurvte, war mehr als eine gute Partie. „Ich war das schönste Mädchen in Reutlingen“, sagt sie. Aber die örtlichen Bewerber waren nicht gut genug. Friedrich Müller wusste, dass Hans Dick, Sohn des Predigers und Chefs des christlichen Heroldverlags in Stuttgart, auch auf Freiersfüßen war. Da waren sich die Väter schnell einig, und die jungen Leute wurden es auch. Sie sei sehr beeindruckt gewesen von der Eleganz ihres Bräutigams, erinnert sich Erika Dick an schneeweiße Handschuhe aus Saffianleder. Auch sie legte stets großen Wert auf eine gepflegte Erscheinung.

Die Hochzeit fand vier Wochen nach Kriegsbeginn statt. Das Paar zog nach Stuttgart und der junge Ehemann sofort in den Krieg. 1944 wurde ihre Wohnung von Bomben zerstört. Erika Dick kehrte mit Adelheid (geboren 1941) und Hans Georg Friedrich (geboren 1942) in das vom Steckkissen-Geld gekaufte Haus in Reutlingen zurück. So richtig kennen gelernt habe sie ihren Mann erst nach dem Krieg, erzählt sie.

Hans Dick wurde persönlicher Referent des Reutlinger Bürgermeisters Oskar Kalbfell. 1945 und 1946 kamen die Töchter Gabriele und Dorothea zur Welt. Ein 1948 geborenes Söhnchen lebte nur acht Wochen. Als Hans Dick Verwaltungsdirektor beim Stuttgarter Staatstheater wurde, siedelte die ganze Familie um. Sie bauten ein Haus „am Hang“, wo Friedrich Müller „für seine Enkel“ ein Grundstück gekauft hatte. Dort kam 1951 Sohn Michael zur Welt. 1953 folgte als siebtes Kind und viel zu früh geboren eine winzige Eva Maria, die nicht überlebte.

40 Jahre lang waren dieses Haus und der große Garten Erika Dicks Heimat. Als alle Kinder ausgeflogen waren, habe sie gerne Studenten aus aller Welt bei sich aufgenommen und bemuttert, erzählt sie. 1989 zogen die Eheleute zurück nach Reutlingen, wo ihr Mann 1999 starb. Danach zog Erika Dick zu ihrer Tochter Gabriele nach Öschingen – und seit rund vier Jahren lebt sie in der Senioreneinrichtung Blumenküche in Mössingen.

Eine Riesenüberraschung erlebte Erika Dick an ihrem 70. Geburtstag. Einer ihrer Schwiegersöhne hatte ihre ältere Schwester Eva in Berlin ausfindig gemacht. Die ganze Familie war verblüfft über die Ähnlichkeit der Geschwister. Die pflegten noch 20 Jahre lang eine innige Beziehung. Sie habe Eva immer wieder erzählt, wie gut sie es bei ihren Reutlinger Adoptiveltern hatte.

Erika Dick hat 13 Enkel (einer ist bereits gestorben) und neun Urenkel.

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20.11.2016, 20:00 Uhr

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