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Stadtgeschichte

Erst verödet, dann Weltkurstadt

419 Jahre Freudenstadt – von Gründung über Depression, von Blütezeit bis in die Gegenwart – Friedrich Volpp ist dafür der ausgewiesene Kenner.

14.02.2018
  • Siegfried Schmidt

Immer donnerstags begibt sich der Stadtrat und frühere Kunstschmied mit seinen Vortrags-Gästen im Konferenzraum des Hotel Adler auf die weite Geschichtstour bis zurück in die Renaissance. „Freudenstadt – damals und heute“ nennt sich das wöchentliche Lehrstück, das der gebürtige Freudenstädter seinen Hörern inhaltsreich und mit emphatischer Mitteilsamkeit dabei präsentiert.

Fritz Volpp ist da ganz in seinem Element. Wer sich tagelang wie er im Stadtarchiv in alte Gemeinderatsprotokolle aus der spannenden Hartranft-Ära hinein gräbt, schwer leserliche Handschriften transkribiert, Notate abschreibt und abheftet sowie Verzeichnisse erstellt und damit intime Kennerschaft aufhäufelt, der hat allerhand zu berichten. Und will es auch gerne weitertragen.

Seitenpfade des Stadtpanoramas

Dem Mann im blauen Wollpullover haftet dabei ein vergnügt-verschmitztes Gemüt an, wenn er so erzählt und immer wieder auf Abwege, auf Seitenpfade seines großen Freudenstadt-Panoramas gerät – und dann doch wieder enden, sich kurzfassen muss, weil das lexikalische Wissen über
die Lokalhistorie den zweistündigen Exkurs, gepaart mit projizierten Bildern, bei weitem zu sprengen droht.

Wer würde uns denn die Anfänge der kleinen, abgelegenen Stadt im „förchtigen Wald“ heute noch so anschaulich schildern können?! Herzog Friedrich von Württemberg, der Gründer, war offenbar nicht nur ein ehrbarer Regent, sondern auch ein verwegener Hasardeur mit Schwächen für leichthin erworbenen Reichtum. Er ließ Alchemisten die Herstellung von Gold erforschen, während in seinen Bergwerken im „schwarzen Wald“ Silber gefördert wurde. Die Silbergewinnung und der Wunsch nach einer Übergangs-Stadt in seine linksrheinischen Mömpelgarder Lande spornten den Herzog zur Gründung Freudenstadts an. Minimalziel, von Friedrich I. gesteckt: 2000 Einwohner sollte die Stadt schon haben. Sein Baumeister Schickhardt widersprach heftigst, doch der Bauherr bestand auf
dem Vorhaben.

1595, berichtet Volpp, wurde das spätere Freudenstadt abgesteckt. Der Name der Stadt ging als früher Marketing-Coup – die Stadt sollte aufgrund ihrer schwierigen (Ausgangs-)Lage einen „positiven“ Namen tragen – in die Geschichte ein. Der Herrscher beharrte auch darauf.

Volpp schildert diese durchaus auslegbare, nicht in allen Punkten eindeutig und umfassend dokumentierte Gründungsgeschichte mit der Überzeugungskraft, freilich doch für dies und jenes genügend Anhaltspunkte zu besitzen. Und, weil im Hörerpublikum sowohl vorinformierte, mit Grunddaten versorgte Freudenstädter wie auch ahnungslose Auswärtige sitzen, gibt es ein Schnell-Briefing immer dazu: Größe des Marktplatzes, Grundsteinlegung Stadtkirche – die übrigens als die Prachtvollste in ganz Württemberg geplant war -, die ihr zugedachte Eckposition, ihre Doppeltürmigkeit, die frühen Statikprobleme auf unsicherem Grund, der anfängliche Mangel an Baumaterial, das ursprüngliche Höhenmaß, und schließlich auch der Stadtkirchenbaumeister, der eben nicht Schickhardt, sondern Elias Gunzenhauser hieß. In 5 bis 8 Minuten hat Volpp einige Geheimnisse und Sonderheiten des wunderlichen Winkelhaken-Bauwerks am Marktplatzeck aufgeblättert.

Freudenstadts Schicksaljahre

Dann aber, nach zehn Jahren Freudenstadt-Aufpäppelung durch die herzogliche Bürger-Anwerbung – bereits 1603 zählte die Stadt knapp 2000 Einwohner und kam damals einer Großstadt gleich – ging es mit der neuen Residenz steil bergab. Friedrich I. starb 1608, die Pest grassierte nach 1610, im Jahr
1632 brannte das Städtchen komplett ab, um sieben Jahre später auch noch ausgeplündert zu werden. „Freudenstadts Schicksalsjahre“ nennt der Geschichtserzähler Volpp diese Wendejahre, als die Einwohnerzahl stark abnahm und man daran dachte, die verödete junge Herzogsstadt ganz aufzugeben.

Vielleicht hat die beim Brand erhalten gebliebene Stadtkirche die Stadt vor dem Verschwinden bewahrt. Der Fortbestand der Fürstenkirche wurde von der Bevölkerung als ein „Werk Gottes“ eingestuft – und als Auftrag, die Stadt wieder aufzubauen. So erkennt es der Stadtgeschichtler Volpp zumindest in der historischen Nachbetrachtung.

Der Abend im Hotel Adler dauert an, und er bleibt eine ungemein spannende Zeitreise, gerade auch wenn der Referent aus der verblassten und wenig ruhmreichen Zwischenzeit Freudenstadts zwischen Wiedergeburt im 17.Jahrhundert, Hinterwäldler-Dasein und fast völliger Vergessenheit Mitte des 19. Jahrhunderts Episoden schildert. „Was ich Ihnen heute erzähle, das habe ich
alles aus dem Archiv“, sagt
der Sachkenner. Im Archiv und
in Nachlässen hat sich Volpp
auf äußerst akribische Weise schlaugemacht.

Als langjähriger Stadtrat hat der Freigeist vor allem auch den Ratsakten Freudenstadts große Beachtung geschenkt. Deshalb kann er die Stadtentwicklung sozusagen von der legislativen und von der exekutiven Seite her erklären. Ein ungemein lehrreiches und in Freudenstadt bisher so noch nicht ausgereiztes Forscher-Betätigungsfeld, das der Gemeinderat da unermüdlich beackert. Wobei der homo politicus bei Volpp immer auch unabweisbar durchschlägt, wenn er kluge politische Schachzüge wohlgefällig kommentiert oder den Stadtvorständen ob ihrer vernünftigen Ratspolitik im Nachhinein Ehrenkränze flicht.

Eigentlich müsste die Freudenstadt-Geschichtswerkstatt des ehrenamtlichen Archivars und Erzählers Volpp immer donnerstags um 19 Uhr im „Adler“ zu einer Pflichtveranstaltung für Schüler im Fach Geschichte/Heimatkunde an den Freudenstädter Schulen gekürt werden.

Die Freudenstadt-Reise geht, da lässt der Mann hinter dem Manuskript-Stapel nicht locker, noch bis zum „Weltkurstädtchen“, zur Infrastruktur-Blüte Anfang des 20.Jahrhunderts mit Kino, Gaswerk und erster Kläranlage, zu Kurgäste-Boom, Kriegszerstörung und Wiederaufbau-Wunder – bis hin zu einem abschließenden Glossar mit Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten in Freudenstadt.

„In Freudenstadt wird’s einem nicht langweilig“, meint Fritz Volpp wissend lächelnd am Ende seiner Abendlektion. Ihm selbst sicher am allerwenigsten. Der engagierte Freudenstadt-Sympathisant vergisst auch nicht die ergänzenden Tipps an seine Hörer: „Gehen Sie doch auch ins sehenswerte Heimatmuseum. Besichtigen Sie Stadtkirche und Kurhaus!“ Das, man merkt’s, sind ihm wahre Herzensanliegen.

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14.02.2018, 01:00 Uhr

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