Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Dreschen bis der Regen kommt

Erst zu trocken, dann zu nass: Bauern bangen um Getreideernte

Jeden zweiten, dritten Tag Regen: Das nervt. Den Landwirten im Landkreis Tübingen geht das Wetter jedoch nicht nur an die Nerven. Sie kommen mit der Getreideernte nicht voran, dreschen oft schlechte Qualität und müssen sich auf niedrige Erlöse einstellen.

07.08.2014
  • Uschi Hahn

Tübingen. Gestern war ein guter Tag: Vom späten Vormittag an, als die Sonne die Feuchte der Nacht aus den Ähren geholt hatte, ratterten die Mähdrescher überall im Landkreis über die Äcker. Für die Nacht hatte der Agrarwetterbericht schon wieder eine Regenwahrscheinlichkeit von 80 Prozent angegeben. Dann wird es heute wieder nichts mit dem Dreschen. Dabei können die Bauern zusehen, wie Weizen, Sommergerste und Hafer auf dem Halm immer mehr an Qualität einbüßen.

Erst zu trocken, dann zu nass: Bauern bangen um Getreideernte
Mit hoher Schlagzahl übers Getreidefeld: Gestern nutzten die Landwirte (hier im Neckartal bei Kiebingen) jede trockene Minute zum Dreschen.

Sebastian Reutter saß gestern von morgens um 10.30 Uhr auf seinem Mähdrescher. Am frühen Nachmittag war der 27 Jahre alte Landwirt, der mit seinem Vater Christian den Kreuzberger Hof in Hagelloch bewirtschaftet, im Ammertal angekommen. Mit seinem viereinhalb Meter breiten Mähwerk macht der Drescher gut zwei Hektar in der Stunde. An guten Erntetagen wie gestern kurven die Reutters bis spät in die Nacht auf ihren Feldern herum, um das Korn zu retten, bevor es auskeimt und zum Backen nicht mehr zu gebrauchen ist.

An diesem Nachmittag hat Reutter Glück: Als er eine Hand voll Weizenkörner aus dem Wagen nimmt, in den der Ernter das gedroschen Getreide über ein Rohr bläst, genügt dem Jungbauern ein Blick und er weiß: Die Qualität stimmt noch. „Die glasigen Körnle sind gut, da ist noch nichts ausgewachsen“, erklärt Sebastian Reutter und wirft den Weizen zurück in den Container auf dem Wagen.

Marc Kienzlen hat in den vergangenen Tagen schon anderes gesehen. Bei manchen Weizenladungen, die in der Unterjesinger Mühle in die Gosse liefen, genügte auch dem Müller ein Blick, um zu sehen: „Das ist nix.“ Bei vielen der überreifen Körnern blitzte schon der Keim grün hervor. Zum Vermahlen und Backen eignet sich solch ausgekeimtes Korn nicht mehr. Es taugt allenfalls noch als Futtergetreide.

Entsprechend niedrig wird der Preis sein. Während in guten Jahren die Landwirte schon 20 Euro für den Doppelzentner Backweizen erlösten, bringt Futtergetreide derzeit vielleicht 14 Euro ein.

Christian Reutter, Sprecher der Landwirte im Kreis Tübingen, hat in den vergangenen Tagen erlebt, wie schnell es gehen kann, dass aus bestem Korn mindere Qualität wird. Anfang vergangener Woche hatte der Dinkel auf einem seiner Äcker noch eine Fallzahl von 300 (siehe Infobox). Nach dem Gewitterregen Mitte der Woche war es weit weniger als die Hälfte. „Unter 200 kann der Müller das nicht mehr verwenden“, so Reutter. Auf anderen Feldern war der Dinkel noch in Ordnung. Das Tükorn-Projekt sei jedenfalls nicht in Gefahr, sagen Reutter und Kienzlen über das Brot aus regionalem Dinkelmehl.

Ein Gutteil der Ernte-Probleme sind auf die Trockenheit im Frühjahr zurückzuführen. „Wo das Getreide zu wenig Wasser bekommen hat, hat es im Sommer früh auf Notreife umgeschaltet“, erklärt Reutter. Aber wenn das Korn reif ist, genügen eben wenige feucht-warme Tage, damit es auskeimt. Um das zu verhindern, dreschen derzeit viele Landwirte auch Korn, das eigentlich noch zu nass ist. „Da nimmt man die Kosten für die Trocknung in Kauf“, sagt Reutter.

Erst zu trocken, dann zu nass: Bauern bangen um Getreideernte
Landwirten wie Sebastian Reutter genügt derzeit ein Blick, um zu erkennen wie es um die Qualität ihres Weizens steht. Bild: Hahn

Dabei hatte die Getreide-Ernte Anfang Juli eigentlich richtig gut begonnen. Die Wintergerste war ein bis zwei Wochen früher reif als sonst üblich. „Wenn’s normal gelaufen wäre, wären wir jetzt durch“, sagt Michael Bilger, Chef der Landwirtschaftsabteilung im Landratsamt. Doch der Zeitvorsprung ist weg. „Normal ist Anfang August der Weizen durch“, so Bilger. Und auch das restliche Getreide könnte gedroschen sein, wenn nicht das Wetter wäre. „Die Sorten sind heute schneller reif als früher“, sagt Bilger. So bleibe den Landwirten mehr Zeit für die Bodenbearbeitung vor der nächsten Aussaat. Jetzt aber drängt die Zeit schon wieder. „Denn bis etwa 20. August“, so Bilger, „muss der Raps gesät sein.“

Die Landwirte bleiben also in den kommenden Tagen vom Wetter Getriebene. Sie können sich allenfalls damit trösten, „dass es die anderen genauso schlimm trifft“, wie Christian Reutter etwas bitter bemerkt. Dabei bräuchten die Bauern nur ein kleines stabiles Sommerhoch. „Eineinhalb Wochen schönes Wetter, dann ist auch das Stroh noch halbwegs zu gebrauchen“, sagt Reutter.

Sein Sohn Sebastian hat schon gestern Nachmittag geahnt, dass es damit wohl nichts wird. „Bis es wieder regnet“, sagte der 27-Jährige auf die Frage, wie lange er noch dreschen wolle. Aber hinter ihm zogen von Westen her schon wieder dunkle Wolken ins Ammertal.

Wie gut sich Mehl zum Backen eignet, hängt vor allem von der Beschaffenheit der Stärke im Getreidekorn ab. Weizenkörner zum Beispiel bestehen bis zu 70 Prozent aus Stärke, die später beim Backen mit der Teigflüssigkeit verkleistert.
Im reifen Getreidekorn bilden sich aber auch Enzyme, die die Stärke abbauen. Diese so genannten Amylasen stecken vor allem im Keim. Je weiter der entwickelt ist, desto weniger Stärke befindet sich im Korn.
Um den Zustand zu prüfen, wird das Korn grob vermahlen, mit Wasser vermischt, erhitzt und eine Minute mit einem genormten Stab gerührt. Gemessen wird dann die Zeit, die der Stab inklusive der 60 Sekunden Rührzeit benötigt, um durch den Stärkekleister zu Boden zu sinken.
Das Ergebnis wird als Fallzahl bezeichnet. Je dickflüssiger der Stärkekleister, desto höher ist die Fallzahl.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

07.08.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball