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Neue Strategie gegen Krebs

Erste Patienten-Studie mit ermutigenden Ergebnissen

Die Firma Curevac hat erste überzeugende Ergebnisse ihres Impfstoffs gegen Prostatakrebs vorgelegt. Bei mehr als 70 Prozent der Patienten reagierte das Immunsystem auf den Impfstoff, der auf einem völlig neuen Prinzip basiert.

05.10.2010

Von Angelika Bachmann

Tübingen. Ein Mittel zu finden, mit dem man Krebs heilen könnte, davon redet heute kaum noch jemand. Die Vision in der Krebsmedizin heißt vielmehr: Man will Therapien entwickeln, mit denen man den Tumor so im Griff hat, dass Krebs eine chronische Krankheit wird, mit der man lange leben kann, sagt Ingmar Hoerr, Geschäftsführer der Firma Curevac. Denn die meisten Menschen sterben nicht am ursprünglichen Tumor, sondern an den Metastasen, die sich im Körper ausbreiten, Organe befallen und zerstören.

In den Mittelpunkt der Forschung sind deshalb Therapien gerückt, die das Immunsystem der Patienten im Kampf gegen Tumorzellen als Verbündeten gewinnen wollen. Man hofft, dass diese Immuntherapien schonender sind als die bisherigen Chemo- oder Strahlentherapien, die mit schweren Nebenwirkungen nicht nur Tumorzellen sondern eben auch für den Körper wichtige Zellen zerstören. Damit wären Immuntherapien auch als Langzeittherapie bei einer chronischen Krankheit geeigneter. In Tübingen gibt es gleich drei Firmen- und Forschergruppen, die an solchen Impfstoffen gegen Krebs arbeiten.

Die Firma Curevac hat vor zehn Jahren begonnen, Präparate zu entwickeln, die dem Immunsystem helfen, sich auf Tumorzellen scharf zu stellen. Dabei benutzen die Curevac-Leute eine völlig neue Technologie: Sie setzen den Botenstoff RNA als Vehikel und Informationsträger des Impfstoffs ein.

Gestern präsentierte die Firma die Ergebnisse ihrer ersten Studie mit Patienten. „Die Daten sind äußerst ermutigend“, sagt Hoerr. Mehr als 70 Prozent der Patienten mit Prostatakrebs reagierten auf den Impfstoff. Die Ergebnisse seien so gut, dass Curevac mit quasi unverändertem Impfstoff in die nächste Phase der klinischen Tests einsteigen wird, so Hoerr. Ob sich Curevac einen Kooperationspartner sucht oder die Studie aus eigener Kraft stemmt, ist noch nicht klar. Derzeit finden Gespräche mit Pharma-Firmen statt.

Bei der Studie wurde 44 Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs der Impfstoff CV 9103 verabreicht. Die Patienten erhielten Injektionen unter die Haut gespritzt. Die Beobachtungsdauer betrug etwa hundert Tage. Danach wurde das Blut der Patienten getestet. Tatsächlich hat der Impfstoff das Immunsystem bei einem Großteil der Patienten aktiviert. Zudem sei der Wirkstoff, wie die Studie zeige, sicher, gut verträglich und nahezu nebenwirkungsfrei. Es habe lediglich leichte Rötungen an den Einstichstellen gegeben, so Hoerr

Die Firma Curevac entstand im Jahr 2000 als Ausgründung aus der Universität. Hauptinvestor ist der Biotech-Fonds des SAP-Gründers Dietmar Hopp, der den Forschern erst im Mai dieses Jahres weitere 27,6 Millionen Euro zusagte. Neben dem Prostata-Impfstoff erprobt Curevac derzeit ein Präparat gegen nicht-kleinzelligen Lungenkrebs, das auf derselben RNA-Technologie basiert.

Neben Curevac entwickelt auch die Tübinger Firma Immatics Immuntherapien gegen Krebs. Immatics hatte im Juni ebenfalls sehr gute Ergebnisse einer Studie mit Nierenkrebspatienten vorgelegt. Zudem arbeiten Forscher um den Immunologen Prof. Hans Georg Rammensee an der Entwicklung einer patienten-individuellen Immun-Therapie gegen Leberkrebs (wir berichteten).

RNA – das sensible Biomolekül soll für die Medizin nutzbar werden

Die Messenger-Ribonuklein-Säure (RNA) ist ein wichtiger Botenstoff im Körper: Sie liefert die in den Genen festgeschriebenen Bauanleitungen für Proteine dorthin, wo sie in der Zelle benötigt werden. RNA ist eigentlich ein sehr instabiles Molekül. Die Firma Curevac hat Technologien entwickelt, mit der dieser Botenstoff so verändert werden kann, dass er stabiler wird und für therapeutische Zwecke eingesetzt werden kann. Dass die Firma sich im Untertitel „the RNA people“ nennt, rührt auch daher, dass die Forscher im Laufe der Jahre zu Experten im Umgang mit dem sensiblen Molekül wurden – eine Expertise, die sich vermarkten lässt. In ihren Labors im Technologiepark haben sie eine weltweit einzigartige Produktionsstätte für die Herstellung von therapeutisch einsetzbarer RNA. Jüngster Erfolg im Umgang mit dem sensiblen Bio-Molekül: Curevac kann RNA jetzt auch so modifizieren, dass die Präparate bei Zimmertemperatur lagerbar sind. Damit könnten sie auch in Ländern zum Einsatz kommen, in denen es schwierig ist, Kühlketten aufrecht zu erhalten.

Von der Idee bis zu den ersten Ergebnissen in Patiententstudien vergingen zehn Jahre – so manche Zellkultur wurde in dieser Zeit im Curevac-Labor pipettiert. Im Bild: die beiden Labormitarbeiterinnen Helen Baur (vorn) und Simone Eppler. Bild: Sommer

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Erstellt:
5. Oktober 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Oktober 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Oktober 2010, 12:00 Uhr

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