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Tübinger Universitätszeichner (1): Johann Christian Partzschefeld

Erster und zweiter Mann

Am Anfang stand ein Sachse. Johann Christian Partzschefeld darf mit Fug und Recht als Tübingens erster Universitätszeichenlehrer bezeichnet werden. Weshalb er auch den Reigen der Porträts eröffnet, mit dem wir die Ausstellung „Künstler für Studenten“ im Tübinger Stadtmuseum begleiten.

21.07.2012

Ein Bildnis des Pinsel-Pioniers gibt es offenbar nicht. Johann Christian Partzschefeld(t), wie Mozart im Jahr 1756 geboren, kam als 21-Jähriger nach Tübingen, wo der gelernte Zeugmacher wohl zuerst einmal in seinem Brotberuf arbeitete. Womöglich kam er über den befreundeten hiesigen Porträtmaler Jakob Friedrich Dörr zur Kunstmalerei.

In der schwäbischen Universitätsstadt schlägt sich Partzschefeld, erst als Privatzeichenlehrer und Vedutenmaler durch, erhält aber 1785 das akademische Bürgerrecht und die (zuerst noch unvergütete) Stelle eines universitären „Schreibmeisters“. Umgehend ehelicht der die soziale Trittleiter erklimmende Künstler ein Balinger Bürgerstöchterlein.

Vor knapp 200 Jahren wird mit Partzschefeld dann erstmals ein Tübinger „Universitätszeichnungslehrer“ erwähnt. In Stellung ist er da allerdings schon mindestens 17 Jahre, wie ein Bittgesuch der Witwe an die Universität belegt. Denn ihr bestätigt im Todesjahr 1820 die Uni: „Der Verstorbene hat seit dem Jahr 1796 als damals bei der Universität angestellter Zeichenmeister sowohl durch Schreib- als durch Zeichenunterricht lange Zeit ohne alles Gehalt sich vielen nützlich gemacht.“

Erst seit 1816 bezieht Partzschefeld ein kleines Salär. Trotz seiner vorausgegangenen Verdienste bleibt er aber in der zweiten Reihe, denn Jakob Dörrs Filius Christoph Friedrich Dörr wird dem 26 Jahre älteren Partzschefeld vorgezogen. Er war also erster und zweiter Mann zugleich auf diesem Posten.

Somit leistet sich die Uni damals über dreieinhalb Jahrzehnte immerhin gleich zwei Zeichenlehrer zu selben Zeit – wobei der sächsische „Reingeschmeckte“ zweifellos eher dem akademischen Prekariat zuzurechnen ist. Gesellschaftlich eingebunden wird er aber doch. 1813 ist er Patenonkel von Lotte Zimmer, die später dann den verwirrten Friedrich Hölderlin betreuen wird.

Partzschefelds bleibender Ruhm hat mehr mit den Stadtansichten zu tun, die er in seinen 35 Tübinger Jahren verfertigt. Er ist einer der ersten, der nicht nur die Schau- und „Schokoladenseite“ von Süden her erfasst, sondern alle vier Himmelsrichtungen auslotet und abbildet. Das Stadtmuseum besitzt insgesamt 15 „Partzschefelds“, darunter „Tübingen von der Morgenseite“ (also von Osten, genauer von der Gartenstraße), „Tübingen von der Mitternachtseite“ (vom Norden aus), „Tübingen von der „Abend-Seite“ (der Blick von Westen, auf Schloss und Österberg) und „Tübingen von der Mittags Seite“ (ein entrückter Standort südlich des Neckarufers).

Allen Motiven gemeinsam sind Paare, Passanten, wie sie stellvertretend für den Betrachter ihrerseits den Blick schweifen lassen. Und weidende Pferde. Ein Tübingen-Idyll wird nicht vorgegaukelt, es ist noch existent. Der flanierende Bürger rückt zwar nicht in den Mittelpunkt und wird (anders als vom Mit-Zeichenlehrer Dörr) noch nicht porträthaft in Öl verewigt. Aber das Bürgertum ist zumindest am Rand vorhanden, ist notwendige Staffage. Bald wagt es einen weiteren Schritt voran. Promenierend und gelegentlich sogar protestierend.

Wilhelm Triebold

Info: Die Ausstellung „Künstler für Studenten – Bilder der Universitätszeichenlehrer“ ist im Kornhaus-Stadtmuseum bis 16. September zu en üblichen Öffnungszeiten zu sehen.

Erster und zweiter Mann
1799, zwei Jahre nachdem Goethe hier einkehrte, aquarellierte und radierte Partzschefeld den Gasthof „Traube“ nahe dem Lustnauer Tor.Bild: Städtische Sammlungen

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21.07.2012, 12:00 Uhr

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