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Neun Jahre Haft für Familienvater

Erstes Urteil im Kokain-Prozess

Von den acht Angeklagten im größten Drogenprozess im Land seit 20 Jahren wurde gestern der erste verurteilt: Ein 33-jähriger zweifacher Familienvater bekam neun Jahre Haft. Gegen die anderen wird kommende Woche weiterverhandelt.

10.10.2012
  • Jonas Bleeser

Tübingen. An den ersten zwei Verhandlungstagen gab es intensive Gespräche zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft außerhalb der Hauptverhandlung. Das Gericht steckte dann gestern Morgen in einer Erklärung für jeden Angeklagten einen möglichen Strafrahmen bei entsprechenden Geständnissen ab. Er bewegte sich, je nach angenommener Tatbeteiligung, zwischen drei Jahren und drei Monaten und mehr als 14 Jahren. Vier Angeklagte machten daraufhin Aussagen über ihre Rolle beim Schmuggel von 130 Kilogramm Kokain von Ecuador nach Engstingen – wenn auch nicht in dem Umfang, wie Staatsanwaltschaft und Richter es erwartet hatten. Die anderen schwiegen zunächst. Das Gericht trennte schließlich nur das Verfahren gegen den 33-Jährigen Holländer ab, der dann gestern verurteilt wurde.

Unklar bleibt, wie genau das Geschäft zustande kam, bei dem es sich laut Landeskriminalamt (LKA) nur um einen Testlauf gehandelt haben soll. Im Gespräch mit dem verdeckten Ermittler, der unter dem Namen „Pablo“ gegenüber den Angeklagten auftrat, soll es um bis zu 1,5 Tonnen Kokain gegangen sein. Das LKA hält einen 44-jährigen Kolumbianer für den Kopf der Bande in Europa. Er sagte gestern aus, über genaue Mengen nichts gewusst zu haben. Die Verhandlungen mit „Pablo“ habe er für einen Lohn von 60 000 Euro im Auftrag eines anderen geführt – des Mannes der jüngsten Angeklagten. „Er war der Chef.“ Der habe zuerst Kontakt mit „Pablo“ aufgenommen. Der offiziell noch per Haftbefehl gesuchte angebliche Hintermann, so stellte sich im Laufe der Verhandlung heraus, wurde wahrscheinlich bereits vergangenes Jahr in Spanien getötet. Von wem und warum, ist unklar.

Seine Witwe erfuhr erst in der Untersuchungshaft vom Tod des Mannes, mit dem sie zwei Kinder hat. Die 24-Jährige gab gestern an, ihn mit 15 Jahren geheiratet zu haben. Dann zog sie mit ihm nach Spanien. Ihr Mann sei oft monatelang weg gewesen, sie habe nur geahnt, dass er kriminell sei. In seinem Auftrag habe sie „Pablo“ in Frankfurt ein Blackberry-Handy übergeben und ihm genau erklärt, wie er per Chat Kontakt mit ihrem Mann aufnehmen könne. Von dem geplanten Deal will sie nichts mitbekommen haben.

Ein 45-Jähriger aus Argentinien, der in Engstingen beim Ausladen des Kokains verhaftet wurde, gab an, erst am Abend vorher in Amsterdam rekrutiert worden zu sein. Für einen Lohn von 1000 Euro sollte er einen Teil des Kokains nach Amsterdam schmuggeln. Rund 20 000 Euro sollte dagegen der nun verurteilte 33-Jährige erhalten: Er sollte gemeinsam mit seinem 76-jährigen Adoptivvater 50 Kilo der Droge nach Amsterdam bringen und „Pablo“ 250 000 Euro für den Transport nach Deutschland bezahlen.

Sein letztes Wort sprach er unter Tränen: „Ich entschuldige mich, es tut mir sehr leid. Ich will nur noch irgendwie aus dem Schlamassel raus.“ Das Gericht verurteilte ihn, wie von den Anklägern gefordert und seinen Verteidigern empfohlen, zu neun Jahren Haft. Die Höhe des Strafmaßes sein an der unteren Grenze, so die Richter: Es habe sich schließlich um etwa 3,5 Millionen „volle Nasen Kokain“ (Oberstaatsanwalt Henn) gehandelt – mit einem Straßenverkaufswert von 50 bis 60 Millionen Euro. Strafmildernd sei auch, dass sich die Drogen in Europa immer unter Kontrolle der Polizei befunden hätten. Nach der Hälfte der Strafe, die Untersuchungshaft von zehn Monaten angerechnet, kann er nach Holland abgeschoben werden.

Richter am Landgericht: Martin Streicher (Vorsitzender), Diana Scherzinger, Thomas Geiger; Schöffen: Horst Schmid, Horst Weisenburger; Staatsanwälte: Bernhard Henn, Nicolaus Wegele; Verteidiger: Urs Heck, Stephan Lohrmann

Die Verteidiger zweier Angeklagter stellten gestern den Antrag, die Ermittlungsergebnisse der eingesetzten verdeckten Ermittler zwischen dem 21. Oktober und dem 4. Dezember vergangenen Jahres nicht zu verwenden. Für diesen Zeitraum sei es von den Ermittlungsbehörden aus Versehen versäumt worden, den Einsatz durch einen Richter genehmigen zu lassen. Auch bei Gefahr in Verzug sei ohne richterlichen Beschluss ein solcher Einsatz nur für drei Tage zulässig. Die Staatsanwaltschaft räumte ein, den Termin für eine Verlängerung verpasst zu haben. Allerdings habe der Bundesgerichtshof in einem ähnlichen Fall die Auswertung einer Telefonüberwachung sehr wohl zugelassen. Einen Beschluss fasste das Gericht gestern dazu noch nicht.

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10.10.2012, 12:00 Uhr

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