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In Los Ämmerles haben Kinder eine Woche das Sagen

Erwachsene an die Leine

Kinder an die Macht – das war mal ein Grönemeyer-Lied. Ein bisschen Wirklichkeit geworden ist es in der Ammerbucher Kinderspielstadtwoche. Vom Parlament bis zur Müllabfuhr regeln alles die Ammerbucher U 14.

01.08.2012
  • WOLFGANG ALBERS

Altingen. Luisa Adam ist acht Jahre alt und hat ein rotes Seil. Und damit nimmt sie alle Erwachsenen ins Schlepptau, die aufs Gelände der Altinger Schule kommen: Das ist eingezäunt und sozusagen exterritoriales Gebiet– das der Kinderspielstadt Los Ämmerles.

Seit zehn Jahren gibt es alle zwei Jahre eine Spielstadtwoche. So heiß begehrt, dass die 250 Plätze für Kinder unter 14 Jahren nicht ausreichen – auch dieses Jahr mussten Kinder draußen bleiben.

Was ist eine Spielstadt? Genau das erklärt Luisa. Sie wartet am Eingang, im Touristenbüro. Dort werden Erwachsene in Empfang genommen. Sie sollen nicht kreuz und quer übers Gelände laufen und sich womöglich noch ins Kindertun einmischen. Deshalb führt sie Luisa an der roten Leine.

Auf eine große Runde. In die Gärtnerei oder die Schreinerei, ins Teehaus oder den Kindergarten, aufs Arbeitsamt oder die Bank. Denn Los Ämmerles ist eine Republik im Kleinen. Wie die Großen produzieren und handeln die Kleinen, bauen eine Infrastruktur vom Krankenhaus bis zum Kindergarten auf, tagen in einem Parlament – oder vergnügen sich etwa in einem Zirkus. Die Kinder spielen dabei ihre Rollen nicht, sondern sind Parlamentarier, Wasserversorger oder Bankangestellter mit entsprechender Verantwortung. Also wird in der Weberei oder der Schneiderei nicht gebastelt, sondern gearbeitet– für Geld: die Spielstadtwährung Ammertaler. Damit können die Kinder dann shoppen gehen.

„Das trägt dazu bei, dass Kinder den Alltag anders wahrnehmen. Sie wissen dann, dass man sich alles erarbeiten muss im Leben, dass es das T-Shirt nicht umsonst gibt.“ Sagt Diane Hertle-Kraus – eine der Erwachsenen, ohne die es dann doch nicht geht. Denn das ganze Projekt ist aus einer Elterninitiative entstanden.

15 Erwachsene sind es momentan, die als Kernteam seit Oktober intensiv die Spielstadt verbereitet haben. Unterstützt werden sie dabei auch von den Martin-Bonhoeffer-Häusern – diese sozialtherapeutische Jugendhilfeeinrichtung hat die juristisch nicht unwichtige Trägerschaft übernommen.

Viele Erwachsene helfen auch als Mitarbeiter in der Spielstadt mit, etwa im Krankenhaus, wie die Kinderkrankenschwester Rike Schilling. Das 142 Köpfe große Mitarbeiterteam ist auch eine geschickte Gelegenheit für Jugendliche, die dem Spielstadt-Alter entwachsen sind. Wie Marlen Gänsbauer, die in der Gärtnerei Lavendelblüten in Säckchen füllt. Seit 2004 ist sie in der Kinderstadt dabei – jetzt halt als jugendliche Mitarbeiterin.

Luisa führt weiter, ins Chillhouse. Schummrig ist es da, Matratzen liegen aus, eine Diskokugel kreist. Und als Stoff kann man sich Eistee kaufen.

Weiter zum Essenszelt. Gemüse-Reis-Pfanne gibt es. Kostenlos für alle, wie auch Sprudel zum Trinken. Ein eigener Betrieb karrt den den ganzen Tag übers Gelände. Alle Mitarbeiter sind gehalten, den Kindern ständiges Trinken einzuschärfen. „Die vergessen das vor lauter Eifer sonst“, sagt Diane Hertle-Kraus.

Weiter. Im Krankenhaus setzt Ronja Schilling Kunden aufs Fahrrad, misst Blutdruck, Größe und Gewicht: „So können wir auch den Body-Mass-Index errechnen.“

Im Kindergarten, in dem Mitarbeiter ihre ganz Kleinen abgeben, arbeitet Hendrik Sailer: „Es ist lustig mit den kleinen Kindern.“ Zum Beispiel, sie im Bollerwagen durch die Spielstadt zu ziehen. Am Parlament hängen Wahlplakate. „Wählt mich!!!“, wirbt Gabriel Peters. Und verspricht ein Fußballturnier. Andere ködern mit Steuersenkungen.

Im Arbeitsamt sitzt Tim Oberdörfer vor den unbeliebten Jobangeboten. Etwa der Spülstation – obwohl es da 50 Prozent Schmutzzulage gibt. Bank oder Fotostudio sind dagegen der Hit. „Es ist wie im richtigen Leben“, beobachtet Diane Hertle-Kraus: „Manche schaffen den ganzen Tag, andere lassen es lieber ruhig angehen.“

Wie im richtigen Leben ging es auch den Reportern der Spielstadt-Zeitung. Sie bissen bei der Recherche auf Granit: „Wir versuchten ein Interview mit dem Waffelladen zu führen, der sich ohne Grund dagegen wehrte.“ Die Zeitung schlug zurück. Sie erschien mit der Schlagzeile: „Waffelladen, vielleicht der unfreundlichste Betrieb?“

Erwachsene an die Leine
Nur fürs Foto ließ sie den Reporter von der Leine: Fremdenführerin Luisa Adam in der Künstlerei der Kinderspielstadt Los Ämmerles. Bild: Albers

Erwachsene Besucher müssen nicht nur an die Leine, sondern dürfen auch nur im Eltern-Garten etwas essen oder trinken. Absperrbänder halten sie vom Rest der Spielstadt fern. Am Samstag allerdings sind sie als Mitmachende willkommen. Da startet ab 9.30 Uhr ein Spiel ohne Grenzen, in dem alle mitmachen können. Infos zur Woche unter: www.los-aemmerles.de

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01.08.2012, 12:00 Uhr

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