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Neun von zehn Deutschen hadern mit dem Kapitalismus

Es fehlt die politische Kraft zur Erneuerung

Die Wirtschaft boomt, diePolitik verkündet das Ende der Krise. Gleichzeitig sehnen sich laut einer Emnid-Umfrage 88 Prozent der Deutschen nacheiner neuen, besseren Wirtschaftsordnung. Wir fragten den Tübinger Volkswirtschaftler Prof. Joachim Starbatty, wie er sich die massenhafte Abkehr von der Marktwirtschaft erklärt.

29.08.2010

Herr Starbatty, ist es nicht erschütternd für einen überzeugten Verfechter der Sozialen Marktwirtschaft, dass die Leute jetzt nichts mehr davon wissen wollen?

Inzwischen ist die real existierende Soziale Marktwirtschaft soweit von der Konzeption ihrer Gründungsväter entfernt, dass man den Wunsch nach Erneuerung unserer Wirtschafts- und Sozialordnung verstehen kann. Ich selbst habe zum 60. Geburtstag der Sozialen Marktwirtschaft – die Währungsreform von 1948 und die damit verbundene Befreiung von staatlicher Gängelung – mit Freunden und Kollegen einen „Jenaer Aufruf“ zur Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft verfasst, der als eine Abkehr von der real existierenden Sozialen Marktwirtschaft aufgefasst werden muss.

Welchen hätten Sie denn gern, wenn nicht den real existierenden Kapitalismus?

Ich kämpfe unverdrossen für eine Soziale Marktwirtschaft, die auf Freiheit beruht und dem einzelnen Individuum die Sicherheit gibt, dass es in Zeiten individueller und allgemeiner Not aufgefangen wird.

Allein, den Massen fehlt der Glaube. Vom einstigen Glanz des wirtschaftswunderbaren Erfolgsmodells aus Erhards Zeiten scheint nicht mehr viel übrig zu sein.

Inzwischen unterdrückt staatliche Gängelung und Belastung mehr und mehr individuelle Freiheit. Daher sinkt die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Der Staat muss sparen, um nicht im Schuldensumpf zu versinken. Solange aber im Bundeshaushalt zwei Drittel der Mittel für soziale Zwecke verwendet werden, führen Kürzungen immer zu sozialen Ungerechtigkeiten.

Die größte ist ja doch wohl, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer zahlreicher werden – dass also Staat und Wirtschaft offenbar nicht mehr willens oder in der Lage sind, einen als halbwegs gerecht empfundenen sozialen Ausgleich zu schaffen?

Bei der Frage der Konzentration des Reichtums müssen die Verwendung des Reichtums und die Entwicklung der Konkurrenzsituation im Vordergrund stehen. Im Sozialismus gehörten die Fabriken der werktätigen Bevölkerung, die Autos davor den Funktionären. Im Kapitalismus gehören die Fabriken einzelnen Leuten oder wenigen Großaktionären, die Autos davor den Werktätigen. Wenn die Überschüsse aus gewerblichem Vermögen nicht verprasst, sondern sorgsam investiert werden, dann schafft das Beschäftigung. Wenn aber Funktionäre über die Verwendung entscheiden, dann haben wir Cliquenwirtschaft und Verschwendung.

In den USA besitzt ein Prozent der Bevölkerung bereits über 37 Prozent des gesamten Vermögens, den unteren 80 Prozent gehören noch zwölf Prozent. Wie ist eine solche Entwicklung aus volkswirtschaftlicher Sicht zu beurteilen?

Es gibt eine Konzentration von Vermögen, die politisch und gesamtwirtschaftlich gefährlich wird. Kann die Konkurrenz an die Wand gedrückt werden und wird deshalb der Staat erpressbar, wie wir es heute im Zuge der Bankenkrisen erleben, wo Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, dann wird in der Tat der Rubikon von Marktwirtschaft in Richtung Staatswirtschaft überschritten, wobei der Staat dann bloß noch ein ausführendes Organ darstellt.

Sie haben 2008 Ihre eigene Zunft scharf kritisiert. Vor lauter Zahlenklauberei, so lautete Ihre Kritik, würden die Ökonomen gar „nicht mehr wahrnehmen, was sich da zusammenbraut“. Was braut sich denn zusammen – womöglich eine Renaissance marxistischer Ideen?

Ich werfe meinen Kollegen nicht vor, dass sie sich an Modellen angelsächsischer Provenienz mathematisch abarbeiten, um in die Top-Journals zu kommen. Ich werfe ihnen vor, dass sie sich bloß noch für diese Form von Ökonomie interessieren und damit sprachlos der letzten Krise gegenüberstanden. Ich erwarte in der Tat eine Renaissance der Ökonomie – allerdings nicht in Richtung marxistischer Ideen. Der Marxismus war nie für eine moderne arbeitsteilige Wirtschaft konzipiert worden. Man schaue sich die Volksrepublik China an, deren politische Klasse im Verein mit einzelnen Kapitalisten unter sozialistischen Vorzeichen ein umfassendes Ausbeutungssystem an Natur und Menschen etabliert hat.

Das bundesdeutsche Gegenmodell lebte davon, dass der zu verteilende Kuchen stetig größer wird – und damit auch das Stück für jeden einzelnen. Doch heute glauben laut Emnid zwei Drittel aller Deutschen, dass sie selbst im Falle eines stürmischen Aufschwungs nichts mehr davon abkriegen würden. Bitter für einen Sozialen Marktwirtschaftler?

Ich verstehe die Menschen, die angesichts wieder explodierender Managergehälter und gekürzter Sozialleistungen annehmen, dass der volkswirtschaftliche Kuchen nicht gerecht verteilt werde. Unsere Regierung ist derzeit dermaßen darauf fixiert, Euro-Staaten, die über ihre Verhältnisse gelebt haben, finanziell zu unterstützen, dass sie bei uns vor allem im Sozialhaushalt kürzt, um die Schuldenbremse nicht lockern zu müssen. Womöglich bringt sie deswegen nicht die politische Kraft für die Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft auf. Aber vielleicht fehlt es auch an intellektuellen Fähigkeiten.

Die Fragen stellte Sepp Wais

Es fehlt die politische Kraft zur Erneuerung
Der Tübinger Ökonom Joachim Starbatty kämpft „unverdrossen für eine Soziale Marktwirtschaft“ und legt sich auch mit seiner eigenen Zunft an. Archivbild: Sommer

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29.08.2010, 12:00 Uhr

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