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Im Streik: Die Lokführer sind gefrustet

Es geht auch um überlange Arbeitszeiten und Personalabbau

Nicht im Leitstand einer Regionalbahn nach Stuttgart, sondern auf Streikposten vor dem Tübinger Hauptbahnhof sieht man die Lokführer derzeit. Mit vier von ihnen sowie einer Zugbegleiterin unterhielt sich das TAGBLATT über Gewerkschaftsmitglieder erster und zweiter Klasse, Berufsethos und 60-Stunden-Wochen.

06.11.2014
  • Volker Rekittke

Tübingen. Lokführer haben es nicht leicht zur Zeit. Ein Mann stürmt in der Bahnhofsgaststätte auf die Gruppe los, schimpft, „dass ihr euch überhaupt hier reintraut“, und zieht wieder ab. Die vier Lokführer und eine Zugbegleiterin tragen es mit Fassung. Seit 6.30 Uhr standen sie auf Streikposten vor dem Tübinger Hauptbahnhof, gerade wärmen sie sich bei Tee und Kaffee auf.

Es geht auch um überlange Arbeitszeiten und Personalabbau
Am verwaisten Tübinger Hauptbahnhof zeigten gestern streikende GDL-Mitglieder die Flagge ihrer Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (von links): die Lokführer Sebastian Rotter, Jan Hartwig, Fabian Fenner und (vorne rechts) Imke Ellerhorst sowie die Zugbegleiterin Katja Meyer. Bild: Sommer

„Sobald wir mit den Leuten ins Gespräch kommen, ändert sich der Ton meistens“, sagt Sebastian Rotter. Der 31-jährige Lokführer ist Vorsitzender der GDL-Ortsgruppe Tübingen mit ihren 140 Mitgliedern. GDL, das steht für: Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer. Etwa 16.000 der insgesamt 20.000 Lokführer bei der Deutschen Bahn sind in der GDL organisiert, sagt Rotter – außerdem rund 3000 DB-Zugbegleiter/innen, und damit etwa 30 Prozent dieser Berufsgruppe.

„Die GDL tut mehr für ihre Mitglieder“, sagt Katja Meyer, „die Gewerkschaft ist kampfbereiter.“ Meyer lenkt keine Loks, sie ist Zugbegleiterin. Und seit dem letzten Tarifkonflikt mit dem Bahn-Konzern GDL-Mitglied. Auch um sie geht es beim derzeitigen Streit zwischen GDL und der deutlich größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Den Bahn-Vorschlag, die GDL solle letztlich nur für ihre Lokführer verhandeln, während Beschäftigte wie Katja Meyer nach einem mit der EVG vereinbarten Tarif entlohnt werden, lehnt die 32-Jährige ab. „Wir wollen keine GDL-Mitglieder erster und zweiter Klasse“, sagt auch Rotter. Und jeder müsse selbst entscheiden können, welcher Gewerkschaft er beitrete.

Einen höheren Lohn fordert die GDL, um 5 Prozent soll er steigen. Vor allem aber geht es bei diesem Streik um Arbeitsbedingungen, um Personalknappheit und lange aufgestauten Frust in großen Teilen der Belegschaft. „Die 39-Stunden-Woche steht nur auf dem Papier, 50 bis 60 Stunden sind keine Seltenheit“, sagt Lokführerin Imke Ellerhorst, 26: „Hier am Tisch sitzen bestimmt 2000 Überstunden.“ Das gelte allein für die vier Lokführer. 500 Überstunden pro Person, das sind 64 Tage oder ein viertel Arbeitsjahr. Anders gesagt: „Die Überstunden von uns vier Lokführern ersetzen eine Stelle.“

Sechs Tage Arbeit am Stück seien keine Ausnahme, mehr Ruhetage lasse die angespannte Personalsituation oft nicht zu. Dass ein übernächtigter Lokführer Fehler macht, „die Gefahr ist da“, sagt Fabian Fenner, 25. Eine Folge der Überlastung sei ein wachsender Krankenstand, erklärt sein Kollege Jan Hartwig, 32. „Es ist ein Teufelskreis: Die übrigen Kollegen müssen noch mehr arbeiten.“ Zwei tarifliche Wochenstunden weniger, eine „Überstundenbremse“ bei 50 Arbeitsstunden, eine echte Fünf-Tage-Woche und „familienfreundlichere Wochenend-Regelungen“, so Katja Meyer, auch darum gehe es bei den Verhandlungen.

Überlastung und chronische Personalknappheit haben ihre Wurzeln im einst unter Bahnchef Hartmut Mehdorn forcierten Spar- und Privatisierungskurs, daran hat keiner der Fünf einen Zweifel. „Ich liebe meinen Beruf“, sagt Imke Ellerhorst. Umso weniger versteht sie manchmal ihre Chefs: „Global Player wollen wir sein, aber vor Ort lassen Service, Wartung und Bahnverkehr oft zu wünschen übrig.“ Und Lokführer Hartwig ergänzt: „Es ist schlimm, mitanzusehen, wie die Deutsche Bahn kaputtgespart wird.“

  • Drei Jahre dauert die Berufsausbildung zum „Eisenbahner im Betriebsdienst“, Fachrichtung Lokführer und Transport. Während der Ausbildung machen die Lehrlinge ihren Führerschein für den Güter- oder Personentransport mit der Bahn. Doch auch mit dem Lok-Lappen in der Tasche muss man mindestens 21 sein, um Züge auf der Strecke zu bewegen. Der andere Weg zum Lokführer: Nach einer zweieinhalbjährigen Ausbildung bei der Bahn zum Kaufmann oder zur Kauffrau für Verkehrsservice arbeiten die meisten in Reisezentren oder als Zugbegleiter. Manche machen eine neunmonatige Zusatzausbildung zum Lokführer. Diese Zusatzausbildung kann man auch mit abgeschlossener Ausbildung etwa zum Schreiner oder Elektriker machen.
  • >Eine Lokführer oder eine Lokführerin verdient anfangs 2488 Euro im Monat. Dieser Bruttolohn steigt auf maximal 3010 Euro an. Hinzu kommen im Schnitt 300 Euro brutto an Nacht- und Wochenendzuschlägen. Die Zugbegleiter/innen („Kundenbetreuer im Nahverkehr“) bekommen als Einstiegsgehalt 2153 Euro brutto – und in der Endstufe monatlich 2372 Euro.
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06.11.2014, 12:00 Uhr

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