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„Es gibt mehr zivile Opfer“
Nicole Birtsch ist Afghanistan-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Foto: SWP
Interview

„Es gibt mehr zivile Opfer“

05.10.2016
  • IGOR STEINLE

Berlin. Frau Birtsch, wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Afghanistan ein?

Nicole Birtsch: Afghanistan ist seit dem Regierungswechsel und der Beendigung des ISAF-Einsatzes Ende 2014 zunehmend von Unsicherheit geprägt. Militärisch, wirtschaftlich sowie in der Regierungsführung. Das kann man an einer Zahl festmachen: Im ersten Halbjahr 2016 gab es 1601 tote Zivilisten aufgrund des Konflikts. Das sind vier Prozent mehr als 2015. Die Zahl der zivilen Opfer steigt seit Beginn der Erhebung im Jahr 2009 stetig. Einen extremen Anstieg von Opfern gab es auch auf Seiten der Armee. Das zeigt, dass der Kampf zunehmend militärisch im Feld geführt wird. Zwischen den Fronten gibt es mehr zivile Opfer, vor allem auch Kinder.

Seit Ende des ISAF-Einsatzes sind die Taliban erstarkt. Warum ist Afghanistan militärisch so schwach?

Es ist stärker geworden, aber die Armee ist noch defensiv ausgerichtet. Sie können verlorenes Territorium zurückgewinnen, aber keine strategischen Offensiven umsetzen. Das liegt zum Teil an fehlender oder abgenutzter Ausrüstung, an mangelnder Koordinierung, aber auch daran, dass Zeitsoldaten ihre Verträge nicht verlängern oder Fahnenflucht begehen. Deswegen müssen immer wieder neue Soldaten ausgebildet werden. Wissen und Erfahrung verstetigen sich nicht, das schwächt die Armee.

Sind auch Fortschritte zu erkennen?

Auf jeden Fall. Beim Thema der Frauenrechte hat sich viel getan. Der Zugang von Frauen zu Bildung, Gesundheit oder zum öffentlichen Raum hat sich verbessert. Die Einschulungsquote von Kindern ist eklatant gestiegen. Aber die Sicherheitslage macht es schwierig, diesen Status zu halten. Schulen und Kliniken sind nicht zu erreichen oder werden zweckentfremdet.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des Landes?

Ein wichtiger Faktor ist der Zusammenhalt der Nationalen Einheitsregierung. Das heisst, dass Präsident Aschraf Ghani und der Regierungschef Abdullah Abdullah sich zusammenraufen müssen.

Wieso klappt das nicht?

Zum einen müssen beide ihre jeweiligen Unterstützer zufrieden stellen, die um Mitsprache und Ressourcen streiten. Zum anderen treffen zwei unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander. Ghani hat in den USA studiert und lange für die Weltbank gearbeitet. Er ist Technokrat und Denker, aber kein Politiker. Abdullah stand an der Seite der Mudschaheddin, er versteht es besser, Macht auf der Beziehungsebene auszubalancieren. Da treffen zwei verschiedene Führungsstile aufeinander, die nicht kompatibel sind. Wären sie es, wären die beiden ein starkes Team.

Igor Steinle

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05.10.2016, 06:00 Uhr

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