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E-Juniorenfußball

Eskalation nach dem Schlusspfiff

Ein Jungschiedsrichter behauptet, er sei von einem Vater am Kragen gepackt worden. Eltern weisen den Vorwurf zurück. Damit steht Aussage gegen Aussage, ein Dilemma, mit dem das Sportgericht immer wieder zu kämpfen hat.

08.11.2018
  • Jürgen A. Klemenz

Sie nennt sich Freundschaftsstaffel, doch mit Freundschaft hatte das nichts mehr zu tun, was sich nach einem E-Jugendspiel in einer der acht Staffeln des Nördlichen Schwarzwaldes Mitte Oktober auf einem Sportplatz des Bezirks zugetragen hat. Da gingen Eltern, nachdem ihre Sprösslinge verloren hatten, auf einen 14-jährigen Jungschiedsrichter los, der auf dem Weg in die Kabine war. Ein Vater habe ihn am Trikot gezogen und am Kragen gepackt, behauptet der Jugendliche. Alles nicht wahr, sagen die Eltern. Neutrale Zeugen gibt es nicht,
was es für das Sportgericht fast unmöglich macht, ein gerechtes Urteil zu fällen.

Gewalt bei Jugendspielen ist nicht neu, bisher war aber im hiesigen Bezirk noch einigermaßen Ruhe. Urteile des Sportgerichts gibt es eher in den höheren Altersklassen. Bei den jüngeren Jahrgängen gab es früher immer mal wieder Ärger, weil Eltern bei Spielen der Bambini und der F-Jugend zu nahe am Spielfeldrand standen, bisweilen auch lautstark auf ihre kleinen Kicker einwirkten, was ja noch halbwegs verständlich ist, aber auch mitunter Gegenspieler und Jungschiedsrichter, die solche Spiele pfeifen, verbal angegriffen haben, was gar nicht geht. Seit etwa fünf Jahren hat man deshalb die Eltern vom Spielfeldrand verbannt, sie müssen – zumindest in der Theorie – ein paar Meter weit weg sein.

Bezirksjugendleiter Robert Schwarz sagt, dass das im Prinzip ganz gut funktioniert. Er selbst habe erst unlängst bei der D-Jugend-Talentiade dafür gesorgt, dass da ein bisschen Abstand zwischen motivierten Kickern und übermotivierten Eltern ist. „Bei den jüngeren Jahrgängen, wo es noch keine Tabellen gibt, ist es ohnehin besser. Da sind mittlerweile auch die Trainer sensibilisiert. Das Problem mit Eltern geht meist da los, wo das Leistungsprinzip anfängt“, sagt Schwarz. „Wir bemühen uns, die Zuschauer soweit zu bringen, dass sie nicht aufs Spiel einwirken. Und wir müssen die Schiedsrichter natürlich vor verbalen und körperlichen Attacken von Eltern schützen.“ So weit die Theorie.

Der konkrete Fall

Ein E-Jugendspiel an einem Freitagabend Mitte Oktober: Die Heimelf ist Favorit gegen eine Gastmannschaft, eine Spielgemeinschaft aus drei Vereinen. Bei Spielen der E-Jugend wird kein Schiedsrichter eingeteilt, meist pfeift ein Trainer oder Betreuer der Heimelf. Oder - wie im konkreten Fall - ein Jungschiedsrichter des Heimvereins. Der 14-Jährige hat vor einem Jahr den Neulingskurs der Schiedsrichtergruppe Nördlicher Schwarzwald belegt und anschließend die Prüfung mit Erfolg abgelegt. Da er selbst auch noch Fußball spielt wurde er bisher vom Jugendeinteiler zu zwölf Spielen eingeteilt. Darüber hinaus pfeift der Jugendliche gelegentlich Spiele seines Heimatvereins, wenn kein Schiedsrichter eingeteilt wird. So war es auch an jenem Freitagabend, wo es bis kurz vor Schluss der Partie keine Probleme gab. Die Gästemannschaft führte 1:0, als der Schiedsrichter einen, nach Ansicht der Gästeeltern, unberechtigten Freistoß nahe der Strafraumgrenze gab. Dieser führte zum 1:1. Und in der folgenden Schlussminute konterte die Heimelf die Gastmannschaft noch einmal aus und es gelang der unerwartete 2:1-Siegtreffer. Das wiederum gefiel den Gäste-Eltern überhaupt nicht, die den Schiedsrichter auf dem Weg zum Sportheim stellten.

Das sagt der Schiedsrichter

Nach dem Spiel sei eine Gruppe von Eltern – zwei Männer und fünf Frauen – auf ihn zugekommen, um ihn wegern seiner angeblichen Fehlentscheidung beim zum 1:1 führenden Freistoß zur Rede zu stellen. Er habe dann vergeblich versucht, die Situtation aus seiner Sicht zu erklären und wollte dann gehen, als Kommentare wie „Drecksschiedsrichter“ gekommen seien. Deshalb sei er wieder umgekehrt und habe die Gruppe aufgefordert: „Bitte überdenkt eure eigene Meinung, bevor ihr anfangt, andere zu beurteilen.“ Als er dann das Sportgelände endgültig verlassen wollte, sei er „von einem besonders aggressiven Vater“ am Trikot gezogen und am Kragen gepackt worden. Der Mann habe zu ihm gesagt. „So redest Du nicht mit mir. Ich sag‘ Dir mal was, Du bist viel zu grün hinter den Ohren, um mir etwas zu erzählen.“ Darauf habe er sich „von dem immer stärker werdenden Griff befreit“, indem er den Vater wegdrückte. Auch sei der Trainer der Gastmannschaft dazwischen gegangen und habe sich vor den Vater gedrängt und erklärt: „Es war ein Freistoß, lasst ihn in Ruhe.“ Erst so sei ihm dann das zügige Verlassen des Sportgeländes ermöglicht worden. Noch am Abend informierte der Jungschiedsrichter Bezirksschiedsrichterobmann Markus Teufel, der ihm riet, einen Bericht zu verfassen. Dieser kam über die Staffelleiterin dann zum Sportgericht, das dann beide Vereine zu einer Stellungnahme aufforderte.

Das sagt der Verein

Der Vorsitzende des in einer Dreierspielgemeinschaft federführende Verein wusste bis zur Aufforderung zu einer Stellungnahme gar nichts von dem Vorfall. Auch der Jugendleiter war nicht vor Ort gewesen, also bat er die Eltern um eine entsprechende Antwort an das Sportgericht, die dann eine Mutter verfasste. Darin heißt es, dass der Schiedsrichter nach Spielende von den Eltern „sachlich zu der fraglichen Situation befragt wurde.“ Dabei ging es zunächst um den Freistoß, der zum Ausgleich führte. Der Schiedsrichter habe eingeräumt, dass er kein Foul gesehen habe, allerdings habe ein eigener Spieler zugegeben, dass er den Gegenspieler gefoult habe, worauf er auf Freistoß entschieden habe. Im weiteren Gespräch habe dann der Schiedsrichter den Vater gefragt, ob er auch Schiedsrichter sei. Als das verneint worden sei, habe der Jungschiedsrichter gesagt: „Dann schalte erstmal dein Hirn ein um hier mitzureden.“ Mit dieser frechen Bemerkung einem Erwachsenen gegenüber habe der Schiedsrichter die Situation selbst ausgelöst. Der Vater habe sich angegriffen gefühlt und zum Schiedsrichter gesagt: „Bursche, so redest du nicht mit mir, du bist noch grün hinter den Ohren.“ Der Vater habe ihn ganz sicher nicht am Kragen gepackt, Worte wie „Drecksschiedsrichter“ seien auch nicht gefallen. Der Trainer der Gastmannschaft habe die Diskussion mitbekommen, sei dazugekommen und habe das Ganze beendet.

Das sagt die Heimmannschaft

Für die Heimmannschaft, ebenfalls eine SGM, gab der Trainer Auskunft. Dieser sagte, dass der strittige Freistoß eine so genannter Kann-Freistoß gewesen sei, der erst wieder in die Diskussion gekommen sei, als die Heimelf in der Schlussminute auch noch den Siegtreffer erzielt habe. Für die Spieler und die Trainer beider Teams, die sich nach dem Spiel die Hand gegeben hätten, sei dann „alles soweit in Ordnung gewesen. Von der Elterngruppe seien allerdings „einige negative Bemerkungen“ wegen der Schiedsrichterleistung zu hören gewesen. Allerdings sei da der Jungschiedsrichter schon auf dem Weg in die Kabine gewesen, weshalb Trainer und Betreuer der Heimelf begonnen haben, das Spielfeld aufzuräumen. Zu diesem Zeitpunkt haben sie die Situation als „nicht bedrohlich“ eingeschätzt. Kurz darauf haben sie aber noch gesehen, wie sich der Schiedsrichter sich
aus einer Gruppe von Eltern entfernt hat. Da der Trainer der Gastmannschaft dabei war, der zuvor sehr ruhig gewirkt habe, haben
sich die Trainer der Heimmannschaft nichts dabei gedacht. Aufgrund der Entfernung konnte er ohnehin nicht hören, was gesprochen wurde.

So urteilt das Sportgericht

Die Krux für das Sportgericht sind die unterschiedlichen Aussagen in den Stellungnahmen, durchaus üblich nach Streitigkeiten. Dabei sind oft zwei Verhaltensweisen zu erkennen. Entweder sind die Beschuldigten alle unschuldig, haben nichts gesehen und gehört. Oder die Stellungnahmen sind bisweilen so identisch, gleichen sich manchmal fast im Wortlauf und der Interpunktion, so dass eine Absprache naheliegt. Nur selten gibt es „neutrale“ Beobachter, die zwar durch aus auch auf dem Sportplatz sind, aber wie soll das Sportgericht diese ermitteln? Also sind die Sportrichter auf das angewiesen, was ihnen schriftlich vorgelegt wird.

Im vorliegenden Fall haben die hiesigen Sportrichter sogar bei einer seit langem für Ende Oktober anberaumten Sportrichtertagung in Wangen eine Kammersitzung abgehalten und da den Teamleiter Sportgerichtsbarkeit beim WFV, David Biedemann, hinzugezogen. Danach wurde gegen den Zuschauer ,Unbekannt’ eine Geldstrafe von 40 Euro wegen „sportwidrigen Betragens“ verhängt, wobei der federführende Verein der Spielgemeinschaft in der Haftung ist, also die Strafe zahlen muss. Dazu kommen 20 Euro Verfahrenskosten. Der Vater wurde also nur wegen sportwidrigen Betragens, nicht aber für die Handgreiflichkeit verurteilt. „Wir können nur das beurteilen, was uns vorliegt. Und uns lagen zwei widersprüchliche Aussagen vor“, begründete Robert Trautwein das Urteil. Strafmildernd wertete das Sportgericht, dass der Trainer des Gastvereins durch sein ruhiges Einschreiten die Situation beendet habe. Andererseits war das Sportgericht der Ansicht, dass sich der Schiedsrichter falsch verhalten habe. Er hätte sich nach dem Spiel gar nicht auf eine Diskussion einlassen sollen. „Einem erfahrenen Referee wäre das nicht passiert“, sagte Robert Trautwein.

Das sagt der Trainer

Eine Stellungnahme des Trainers des Gastvereins, der dazwischen gegangen ist und die Streitereien beendet hat, lag dem Sportgericht nicht vor. Gegenüber unserer Zeitung erklärte der Trainer am Dienstag dieser Woche, er habe eingegriffen, als er die Diskussion bemerkt habe. Was zuvor war, könne er nicht sagen. In seinem Beisein habe der Vater den Schiedsrichter nicht am Kragen gepackt, habe ihn aber am Arm festgehalten.

Reaktionen auf das Urteil

Richtig sauer ist Schiedsrichter-Obmann Markus Teufel. „40 Euro sind ein Witz. Der Verein zahlt das aus der Portokasse, aber wir haben einen Schiedsrichter weniger, denn der Jungschiedsrichter hat danach seine Spiele zurückgegeben und pfeift derzeit nicht mehr. Wem tut das denn nun mehr weh?“, fragt Teufel. „Ich jedenfalls glaube meinem Schiedsrichter, denn der ruft mich nicht noch abends nach dem Spiel an, wenn nichts gewesen wäre. Ich akzeptiere zwar das Urteil, aber der Aussage des Schiedsrichters muss mehr Gewicht beigemessen werden, zumal sie absolut glaubwürdig klingt. Jetzt sieht das so aus, als hätte er die Unwahrheit gesagt.“ Auch dass einem Schiedsrichter angekreidet wird, dass er sich einer Diskussion stellt, kann der Obmann nicht nachvollziehen. „Wir werden oft genug verbal angegriffen und beschimpft, und wenn wir dann zur Wehr setzen, wird das gegen uns ausgelegt.“

Mit dem Urteil gar nicht einverstanden ist auch der Jugendleiter des verurteilten Vereins. Während der Vorsitzende des Hauptvereins angesichts des ursprünglich im Raum stehenden Vorwurfs mit einer wesentlich höheren Strafe gerechnet hat, echauffiert sich der Jugendleiter, bei dem die Begründung des Urteils „auf Unverständnis“ stößt. Er räumt lediglich ein, dass der Vater „sich im Umgangston mit dem jungen Schiedsrichter vergriffen hat“, vom Verein eindringlich darauf hingewiesen worden sei, dass dies im Jugendfußball nichts zu suchen hat. Dass aber in der Begründung auch wieder der Vorwurf auftauche, der Schiedsrichter sei am Kragen gepackt worden, kommentiert der Jugendleiter so: „Dass das Sportgericht einer Behauptung glaubt, die unwahr ist, stößt auf mein Unverständnis.“ Allerdings ist der tätliche Angriff gar nicht, wie zuvor schon mal erwähnt, ins Urteil eingeflossen. Denn der Vater respektive der Verein wurde lediglich wegen sportwidrigen Betragens verurteilt.

Das macht Edgar Pakai

Edgar Pakai hat am Dienstag beide Parteien zu einem klärenden Gespräch eingeladen. Dabei schreibt der Bezirksvorsitzende: „So einen Vorfall darf es nie wieder geben. Hier wird der Fairplay-Gedanke völlig auf den Kopf gestellt. Einem solch aggressiv handelnden Vater eines E-Jugendspielers (…) muss Einhalt geboten werden.

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08.11.2018, 01:00 Uhr

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