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Duell

Essen oder Energie?

Weltweit und auch in der Region Neckar-Alb hat ein Kampf um landwirtschaftliche Flächen eingesetzt. Was soll auf diesen angebaut werden: Pflanzen für die Erzeugung von Lebensmitteln oder Rohstoffe für Biogas? Die Landwirte Walter Lutz und Winfried Vees diskutieren.

25.07.2014
  • Interview: Volker Rekittke, Gernot Stegert | FOTOS: Erich Sommer

Herr Vees, Sie sind auf die Politik schlecht zu sprechen. Warum?

Vees: Wir Deutschen sind mit der Energiewende vorangegangen, EU-Kommissar Günter Oettinger aber hält sie auf. Wir werden die nächsten Jahre bei den erneuerbaren Energien viele Firmenzusammenbrüche erleben und viel Wissen wird verloren gehen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel macht Industriepolitik. Wer in der Landwirtschaft ethische Positionen vertritt, sollte sich nicht vor diesen Karren spannen lassen.

Herr Lutz, lassen Sie sich vor einen Karren spannen?

Essen oder Energie?
Walter Lutz.

Lutz: Nein, es ist meine Meinung, eine ethische Haltung, dass Nahrungsmittel zum Leben der Menschen und der Tiere gedacht sind. Manche sagen ja sogar, dass Getreide zum Füttern von Tieren zu schade ist. Für erneuerbare Energien ist ja jeder, aber bitte in Maßen. In manchen Bereichen bei uns gehen 35 bis 40 Prozent der Flächen für die Biogaserzeugung verloren. Wenn jemand seinen Biogas-Betrieb mit 40 oder besser 80 Prozent Viehhaltung betreibt, wäre das für mich okay. Aber nicht mit bestem Getreide fürs Essen.

Sie haben einen Nebenerwerbsbetrieb und mähen und dreschen im Auftrag. Was bedeutet die Entwicklung für Sie?

Lutz: Wir haben bei uns im Umkreis von zwölf Kilometern sieben Biogas-Anlagen. Das hat für unseren Mähdresch-Betrieb bedeutet, dass wir 30 Prozent weniger Dreschfläche hatten. Wir hatten gerade zwei Jahre vorher 200 000 Euro für Mais-Mähdrescher investiert und prompt einen Einbruch.

Da hat ein Verteilungskampf eingesetzt?

Lutz: Ja.

Essen oder Energie?
Winfried Vees.

Vees: Wir haben in Deutschland 13 Millionen Hektar landwirtschaftliche Fläche. Davon wird auf 870 000 Hektar Mais für Biogasanlagen angebaut. Zwei Drittel des gesamten Maises aber werden an Tiere verfüttert – für die Fleischproduktion. Die „Vermaisung“ der Landschaft nur mit Biogas in Verbindung zu bringen, ist falsch. Als Futterfläche für Pferde und Haustiere werden anteilig ganze Bundesländer gebraucht, die den Lebensmitteln fehlen. Da diskutiert die Ethik nicht drüber.

Aber die „Vermaisung“ hat zugenommen.

Vees: Ja, aber es hat schon immer einen Verdrängungswettbewerb gegeben. Früher wurden viel mehr Flächen für die Tierhaltung gebraucht. Das lohnt sich für viele Landwirte immer weniger. Dadurch wird auf mehr Flächen Getreide angebaut. Man kann in Deutschland eher von Verweizung sprechen als von Vermaisung. Auf 40 Prozent der Flächen steht Weizen.

Wie machen Sie es?

Vees: Wir bewirtschaften nur 50 Hektar. Den zusätzlichen Bedarf an Mais kaufen wir komplett zu fairen Preisen hinzu. Außerdem bringen uns Landwirte aus der Gegend Gülle, die dann nicht auf den Feldern ausgebracht wird. Das freut die Anwohner. 35 Prozent in der Biogasanlage ist Gülle, aber auch Festmist. Das ist im EEG vorgeschrieben. Unsere Anlage macht im dauerhaften Betrieb durchschnittlich 430 Kilowatt. Wir können 1100 Haushalte mit Strom versorgen. Wir haben, vergleichsweise, weniger Emissionen. Aller Stickstoff soll in den Boden, nichts in die Luft. Aus der Biogasanlage heraus kommt ein Bio-Dünger, der nicht stinkt. Und der nur ein Fünftel der ursprünglichen Menge ist. Dazu nutzen wir die Abwärme, um ein Konzentrat herzustellen. Das Ausbringen auf die Felder geht dadurch schneller, ist billiger und drückt den Boden nicht so stark zusammen.

Verstehen Sie sich noch als Land- oder als Energiewirt?

Vees: Die Biogasanlage ist ein Gewerbebetrieb. Aber die Grundlage ist die Landwirtschaft. Wir werden zum Beispiel nach und nach weniger Mais und dafür andere Pflanzen verwenden, auch Pferdemist hinzunehmen. Wir können alles, was wächst, zu Energie machen – außer Holz. Allerdings ist keine Pflanze – im Augenblick – so leistungsfähig wie der Mais. Er hat Hochkulturen hervorgebracht und ist die Sonne unter den Pflanzen.

Lutz: Natürlich bin ich nicht gegen Biogas-Analgen überhaupt. Denn nicht alles kann verfüttert und für Lebensmittel verwendet werden. Wir hatten zum Beispiel letztes Jahr Krankheiten und Schädlinge. Wir waren gezwungen, in einer Biogasanlage abzuliefern. Aber das ist die Ausnahme. Weizen und auch der Mais sind super Nahrungsmittel. Sie werden teilweise schon knapp.

Es gibt einen Kampf ums Land?

Lutz: Ja, der Quadratmeterpreis für eine Pacht ist doppelt so hoch wie vor ein paar Jahren. Die Konkurrenz um Flächen nimmt mächtig zu. Bei uns im Bereich Neustetten kämpfen sechs Landwirte um einen Hektar.

Vees: Wenn etwas Neues in den Markt drängt, ist doch klar, dass der Druck steigt.

Und die Konkurrenz weltweit? Die Chinesen kaufen ja viel vom Markt weg.

Lutz: Bei uns sind die Kosten für das Schweinefutter um 210 Prozent gestiegen. Es gibt nur noch vier Schweinemastbetriebe im Kreis Tübingen.

Vees: Als die Getreidepreise vor ein paar Jahren sehr niedrig waren, sind viele Landwirte auf Biogas umgestiegen. Jetzt sind zwar die Preise auf den Märkten für Getreide explodiert, aber nicht für Fleisch. Warum soll ich jeden Tag nach Schwein stinken, wenn es sich nicht lohnt.

Und die Auswirkungen auf die Landschaft?

Vees: Weizen bietet Bienen gar nichts. Der Mais hat immerhin noch Pollen. Ich habe auch Wildgräser und -blumen angepflanzt. Aber den Minderertrag muss ich selber tragen.

Brauchen wir nicht auch Flächen für Brot und Milch aus der Region?

Lutz: Das ist höchstens 20 Prozent der Menschen wichtig. Die meisten Käufer achten nur auf den Preis. Es kann nicht sein, dass man nur 12 Prozent der Einkommen für Lebensmittel ausgibt. 16 Prozent müssten es schon sein.

Vees: Die Landwirte werden veräppelt, als Bauern bezeichnet, weil sie freudestrahlend für wenig Geld arbeiten. Die 12 Prozent sind lächerlich wenig. Wenn allen Erzeugern ausreichend hohe Preise gezahlt werden, dann können diese auch wieder den Biogas-Betrieben die Flächen wegpachten. Es liegt am Konsumenten. Den meisten Menschen sind Urlaub und das Auto wichtiger.

Ein Standardvorwurf ist: Auf der Welt verhungern so viele Menschen, weil die Flächen für die Erzeugung von Energie statt für Lebensmittel verwendet werden.

Vees (stöhnt): Wir brauchen, um Lebensmittel zu erzeugen, auch Energie. Und die erzeugen wir nachhaltig. Das ist ethisch. Die Kriege der Zukunft werden nicht um Essen, sondern um Energie geführt. Außerdem: Würde man die Biogasanlage schließen und die Flächen wieder für den Lebensmittel-Anbau verwenden, würde das auf die Lebensmittel-Preise drücken. Damit wäre den konventionellen Landwirten auch nicht geholfen.

Walter Lutz hat seinen Hof in Nellingsheim 40 Jahre lang im Nebenerwerb geführt. Hauptberuflich war er Bankkaufmann. Mittlerweile ist der 66-Jährige im Ruhestand und hat den Hof an seine beiden Söhne übergeben. 40 Hektar werden bewirtschaftet, die Hälfte der Flächen ist gepachtet.
{element}Die Familie Lutz betreibt Schweinemast, baut Getreide an und arbeitet als Lohndrescher.

Der Familienbetrieb Hof Weitenau in Eutingen-Weitingen wird geführt von Winfried Vees (Techniker für Landbau, Betreiberbeirat im Fachverband Biogas) und Juliane Vees (Ernährungswissenschaftlerin, Landfrau und Kreisrätin). Sie leben mit ihren drei Kindern und den Eltern auf dem Aussiedlerhof. 2004 ging die erste Biogas-Anlage in Betrieb. 2006 wurde die Milchviehhaltung eingestellt. 2007 kam eine Photovoltaikanlage hinzu, Erweiterungen folgten.

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25.07.2014, 12:00 Uhr

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