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Stärker als der Tod

Eva Christina Zeller wirft das Schleppnetz der Erinnerung aus

Tübingen. „Die Erfindung deiner Anwesenheit“ hat die Tübinger Lyrikerin Eva Christina Zeller ihren neuen Gedichtband genannt. Die 99 Gedichte beschwören einen im Tod unerreichbar ferngerückten Menschen, einen viel zu früh verlorenen Geliebten. Der Ton ist trügerisch schlicht und dabei derart herzzerreißend, dass man kaum entscheiden mag, ob es der Schmerz der Trauer oder vielmehr die Liebe ist, die das lyrische Ich über die Zeit und über den Tod hinweg getragen hat.

30.10.2012

Als wollte die 52-jährige Autorin das uralte Bibelwort „Denn die Liebe ist stärker als der Tod“ auf ihre eigene Weise bekräftigen.

Einen ersten Hinweis auf das unaufhebbar ferngerückte Du gibt das dem Zyklus vorangestellte Widmungsgedicht „christophorus, vision“. Es rückt ein Bild der Heiligenfigur in eine nahe Vergangenheit, an einen vertrauten Ort und einen ganz bestimmten Fluss, den Neckar. Zugleich schafft das Wassermotiv eine abgründige Zweideutigkeit. Einerseits erscheint Christophorus, der Überlieferung getreu, als Retter eines Kindes, andererseits ist nicht ganz geheuer, dass er offensichtlich nicht aus dem Fluss herauskann.

Nur im Widmungsgedicht ist das Schriftbild kursiv, wie fließend, dem Element des Heiligen entsprechend. In den folgenden Gedichten tasten die Verse sich paarweise voran. Zwischen jeder dieser Doppelzeilen öffnet sich ein unbestimmbarer, dem Auge der Lebenden unzugänglicher Raum: „hinter der mauer (. . .) / dort hinter dem schnee / fängt die sprache an / die wir nicht sprechen“.

Der Tod des geliebten Du hat auch den Raum der Lebenden, des lyrischen Ich verändert, eine tiefe Unsicherheit hineingetragen, als nähme ihre eigene Existenz eine Wendung ins Immaterielle, Ungreifbare. Sie wird flüchtiger Gebilde aus Staub und Luft gewahr, kaum zu verortender Grenzen, der Orte des Wartens und der Passage. Könnte sie, durch ein altmodisches Wunder oder durch eine besonders ingeniöse technische Erfindung, wenigstens die Stimme des Toten noch einmal vernehmen, wäre zwar eine ihrer tiefsten Sehnsüchte gestillt. Doch der Preis wäre eine neuerliche Entwurzelung oder Ortlosigkeit, ein weiterer Selbstverlust: „wo blieben die schritte / die ich ohne ihn gegangen bin / die jahre im provisorium“. Wenn statt des Toten nur das „kleinmaschige schleppnetz der erinnerung“ bleibt, sichert die poetische Arbeit der Schreibenden doch die Schönheit der Welt, die sie mit dem Abwesenden teilte, deren Städte und Landschaften sie einst an seiner Seite entdeckte.

Die Gedichte erweitern ihre Klage auf „die verlierbaren toten“, die aus den Städten verschwinden – „mach ihnen platz / neben dir auf dem weg / leg ihnen sehnsuchtsbrot auf die fensterbank“. Manche Zeilen scheinen alle Trauer in zeitlos-meditativen Miniaturen aufzuheben: „die stille hat türen / gehe hindurch / dort stehen bänke / die riechen nach luft“.

DOROTHEE HERMANN

Info: Eva Christina Zeller, Die Erfindung deiner Anwesenheit – Gedichte, Verlag Klöpfer & Meyer, 124 Seiten, 16 Euro.

Eva Christina Zeller wirft das Schleppnetz der Erinnerung aus
Eva Christina Zeller.Privatbild

Eva Christina Zeller wirft das Schleppnetz der Erinnerung aus

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30.10.2012, 12:00 Uhr

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