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Tübingerin ist Vertikaltuch-Akrobatin, aber vor allem ist sie „Himmelstänzerin“

Eva-Maria Schewe hat einen Traumjob im Himmel

Auch ohne dass man weiß, was sich dahinter verbirgt, nötigt der Titel Himmelstänzerin Respekt ab. Es könnte der Name für jemanden sein, deren Kopf sich mehr in den Wolken als in der Realität aufhält. Es könnte auch die poetische Umschreibung für Ballett auf höchstem Niveau sein, vielleicht eine Art Baumspitzentanz?

13.11.2015
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Eva-Maria Schewe nennt sich Himmelstänzerin, weil sie eine tänzerische Art des Kletterns ausübt. Ihre Choreografie ist nicht für die Horizontale, sondern die Vertikale gemacht. Schewes Vertikaltanz sieht mühelos aus, die Frau scheint Flügel zu haben. Doch ohne regelmäßiges Krafttraining wäre kein Schweben möglich, ohne Muckis würde sich ihr der Himmel nicht erschließen.

Man muss es einmal gesehen haben, wie elegant Schewe an dem meterlangen Tuch hinauf- und hinabgleitet. Sie verknotet ihren Körper mit dem Stoff, entwirrt ihn wieder und streckt ihre Beine graziös gegen die Schwerkraft aus. Ihre Vorführungen haben mehr mit Ballett zu tun als mit Artistik. Auch das Tuch hat seine eigene Ästhetik, mal wirkt es wie ein Strang, mal wie ein luftiger Vorhang.

Wichtiger als die sportliche Seite ist Schewe die ästhetische ihres luftigen Tanzes. „Mir geht es nicht um Zirkus“, sagt Schewe. Sie kann es auch nicht leiden, wenn während der Vorführung applaudiert wird. Wie zum Horizontaltanz gehört auch zu ihrem Vertikaltanz die Musik. Zuletzt trat Schewe beim Kulturspektakel im Natursteinpark Rongen mit dem Sitarspieler Camu C. Strempel auf, vor hellem und vor dunklem Himmel.

Wie kommt jemand auf dieses recht junge Artistik-Fach, für das es lange keine Vorbilder gab? Zufall – und Zufälle gab es in Eva-Maria Schewes bewegter Biografie eine ganze Menge. Sie wuchs in der Nähe von Zwickau auf, ihre Eltern hatten einen Tante-Emma-Laden und die Familie war im Ort als systemkritisch bekannt. Bei dem mit Abstand jüngsten von fünf Kindern erwartete daher niemand mehr, dass es bei den Jungen Pionieren mitmachte. Die Familie hatte „eine Nische in der Kirche“, die Mutter war Mesnerin, der Vater Chorleiter.

Die gläubige Protestantin schätzte die Kirche schon früh als Ort, ein Ort, an dem sie gerne alleine war. Wenn sich ihr heute die Gelegenheit bietet, mit ihrem Vertikaltuch in einer Kirche aufzutreten, dann ist das eine ihrer beiden Lieblingslocation. Die andere ist draußen unter Bäumen.

Die Wende erlebte die kleine DDR-Bürgerin mit sieben Jahren. Ein Symbolbild hat sich ihr eingebrannt: Der Lehrer kam ins Klassenzimmer und habe das Honecker-Porträt entfernt. Als dann die Grenzen offen waren, war der erste Freiheitsakt der Familie, zu den Verwandten nach Kanada zu fliegen.

Ins Schwäbische kam Schewe über ihren damaligen Freund. Als sie dann auch noch an der Hebammenschule in Tübingen angenommen wurde, stand der Ausbildung plötzlich eine erste Schwangerschaft entgegen. Da es schon klar war, dass sie das Kind alleine aufziehen würde, habe sie den Ausbildungsplatz mitsamt seines Schichtsystems sausen lassen. „Ich hab mich fürs Kind entschieden.“ Doch als Schewe wieder an Ausbildung denken konnte, wurde ein Pädagogikstudium daraus. Ein Praktikum bei der Freien Aktiven Schule mit Kindergarten brachte sie wieder davon ab. „Die Praxis war mir immer lieber als die Theorie.“

Mit ihrem neuen Lebenspartner beschloss sie, eine Weile auszusteigen. Warum nicht ein halbes Jahr wwoofen? Was nach Entspannung klingt, bedeutet in Wirklichkeit Arbeiten auf einem ökologischen Bauernhof – in diesem Fall in Portugal. „Ich wollte gerne Oliven ernten und dem deutschen Winter entfliehen“, sagt Schewe und lacht.

Als sie zurück waren, hätte nicht viel gefehlt und ihr Mann – der Imker und Baumkletterer und -pfleger, Matthias Bolduan – und sie hätten sich ihr eigenes Stück Landwirtschaft gesucht. Stattdessen folgte Schewe jedoch ihrem Mann in den Himmel und machte eine Ausbildung zur Baumklettererin.

Ein Job, der besondere sportliche Fähigkeiten verlangt. In der Schule, so erinnert sie sich, haben sich die Schüler im Sportunterricht immer nach Noten aufstellen müssen. Man will es ihr kaum glauben: „Ich stand immer ganz hinten“, beteuert die so biegsame Frau. Dabei hätte sie sicher früher ihr sportliches Ich gefunden, wenn sie ins Ballett statt zum Tischtennis gegangen wäre. In der Nähe der Tischtennisplatte stand jedoch ein Stufenbarren und der reizte das Mädchen, das gerne turnte und sich dehnte.

Ihr ausgiebiges Dehnen vor und nach dem Klettern und die Beweglichkeit, die sie darin zeigte, brachte ihr den Tipp ein, mal ins Tübinger Sportinstitut zu gehen. „Und da hing ein Tuch!“

Als Schewe dann auch noch beim Kinder- und Jugendzirkus Zambaioni sah, was dort mit dem Vertikaltuch umgegangen wurde, begann sie selbst zu probieren und es sich beizubringen. In dieser Zeit gab es noch wenig Anleitungen für Vertikalakrobaten. Doch die nächste Schwangerschaft unterbrach ihre Bemühungen zur Eroberung des Luftraumes. Der zeitweilige Ausstieg warf sie jedoch nicht zurück, „denn in der Zwischenzeit kamen tolle Büchern auf den Markt“.

Den Tanz am Tuch lernte Schewe tatsächlich in erster Linie aus Büchern. Mittlerweile ist ein Teil des Fitnessbetriebs in die Vertikale gegangen, nicht nur Pole Dance und Training an Seil und Vertikaltuch gehören dazu. Auch „Area Yoga“, bei dem die Turner wie Fledermäuse von der Decke hängen, ist so eine hippe Fitnessidee, die der Himmelstänzerin zugute kommt. Denn außer Auftritten bietet Schewe auch Kurse an.

Nachteil der Sportart ist, dass man besonders hohe Decken benötigt, mindestens viereinhalb Meter sollten sie schon haben. Schewe hatte Glück und fand eine Halle in der Sindelfinger Straße, in der normalerweise Judoka trainieren, und die mit Seilen und Matten ausgestattet ist. Hier übt sie nun, gibt Kurse und Workshops. Fürs reine Krafttraining reicht ihr sogar schon eine Tür. Genauer: ein Türrahmen, in den sie eine Reckstange einhängt und dann Klimmzüge macht. Sie selber war dazu früher auch nicht in der Lage. Doch ohne Kraft sollte man die Finger vom Tuch lassen.

Apropos Finger, die sind hier besonders wichtig, und Greifen ist das A und O. Anders als beim Baumklettern, denn dabei ist der Körper durch Karabiner gesichert, so bleiben die Hände für die Arbeit frei. Das sei für sie „immer etwas gruselig“.

Höhe bereitet Schewe nicht immer nur Freude. Sie leidet sogar ein wenig unter Höhenangst. Etwa dann, wenn sie auf einem Turm steht und hinunterguckt. Am Tuch befällt sie diese Angst nicht. „Da fürchte ich mich nicht vor der Höhe, da kann ich mich ja festhalten.“ Außerdem ist sie voller Zuversicht: „Man fällt nie tiefer als in Gottes Hand“, findet sie. Bisher ist sie nur einmal einen Meter tief und außerdem weich gefallen. Am Anfang hatte sie eher das Problem, dass sie sich so im Tuch verknotete, dass sie sich nicht mehr alleine befreien konnte.

Ihr Metier bringt andere Gefahren: Verbrennungen etwa, die durch die Reibung entstehen, wenn der Körper am Tuch hinunterrutscht. Blaue Flecken habe sie auch immer in Hülle und Fülle und Schwielen und Hornhäute an den merkwürdigsten Stellen, etwa an der Außenkanten der Füße.

Ihren Mann hätte sie gerne als Akrobatikpartner gewonnen, doch der wolle nicht so recht. Sein Job ist, das Tuch draußen im Baum aufzuhängen. Im Gegenpart ist Schewe häufig seine „Bodenfrau“, die das Seil sichert, wenn er die Baumwipfel erklimmt. Liebend gerne würde die Himmelstänzerin außer unter freiem Himmel auch mehr unter Kirchendächern auftreten. Doch manchen Kirchenmännern erscheint es wohl zu gewagt, zu körperlich und einfach unpassend für die Kirche. In ihrer Gemeinde, der Jakobuskirche, trat die Akrobatin schon auf, im Januar wird sie es wieder tun. „Ich finde es ist ein tolles Symbol, das Tuch als Verbindung zwischen Himmel und Erde.“

Info Eva-Maria Schewe ist am Samstag, 16. Januar 2016, um 19 Uhr in der Tübinger Jakobus-Kirche beim „WeekendWorship“ zu sehen.

Eva-Maria Schewe hat einen Traumjob im Himmel
Ja, das Greifen ist extrem wichtig für eine Himmelstänzerin wie Eva-Maria Schewe.

Eva-Maria Schewe hat einen Traumjob im Himmel
Eva-Maria Schewe bei ihrer Darbietung im Natursteinpark Rongen im Oktober. Sie trat einmal im Hellen und einmal vor Nachthimmel auf.Bilder: Metz

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13.11.2015, 12:00 Uhr

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