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OB-Wahl

Ex-Balletttänzer gegen Buchhalter

In Pforzheim kämpfen vier Kandidaten um die Gunst von 92 000 Bürgern. Zwei völlig unterschiedliche Bewerber haben am 7. Mai Chancen auf den Sieg: Der Amtsinhaber von der SPD und sein CDU-Herausforderer.

25.04.2017
  • HANS GEORG FRANK

Pforzheim. Dimitrij Walter (34) hat die Chance auf seinen Sehnsuchtsposten drastisch verbessert. Der Außenseiter bei der Oberbürgermeisterwahl in Pforzheim hat auf eigene Kosten einen Missstand beseitigt, in dem er für monatlich 150 Euro eine mobiles Klohäuschen auf einem zentralen Platz aufstellen ließ. Der aus Moskau stammende Russlanddeutsche dürfte aber sonst keine Rolle beim Ausgang des Bürgervotums am 7. Mai spielen, zumal die Bahn die transportable Toilette wieder entfernte. Bei einer Art Probelauf in Schwetzingen kam Walter vor einem halben Jahr auf magere 1,4 Prozent.

Auch ein Sieg von Andreas Kubisch (56) wäre ein wahres Wunder, obwohl wenn er dem Amtsinhaber ziemlich schadet mit der Behauptung, der Frust von Mitarbeitern im Rathaus „kostet die Stadt Millionen“. Im Grunde ist die Wahl in der „Goldstadt“ ein Duell zweier unterschiedlicher Charaktere, ein Zweikampf zweier Generationen, ein Schaustück für gegensätzliche Gestalter- und Machertypen in der kommunalen Verwaltung.

Da ist der amtierende Oberbürgermeister Gert Hager (52), ein redlicher Sozialdemokrat, der seit acht Jahren versucht, die rasch wachsende Stadt mit derzeit 125 160 Einwohnern von ihren rekordverdächtigen Makeln zu befreien: 312 Millionen Euro Schulden, 6,6 Prozent Arbeitslosenquote, dazu Leerstände und Verkehrsprobleme, 650 fehlende Plätze für die Kinderbetreuung. Wegen leerer Kommunalkasse musste die Gewerbesteuer auf 450 Punkte angehoben werden. Mit 24,2 Prozent und einem Direktmandat bei der Landtagswahl 2016 sorgte die AfD bundesweit für negative Schlagzeilen.

Bei der ersten offiziellen Vorstellung in der Sporthalle des Stadtteils Eutingen gefällt sich Hager als Buchhalter, der seinen Bericht brav vom Blatt abliest.

Fleiß statt Empathie

Er zählt Projekte auf, ohne eigene Verdienste oder Visionen zu nennen. Hager nimmt sich zurück, verweist lieber auf Unterstützer und andere Zuständigkeiten. Seine Selbstverleugnung geht so weit, dass er nichts Persönliches erwähnt, nicht einmal seinen Namen oder den Werdegang. Er lässt keinerlei Verdacht aufkommen, dass er im Rathaus seinen Traumjob gefunden haben könnte. Empathie scheint ihm fremd zu sein, er bevorzugt offenbar Fleiß ohne Charisma.

Das krasse Gegenteil verkörpert Peter Boch (demnächst 37 Jahre alt), ein stets strahlender Sunnyboy mit Gel im Haar, der von Anfang an jeden Zweifel zerstreut, er könnte die neue Herausforderung nicht mit Leidenschaft und sehr eigenen Ideen angehen. Ein Manuskript braucht er nicht, er weiß auswendig, was er den 92 000 Wahlberechtigten zu sagen hat.

Der Christdemokrat, geboren in Waldshut, streift nur kurz, wofür er anfangs im Hager-Lager belächelt wurde: Er strebte mit elf Jahren eine Karriere als Ballett-Eleve in der Stuttgarter Schule von John Cranko an, musste aber mit 17 wegen einer Verletzung aufgeben. Deshalb wechselte er zur Polizei, kam in das Personenschutzkommando, das auch auf den aus Pforzheim stammenden Ministerpräsidenten Stefan Mappus aufpasste.

Seit 2011 ist Boch Bürgermeister in Epfendorf (Kreis Rottweil). In der Gemeinde mit 3400 Einwohnern siegte er auf Anhieb gegen ein seltsames Kontrahentengespann – der Neuling schlug sowohl den Amtsinhaber als auch dessen Vorgänger. Pforzheim definiert Boch als „Stadt der ungenutzten Potenziale“.

Ihre Großstadt sei doch für einen kleinen Dorfschultes mehr als nur eine Nummer zu groß, wollen Hagers Sympathisanten glauben machen. Selbst auf die Geschichte wird mangels Argumenten verwiesen: Pforzheim sei noch nie von einem CDU-Oberbürgermeister geführt worden. Seit 1947 wechselten sich SPD und FDP auf dem Chefsessel ab.

Gert Hager gibt sich siegessicher. Bereits im ersten Wahlgang will er Peter Boch zurückschicken nach Epfendorf: „Ich werde kämpfen bis zum Schluss.“

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25.04.2017, 06:00 Uhr

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