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Ex-Chefarzt muss hinter Gitter
Im Fokus der Medien: Der angeklagte Mediziner Heinz W. mit seiner Anwältin. Foto: dpa
Bamberg

Ex-Chefarzt muss hinter Gitter

Ein Mediziner hat Patientinnen und Mitarbeiterinnen sexuell genötigt und vergewaltigt. Das Gericht verurteilt ihn zu sieben Jahren und neun Monaten Haft.

18.10.2016
  • Sophie Rohrmeier, dpa

Bamberg. Medizinische Motive, sonst nichts – das ist bis zuletzt seine Verteidigung. Ein Chefarzt am Klinikum Bamberg führte mehreren Frauen Gegenstände ein oder einen Finger und fotografierte dann ihren Intimbereich. Zuvor habe er die jungen Frauen betäubt, sagt das Gericht. Alles fachlich gerechtfertigt, sagt er.

Zu sieben Jahren und neun Monaten Haft sowie fünf Jahren Berufsverbot verurteilt das Landgericht Bamberg Heinz W. (51). Wegen schwerer Vergewaltigung, schwerer sexueller Nötigung, schweren sexuellen Missbrauchs, gefährlicher Körperverletzung und Verletzung der Intimsphäre.

„Ich bin weder Sex-Arzt noch Dr. Pervers“, beteuerte der Ex- Chefarzt für Gefäßmedizin zu Prozessbeginn. Er habe kein sexuelles Motiv gehabt, sondern neue Behandlungsmethoden erprobt. Kurz vor dem Urteil am Montag verliest er eine Erklärung. „Nach bestem Wissen und Gewissen“ habe er als Mediziner gehandelt, immer leitliniengetreu.

Das sieht Richter Manfred Schmidt anders: Das sexuelle Motiv liege auf der Hand. Es gebe keinen Grund, die Frauen zu betäuben - auch keinen innovativen. Und: „Er hat das Vertrauensverhältnis verletzt.“

Die Anwälte W.'s kündigten Revision an, sie haben teils eine Bewährungsstrafe, teils Freispruch gefordert. Eine Geldstrafe sei angemessen – in einem Fall. Es ist Fall Nummer 13 auf der Liste der Anklage. Es ist der einzige ohne medizinischen Kontext und der einzige, zu dem W. keine fachliche Erklärung zu liefern versucht.

Es geht um eine Nacht in einem Hotel, mit der Patentochter seiner Frau. Er lädt die 18-Jährige zu einem Musical ein, trinkt mit ihr Schnaps. Später, im Zimmer, liegt sie auf dem Bett. Er versteckt eine Kamera und filmt die Frau, teils nur in BH und Slip. Und er filmt sich, wie er mit einem „stabförmigen Gegenstand“ über ihren Körper streicht.

Staatsanwalt Bernhard Lieb hat ihm vorgeworfen, die Intimsphäre der Frau verletzt zu haben, und er schließt von diesen Videos auf die anderen Fälle. Lieb sieht darin sexuelle Handlungen – und sieht sie deshalb auch in den Bildern und Videos von zwölf jungen Frauen aus der Klinik. Keiner soll der damalige Chefarzt gesagt haben, dass er sie fotografieren oder filmen würde. Die Dateien aber hat er gespeichert. Darauf ist zu sehen, dass er manchen der Frauen, die ansprechbar, aber willenlos gewesen sein sollen, eine Ultraschallsonde einführt. Oder Sexspielzeug, so genannte Butt-Plugs. Oder seinen Finger. Den Frauen sagt er, die Butt-Plugs seien eine „Bluetooth-Gegensonde“.

Die letzte von diesen Frauen hat den Prozess angestoßen, vor über zwei Jahren. Der angesehene Arzt soll der Medizinstudentin erzählt haben, er nehme an einer Studie zu Beckenvenen teil. Sie erklärt sich zu einer Untersuchung bereit. Er kündigt an, ihr ein Kontrastmittel zu geben. Doch danach kommt es der damals 26-Jährigen seltsam vor, dass sie sich an die Untersuchung nicht erinnert. Ihr Vater, ebenfalls Arzt, nimmt ihr Blut ab. Ein Labor findet darin Midazolam – ein Betäubungsmittel.

Auch den elf Frauen vor ihr soll er zwischen 2008 und 2014 ein Kontrastmittel angekündigt, aber Midazolam gegeben haben, sagt das Gericht. Alle Frauen berichten, sie könnten sich nicht oder nur vage erinnern an die Termine.

Der Ex-Chefarzt aber bleibt bei seiner Version. Vor Gericht sagt er: Es tue ihm leid, was die Frauen beim Betrachten der Bilder empfunden hätten. Vielleicht, sagt er, hätte er ihnen deutlicher erklären sollen, was er mache – aber das mache ihn nicht zum Sexualstraftäter. Ein Gutachter attestiert dem Mann, er neige zur Selbstüberschätzung, zur Grenzüberschreitung. Im Gerichtssaal ergreift er als Angeklagter oft selbst das Wort, listet seine Erfolge auf, erklärt alle Sachverständigen für ungeeignet.

Seit August 2014 sitzt der Angeklagte in Untersuchungshaft. „Er ist aus einer Chefarzt-Stellung so tief gefallen, wie es fast tiefer nicht geht“, sagt Richter Schmidt. Ein juristisches Urteil gibt es erst jetzt, das gesellschaftliche hingegen ist schon vor zwei Jahren gefallen: Seit die Vorwürfe bekannt wurden, ist Heinz W. kein Chefarzt mehr.

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18.10.2016, 06:00 Uhr

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