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Untersuchungsausschuss

Ex-Islamist auf NSU-Bühne

Fritz G., einst Kopf der Sauerland-Gruppe, sagt im Landtag aus. Es geht um Geheimdienst-Aktivitäten in Heilbronn.

15.11.2016
  • THUMILAN SELVAKUMARAN

Stuttgart. Der Strickpulli ist bis oben hin zugeknöpft. Der 37-Jährige trägt Brille, wirkt fülliger als noch vor neun Jahren. Aber Fritz G. trägt noch denselben Bart. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt seit seiner Haftentlassung im August. Zwei Drittel seiner zwölfjährigen Haftstrafe hat er verbüßt – nun gilt er als nicht mehr gefährlich. G. war der Kopf der islamistischen Sauerland-Gruppe, die 2007 aufgeflogen war. Nun muss er erneut aussagen – zum Heilbronner Polizistenmord.

Der NSU-Untersuchungsausschuss prüft, ob es 2007 US-Geheimdienstoperationen in Heilbronn gab – just zu der Zeit, als die Polizistin Michèle Kiesewetter getötet wurde. Korrespondenzen zwischen den Nachrichtendiensten beider Länder legen das nahe. Die Amerikaner hatten demzufolge nach der Tat Auskünfte über die Anwesenheit von FBI-Agenten angeboten. Der BND lehnte aber ab.

Nun kommt die Sauerland-Gruppe ins Spiel. Sie war eine Zelle der Vereinigung Islamische Jihad-Union (IJU). Im Fokus waren neben G. auch Daniel S., Adem Y. und Atilla S. Sie planten Anschläge auf US-Gebäude. Dazu hatten sie zwölf Fässer mit Wasserstoffperoxid und im August 2007 auch die passenden Zünder beschafft. Allerdings hatten US-Dienste bereits 2006 Hinweise über die Gruppe an den BND weitergegeben. In jener Zeit hatten die Amerikaner rund 100 Agenten nach Deutschland geschickt, wie aus den Enthüllungen von Edward Snowden später bekannt wurde.

Mit den Hinweisen der CIA begann die „Operation Alberich“. 500 Beamte waren im Einsatz, um die Sauerland-Gruppe rund um die Uhr zu überwachen. Zu den Beteiligten gehörte auch Mevlüt K., der Verbindungsmann der Sauerland-Gruppe zu Al-Kaida in der Türkei. Wenige Tage vor dem 25. April 2007, als Kiesewetter getötet und ihr Kollege Martin A. schwer verletzt wurde, begann die heiße Phase für die Sauerland-Terroristen. Denn da war klar, dass ihre Zünder über K. auf dem Weg nach Deutschland sind.

Einem Protokoll zufolge, das die deutschen Behörden allerdings als Fälschung bezeichnen, hätten die Amerikaner eigentlich K. in Heilbronn observieren wollten. Dann aber ist es zum Schusswechsel auf der Theresienwiese gekommen.

Fritz G., der mit seinem Anwalt Dirk Uden gekommen ist, bestreitet jegliche Verbindung zwischen NSU und Sauerland-Gruppe. K. selbst habe er zwar nur einmal getroffen. Er gehe aber nicht davon aus, dass dieser am Mordtag in Heilbronn gewesen ist. „Meines Wissens durfte er nicht in Deutschland einreisen.“

Die Wasserstoffperoxid-Fässer hatten die Männer in einer Garage versteckt. Bevor sie das explosive Material in einem Ferienhaus im Sauerland – daher auch der von den Behörden vergebene Namen – vorbereiten konnten, hatten Beamte das Wasserstoffperoxid gegen eine ungefährliche Lösung ausgetauscht. Bald danach erfolgte der Zugriff.

Zurück zur Theresienwiese: Was G. am Tag des Polizistenmords gemacht hat, daran könne er sich nicht erinnern. Über Observations-Protokolle lässt sich der Tag aber rekonstruieren. Um 13.17 Uhr kommt er mit seinem Auto an der Fachhochschule in Ulm an. Dort ist er bis 16.30 Uhr. Dann macht er sich auf den Weg nach Bad Waldsee, wo er einen Herrn E. abholt. Die beiden fahren zurück nach Ulm.

Über Mikrofone, die im Wagen eingebaut sind, lauschen die Ermittler mit. Ausschussvorsitzender Wolfgang Drexler (SPD) hält G. vor, was er gesagt haben soll: „Dann muss ich beide erschießen. Beide Bullen.“ Es gehe explizit um den Heilbronner Polizistenmord. Zudem habe G. lachend im Auto erklärt, dass den Beamten die Schutzwesten nichts genützt hätten. Ihnen war gezielt in den Kopf geschossen worden.

Der Zeuge dementiert, dass er etwas mit der Tat zu tun habe: Er habe aus dem Radio vom Polizistenmord erfahren, habe sich daraufhin an einen alten Bericht erinnert. „Da ging es darum, alle Polizisten mit Schutzwesten auszustatten. Die Protokolle der Tonaufnahmen seien unvollständig, daher klinge das in den Akten „missverständlich“.

Der Ausschuss bewertet den Ulmer Zeugen als glaubwürdig. Eine Verbindung zwischen Polizistenmord und Sauerland-Gruppe sei unwahrscheinlich, sagen die Obleute fraktionsübergreifend. Seltsam sei die Tonaufnahme aus dem Auto schon, meint Drexler. „Wir haben aber keinerlei Handhabe ihm nachzuweisen, dass es anders war.“

Jürgen Filius (Grüne), kritisierte: „Wir wären in der Sache schon weiter.“ Denn noch immer sei der Hintergrund der möglichen US-Geheimdienstoperation nicht klar. Zuständige BND-Mitarbeiter, die dazu gehört wurden, hätten nicht zur Aufklärung beigetragen. Ohnehin dürften sie nur nichtöffentlich vernommen werden, weil die Hinweise als streng geheim gewertet werden.

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15.11.2016, 06:00 Uhr

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