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Narben an Körper und Seele

Ex-Kindermodel klagt wegen Falschbehandlung gegen die BG-Unfallklinik

Ihre unschöne Narbe ist nach Meinung einer jungen Frau die Folge einer falschen Behandlung in der Tübinger Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik. Als Beleg führte sie vor Gericht auch eine Hypnose-Sitzung an.

01.08.2014
  • Stephan Gokeler

Tübingen. Es war die Silvesternacht zum Jahreswechsel 2008/2009, als die damals 14-Jährige auf einer Silvesterparty in Dettenhausen stürzte. Dabei erlitt sie einen Bruch des Oberarms, an den heute noch eine rund zehn Zentimeter lange und ziemlich breite Operationsnarbe erinnert. Für die inzwischen 20-jährige Frau aus Leinfelden eine besonders schmerzliche Erinnerung, denn als Jugendliche modelte sie für Katalogaufnahmen in Unterwäsche. Seit dem Unfall kann sie dieser Tätigkeit nicht mehr nachgehen. Die Schuld dafür sieht sie bei den Ärzten der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik, in die sie vom Notarzt eingeliefert worden war. In einem Prozess vor dem Tübinger Landgericht erhofft sie sich Schadensersatz.

Gleich zwei grobe Behandlungsfehler werden in der Klage behauptet. Zum einen sei der Arzt in der Notaufnahme zunächst fälschlicherweise von einer ausgekugelten Schulter ausgegangen. Erst beim Versuch, diese wieder einzurenken, habe sich die Bizepssehne so in den Bruchspalt verklemmt, dass die anschließende Operation überhaupt notwendig geworden sei. Zudem habe später eine fehlerhafte Behandlung zu Problemen bei der Wundheilung und damit zur Ausbildung einer übergroßen Narbe geführt.

Die eigene Erinnerung an die Geschehnisse unmittelbar nach dem Unfall schilderte die junge Frau eher schemenhaft. Auffällig sei aber, dass in der Krankenhaus-Dokumentation eine 20-minütige Lücke zwischen der Einlieferung und der Röntgenaufnahme vorhanden sei. Die Mutter des Mädchens veranlasste deswegen eine Hypnose-Sitzung, um die Erinnerung an die Geschehnisse in diesem Zeitraum wieder zurückzuholen. Seither, so schilderte es das Unfallopfer dem Gericht, habe sie wieder vor Augen, wie ein Arzt ihr in der Notaufnahme den Arm nach außen gebogen und Zug- sowie Drehbewegungen ausgeführt habe. Außerdem seien die Worte „Schulter ausgekugelt“ gefallen. Davon sei auch bereits während der Fahrt im Rettungswagen die Rede gewesen.

Die juristisch interessante Frage, ob unter Hypnose gewonnene Erinnerungen in einem solchen Prozess für relevant erachtet werden, blieb am Mittwoch vor der 8. Zivilkammer allerdings außen vor. Dies lag an den Ausführungen des Sachverständigen Prof. Peter Müller. Der stellvertretende Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik München-Großhadern und Leiter der dortigen Knie- und Schulterorthopädie vermochte in den Akten und Aussagen in diesem Fall keinerlei Fehlverhalten der BG erkennen.

Hypnose-Erinnerungen sind nicht relevant

Dass die Bizepssehne im Spalt zwischen den beiden Teilen des gebrochenen Oberarmknochens eingeklemmt werde, sei eine typische Folge solcher Frakturen und keineswegs auf eine vorherige Manipulation zurückzuführen. In der Regel genüge das Eigengewicht des herunterhängenden Armes, um diese Komplikation unmittelbar nach dem Bruch auszulösen.

Zudem deuteten die von der Frau geschilderten Erinnerungen auch nicht auf den Versuch hin, eine Schulter wieder einzurenken. Eher schon könne man darin einen Versuch erkennen, eine Fehlstellung des Arms zu beheben oder die beiden Teile des Knochens wieder in eine Lage zu bringen, die ein Verheilen ohne Operation zuließen. Beides sei medizinisch geboten, einen solchen Versuch zu unterlassen wäre ein Behandlungsfehler, so Müller.

Die Anwältin der Klägerin hakte insbesondere bezüglich der Folgebehandlung und möglicher Infektionen der Wunde nach. Auch in diesem Bereich sei alles sach- und fachgerecht verlaufen, meinte der Sachverständige.

Dass bereits während der Operation eine Infektion der Wunde erfolgt sei, schloss er aus. Die mehr als einen Monat später aufgetretenen Probleme bei der Wundheilung seien eher durch Reibung weichen Gewebes an den Metallteilen oder Knochenrändern entstanden - laut Müller ebenfalls typische und nahezu unvermeidliche Folgen der unabdingbaren Operation.

Die daraufhin zweimal veranlasste Öffnung der Wunde sei ebenfalls korrekt durchgeführt worden, auch in Hinblick auf die Narbenbehandlung. Dass die Narbe sich dennoch sehr breit ausgebildet habe, sei für die Betroffene nicht schön, aber medizinisch wohl unvermeidlich gewesen. Nach einer kurzen Beratung verkündete der Vorsitzender Richter Peter Häcker, das Gericht sehe für die Vernehmung der beiden geladenen Zeugen, darunter die Mutter der Klägerin, keinen Bedarf mehr.

Die Entscheidung wird am 15. August verkündet.

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01.08.2014, 12:00 Uhr

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