Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
„Ich bin ein Autor, der singen kann“

Ex-Marillion-Frontmann Fish über Fußball, das schottische Unabhängigkeits-Referendum und sein Karriere-Ende als Sänger

Der schottische Sänger (früher Marillion) und Fußball-Fan Fish, 57, tritt Ende Juli zum dritten Mal beim Seebronner Festival „Rock Of Ages“ auf. Die gemailte TAGBLATT-Anfrage für ein Telefon-Interview beantwortete er prompt: „Hast Du morgen Nachmittag Zeit?“ Zudem verwies er auf zwei wichtige Fußballspiele.

05.06.2015
  • Interview: Michael Sturm

TAGBLATT: Hallo Fish. Ihr Lieblingsclub Hibernian Edinburgh hat heute Mittag den Aufstieg in die Premier League verpasst. Was war los?

Fish: Fuck! 15 Schüsse aufs Tor, und keiner geht rein! Der Gegner spielte hart, aber der Schiedsrichter hatte keine gelben Karten dabei. Ich hoffe, morgen wird es ein besseres Resultat für den KSC. Wir spielen gegen 1860 München.

Wie kommt es dazu, dass ausgerechnet der Karlsruher SC Ihr zweiter Lieblingsverein ist?

Meine Freundin, mit der ich seit fünf Jahren zusammen bin, kommt von dort, aus Durlach. Ich habe dort eine Menge Zeit verbracht. In dieser Saison habe ich ein Spiel gesehen, das gegen Darmstadt. Letzte Saison war ich bei sechs, sieben Spielen im Stadion. Aber es ist wie immer: Die Sechs-Punkte-Spiele, in denen es wirklich um etwas geht, die verlieren sie. Was ist eigentlich Dein Lieblingsverein?

Der VfL Bochum.

Von dem Verein habe ich erst etwas mitbekommen, nachdem ich das Lied von Herbert Grönemeyer gehört hatte. Ich hatte übrigens mal die Freude, mit ihm zusammen Fußball zu spielen. Er spielt ganz ordentlich.

Welche ist Ihre Position auf dem Spielfeld?

Mittelstürmer. Weil ich groß bin. Der Mann, den man anspielen muss. Aber ich habe nur in den Junioren-Ligen gespielt, ich war nie richtig gut. Ich habe den Fußball aber immer genossen. Das ist ein schottisches Ding. Als mich neulich meine Tochter besuchte, sind wir zum Fußball gegangen. Ich mag daran das Gemeinschaftliche. Das ist besser, als in Nachtclubs zu gehen. Aber ich spiele selbst nicht mehr. Ich bin zu alt.

Wie haben Sie das Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien erlebt?

Du konntest nirgendwo hin, zum Bäcker, zur Bank, ohne dass darüber gesprochen wurde. Es war eine fantastische, aufregende Zeit. Das Ergebnis war eine riesige Enttäuschung. Ed Miliband (Labour-Parteichef) und David Cameron (konservativer Regierungschef) verbreiteten die Furcht, dass es in einem neuen, eigenständigen Land keine Jobs mehr geben würde. Ironischerweise haben wir jetzt eine konservative Regierung, die wir nicht gewählt haben. Wie zu Margaret Thatchers Zeiten. Und all die Versprechungen sind nicht umgesetzt worden. Aber die schottische Nationalpartei hat jetzt 59 Sitze im Unterhaus.

Erkennen Sie bereits Folgen?

Schottland war Europa immer eher zugeneigt als England. Die Folgen könnten desaströs sein, vor allem im finanziellen Bereich. Ich arbeite zu 70 Prozent in Europa. Ich habe 2500 Pfund durch den Geldwechsel mit dem Euro verloren. Die Europäer und die Amerikaner schieben sich das Geld hin und her. Die Deutschen haben die Wirtschaftskrise gut bewältigt. Kanzlerin Angela Merkel ist mal gefragt worden: ‚Wie kriegen Sie das hin?’ Sie hat geantwortet: ‚Wir kriegen es hin.’ In Großbritannien ist alles auf London fokussiert. Der Rest des Landes muss für sich selbst wirtschaften.

Wie unterscheiden sich die Lebensverhältnisse in Großbritannien und Deutschland?

Die Deutschen scheinen das meiste besser im Griff zu haben. In Großbritannien ist nur das Gesundheitssystem besser. Wir bezahlen nichts dafür. Aber wir beklagen uns, dass es am Auseinanderfallen ist. Und in Schottland muss man keine Studiengebühren zahlen. Meine Partnerin und ich, wir haben kürzlich erst darüber gesprochen, wo wir hinziehen wollen – nach Schottland, oder nach Deutschland.

Wie stehen die Verhandlungen?

Wir ringen noch miteinander. In Deutschland ist die Lebensqualität besser. Für jeden von uns beiden ist die Immigration eine große Hürde.

Einwanderung in Verbindung mit Flüchtlingsströmen ist dieser Tage ein weltbewegendes Thema.

Allerdings! Wären die Probleme in den Ländern dieser Menschen beseitigt, würden die ihre Länder doch gar nicht verlassen wollen! Das fordern die Umstände heraus. Wir in der westlichen Welt müssen beweisen, dass wir uns zukünftig besser darum kümmern. In den letzten Jahren ist ziemlich viel Mist passiert: Nach dem Sturz von Ghaddafi haben wir uns einfach aus Libyen davon gemacht. Wir haben es im Irak verkackt und in der Assad-Krise in Syrien. Die Medien generell tragen viel Schuld: Die Berichterstattung ist zu seicht.

Wie steht es ihrer Meinung nach heute um die Musik als politische Aussagemöglichkeit?

Bei Bob Dylan, Joan Baez oder Woody Guthrie hatten die Songs noch Botschaften. Heute haben wir das Internet, diesen riesigen Ozean der Information und Desinformation. Es ist schwierig, darin zu schwimmen. Es gibt zu viel Information. Für mich ist die Musik ein Träger der Revolution, sozusagen. Eine Band kann eine Botschaft an ihr Publikum übertragen. Wenn wir einmal das schottische Referendum betrachten: Es gab sehr wenig Musik zum Thema. Stattdessen spielten die Radiostationen zum x-ten Mal „Kayleigh“ . . .

. . . Ihren größten Hit, aus der Zeit mit der Band Marillion. Können Sie den nicht mehr hören? Wollen Sie ihn nicht mehr spielen?

Bald nicht mehr: Ich möchte in zwei Jahren aufhören. Es wird immer schwieriger. Ich bin Realist – ich kann nicht mehr vier Shows am Stück spielen. Meine Standfestigkeit ist nicht mehr so gut. Ich brauche länger, um mich zu erholen. Es ist sehr anstrengend. Ich habe die Entscheidung letztes Jahr gefällt. Nächstes Jahr im April, Mai mache ich noch ein Album. 2017 dann eine Abschiedstour. Danach möchte ich mich aufs Schreiben von Drehbüchern konzentrieren.

Fiel Ihnen die Entscheidung schwer, die Musik, die Lieder, hinter sich zu lassen?

Ich bin kein Musiker, ich spiele kein Instrument. Ich bin ein Autor, der singen kann. Alle Lieder sind wie Fotografien aus einer vergangenen Zeit, die mir zeigen, wie ich damals geschrieben habe. Ich habe mich von meinen frühen Texten entfernt und zu einem offeneren, direkteren Stil gefunden.

Vor 30 Jahren erschien „Misplaced Childhood“, das erfolgreichste Marillion-Album. Sie wollen es zum letzten Mal in voller Länge spielen. Also auch „Kayleigh“. Das wird doch bestimmt immer gefordert, oder?

Ich lasse ja das Publikum die Lieder auswählen. In neun von zehn Fällen wählen sie die Rocksongs! „Kayleigh“ war eine Anomalie – ein Pop-Song. Eins dieser seltsamen Lieder, aber ein brillantes! Dennoch habe ich nicht das Gefühl, dass ich es spielen muss. Wir haben eine Menge großartiger Stücke geschrieben. Die alten Fans haben „Kayleigh“ als Ausverkauf der Band angesehen. Durch das Lied wurden wir ein ganzes Stück kommerzieller.

Das „Rock Of Ages“-Festival in Seebronn findet zum zehnten Mal statt. Sie sind das dritte Mal dabei. Besteht da eine besondere Verbundenheit?

Ich werde nicht so häufig zu Festivals eingeladen. Aber dieses Festival und ich – wir haben uns auf Anhieb verstanden. Allerdings würde ich nicht mehr kommen, wenn mein letztjähriges Album „Feast of Consequences“ nicht so gute Kritiken bekommen hätte. Dann hätte ich sofort aufgehört.

Ex-Marillion-Frontmann Fish über Fußball, das schottische Unabhängigkeits-Referendum und sein

Die Band Marillion hatte ihre erfolgreichste Zeit, nachdem sich die Musiker 1981 entschlossen hatten, ihre bis dahin reine Instrumentalmusik mit einem Sänger zu kombinieren: Fish (bürgerlich Derek William Dick). Ihr Stil, Neo Prog, knüpfte an die Ära des Progressive Rock der 70er-Jahre an, die durch die Punk-Welle beendet worden war: Harte Beats, krumme Taktarten, melodieorientiertes Gitarrenspiel, viel Synthesizer und fantasievolle Texte. Vor allemGenesis galt als Vorbild von Marillion. Die Sänger Peter Gabriel und Fish wurden aufgrund ähnlich klingender Stimmen und der Bühnenkostümierung beider oft verglichen. Mit Singles wie „Market Square Heroes“, „Assassing“, „Lavender“ und „Heart of Lothian“ war Marillion zwischen 1982 und 1985 fast ununterbrochen in den Hitparaden vertreten.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.06.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball