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Ex-Staatsanwalt Hans Ellinger spielte Schach gegen sechs Rottenburger Strafgefangene
Hans Ellinger, ehemaliger Oberstaatsanwalt, beim Simultanschach im Kultursaal des Rottenburger Gefängnisses. Bild: Keicher
Beim Schach das Kopfkino mal abschalten

Ex-Staatsanwalt Hans Ellinger spielte Schach gegen sechs Rottenburger Strafgefangene

Ausweis abgeben, einen roten Besucherausweis umhängen: An der Gefängnis-Pforte wird der ehemalige Leitende Oberstaatsanwalt am Landgericht Tübingen so behandelt wie jeder andere Besucher auch. Am Samstag kam Hans Ellinger in die Rottenburger Justizvollzugsanstalt, zum Simultanschach-Turnier im Kultursaal.

24.01.2017
  • Fred Keicher

Ellinger kommt mindestens zum vierten Mal zum Turnier in die JVA. Wie viele Gegner ihn diesmal herausfordern wollen, erfährt er erst an der Pforte: Acht. „Es waren auch schon zwanzig“, erinnert er sich.

Mitgebracht hat Ellinger einen großen Korb mit Brezeln, Mineralwasser und Schachliteratur. Aus Frankfurt ist Harry Schaak gekommen, der Herausgeber von „Karl“ („das kulturelle Schachmagazin“). Beide sind Fide-Meister. Diesen Titel des Internationalen Schachverbandes muss man nicht regelmäßig verteidigen. Man trägt ihn „lebenslänglich“, sagt Ellinger. Das klingt im Gefängnis irgendwie merkwürdig.

Statt der angekündigten acht Häftlinge kommen schließlich nur sechs. Ein älterer Berliner sagt gleich: „Heute spiele ich nicht gut. Ich habe eine Rechnung von der Krankenkasse bekommen. Das muss ich mal verdauen.“ Er sitzt zum dritten Mal ein. Bei einem Schachturnier auf dem Hohenasperg habe er einmal den zweiten Platz belegt, erzählt er stolz. Der Preis war eine Dose Nescafé.

Ein Hesse klagt über das Freizeitangebot in der Anstalt. Keine Schachgruppen. Tatsächlich könne man Schach nicht gegen sich selbst spielen, erklärt Harry Schaak. „Dr. B.“ in Stefan Zweigs Schachnovelle versucht es, aber er wird wahnsinnig.

Die anderen vier Herausforderer kommen aus Bayern, Marokko, Russland und China. Ellinger spielt weiß und beginnt an allen Brettern mit dem gleichen Bauernzug. Ausgemacht ist, dass seine Gegner ihren Zug erst machen, wenn er an ihrem Brett steht. Das erleichtere ihm die Visualisierung der Spielsituation.

Die Spieler blicken konzentriert auf die Bretter. „So ruhig war es hier drin noch nie“, sagt der Vollzugsbeamte Gerhard Brüssel, der das Freizeitprogramm in der JVA koordiniert.

Nach etwa einer halben Stunde Spiel fällt der hessische König. Am Berliner Brett klärt sich die Situation kurz darauf, ebenso am Bayerischen. Etwas länger braucht Ellinger, um den Russen matt zu setzen. Am längsten dauert das Spiel mit dem Chinesen. Erst nach 75 Minuten steht der Sieger fest: Ellinger.

Nur gegen den Marokkaner zieht der Ex-Staatsanwalt den Kürzeren. Nach einem Figurentausch zeichnete sich ab, dass der Häftling die Oberhand hatte. Daraufhin setzte er die Figuren ganz anders aufs Brett. Ellinger: „Der machte mir klar: Hier kommt der Gewinner.“

Der Mann aus Marokko erzählt, dass er in den 1990er Jahren viele Turniere gewonnen habe. Aber das war vor seiner Drogen- und Alkohol-Karriere. Der Russe hat Schach in der Schule gelernt. Auch er sei damals ein sehr guter Spieler gewesen. Jetzt empfindet er das Spiel als unglaublichen Stress: „Man muss immer so viel denken.“ Gerade das fand der junge Mann aus Bayern erholsam: „Man konzentriert sich auf das Spiel und kann derweil das innere Kopfkino abschalten.“

Der Chinese sagt nichts, er spricht kein Deutsch und kaum Englisch. Er stellt nochmal die Züge nach, die zu seiner Niederlage geführt haben. Aus dem Bücherstapel sucht er sich ein altes, stockfleckiges Schachbuch auf Russisch aus und geht. Aber er hat eine Verabredung mit dem Hessen zum Schachspiel: nächsten Donnerstag, 17 Uhr, Kultursaal.

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24.01.2017, 01:00 Uhr

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24.01.2017

21:22 Uhr

cehage schrieb:

Gut, jetzt weiß ich, dass der Herr Oberstaatsanwalt gerne und gut Schach spielt und sich engagiert. Für mich persönlich nicht unbedingt eine Nachricht, aber insgesamt doch unterhaltsam. Dazu lassen sie noch anklingen, dass es den Gefangenen in Rottenburg an Freizeitangeboten fehlt.

Hier hätte ich es interessant gefunden zu erfahren, ob wirklich jeder andere Besucher einfach so ins Gefängnis und Freizeitangebote machen kann.

Und ein "Kultursaal" im Gefängnis? Wie darf man sich das vorstellen? - Das es einen Kulturausschuss mit Etat gibt und die Gefangenen für sich Veranstaltungen organisieren können, oder ein einfacher Freizeitraum?



 

 

 
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