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Nervengas auf der Wiesn

Ex-Tübinger Christoph Scholder erregt mit Thriller „Oktoberfest“ die Gemüter

Russische Elitesoldaten nehmen 70 000 Besucher des Oktoberfests als Geiseln. 150 Kilogramm Rohdiamanten – das ist ihre Lösegeldforderung. Der Plot von Christoph Scholders Debüt „Oktoberfest“ entwirft rechtzeitig zum 200-jährigen Bestehen der Wiesn ein Horrorszenario. Wir trafen den gebürtigen Tübinger.

22.09.2010

Herr Scholder, Sie haben als Soziologie-Dozent an den Universitäten in München und Mainz gearbeitet und gleichzeitig einen immerhin 600-Seiten-starken Thriller geschrieben. Wie das?

Ich habe vor fünf Jahren angefangen zu schreiben und neben meinem Beruf kontinuierlich an dem Buch gearbeitet. Vor allem in der vorlesungsfreien Zeit. An einem Tag lief es besser. An anderen Tagen lief es schlechter. Wie es eben so ist.

Warum haben Sie sich für das Genre Thriller entschieden?

Ich war schon immer ein großer Fan dieses Genre. Autoren wie John le Carré, Frederick Forsyth oder Tom Clancy faszinieren mich. Die Idee zu meinem Plot hatte ich auf dem Oktoberfest und habe sie lange Zeit mit mir herumgetragen. Vor fünf Jahren kam dann der Moment, in dem ich wusste: Entweder ich schreibe das Buch jetzt – oder ich werde es nie tun.

Ihr Debüt geht fiktional durch, wie russische Elitesoldaten die Gäste des Oktoberfests in ihre Gewalt bringen und viele mit Nervengas umbringen. Teile des Thrillers spielen in Afghanistan und im Kosovo. Dabei geben Sie Einblick in Hierarchien des Militärs und in die Waffen-Technik. Wo und wie haben Sie recherchiert?

Hauptsächlich in der bayrischen Staatsbibliothek. Das Internet ist als Quelle ja nicht besonders belastbar. Über die konkrete Recherche kann ich öffentlich nicht sprechen. Sie werden verstehen, dass ich meine militärischen und geheimdienstlichen Quellen schützen muss. Es gibt einen klassischen Satz des Agenten-Genres, der das gut beschreibt: „Ich könnte es Ihnen sagen, aber dann müsste ich Sie töten.“

Als Schriftsteller-Neuling ist es ja eine hohe Hürde, einen Verlag zu finden. Wie lief das bei Ihnen?

Das ist eine kuriose Geschichte. Schon in der Schreibphase wurde mir klar, dass der Droemer-Verlag eine geeignete Adresse ist. Er hat eine große Krimi-Sparte. Eigentlich hatte ich mich auf das lange tiefe Tal der Absagen vorbereitet, aber drei Wochen, nachdem ich das Manuskript eingeschickt habe, rief die Geschäftsleitung an. Sicherlich bin ich einer von ganz wenigen Autoren, die ein Buch veröffentlicht haben, ohne eine einzige Absage zu bekommen. „Oktoberfest“ ist mit einer Auflage von 50 000 an den Start gegangen – für ein Debüt ist das enorm viel.

Jetzt wird Ihnen vor allem in München Pietätlosigkeit vorgeworfen. So ein Buch zum Start des Oktoberfests!

Weder der Verlag noch ich haben damit gerechnet, dass es zu solchen Reaktionen kommt. Merkwürdigerweise hatte keiner von diesen Leuten bis dahin auch nur eine Zeile des Buchs gelesen. Man muss doch klarstellen, dass die meisten Menschen kein Problem damit haben, wenn im Film das Weiße Haus in die Luft fliegt oder eine Bombe beim Superbowl explodiert. Doch wenn so was vor der eigenen Haustür passiert, gibt es Proteste.

Die FAZ hat Ihren Thriller in Schutz genommen, indem sie auf den Unterschied zwischen Fiktionalität und Realität hinwies.

Die Reaktionen bestätigen mich ja auch irgendwie als Thriller-Autor. Es ist ja gerade die Kunst der Literatur, mit der Angst zu spielen und Phobien beispielsweise vor Enge und Dunkelheit ins Fantastische zu überhöhen. Die Menschen können schon auseinander halten, dass das eine reale Ängste sind und das andere Fiktion. Absurderweise kritisierte die Süddeutsche Zeitung, dass die Geschichte nicht realistisch genug sei. Ein Anschlag von Islamisten sei wahrscheinlicher. Doch einen solchen Anschlag zu beschreiben, hätte ich tatsächlich geschmacklos gefunden. Und es war ja gerade nicht meine Intention, eine Analyse der realen Gefahrenlage zu schreiben, sondern eine spannende Agentengeschichte.

Freuen Sie sich, dass Ihr Buch kontrovers aufgenommen wurde? Das könnte immerhin zu hohen Verkaufszahlen führen.

Ich weiß nicht, wie die Verkaufszahlen sind. Das Buch ist ja gerade erst vier Wochen auf dem Markt. Aber Kontroversen sind der Treibstoff der Demokratie. Kritiken können nicht nur gefällig sein.

Der Sprecher der Wiesn-Wirte Toni Roiderer hat Sie als „Schmierfinken“ bezeichnet. Würden Sie ihm gerne mal die Meinung sagen?

Der hat das Buch gar nicht gelesen. Und mit solchen Beschimpfungen muss ich mich nicht auseinandersetzen, wenn eine sachliche Diskussion nicht möglich ist.

Sie leben seit Beginn Ihres Studiums in München. Sind Sie trotz solcher Töne dieses Jahr auf der Wiesn dabei?

Ja klar. Einige Zeitungen, die mich kritisiert hatten, haben mich sogar eingeladen.

Warum übt das Oktoberfest eine solche Faszination auf Sie aus?

Ein Freund hat mich das erste Mal dorthin mitgenommen. Damals dachte ich, dass mich nichts in der Welt dazu bringen wird, mit anderen Leuten einen Schlager zu grölen. Aber nach zwei Maß richtig guten Biers hat man eine andere Perspektive. Das Oktoberfest ist eine kollektive Totalentgleisung, die nicht sanktioniert ist. Gehässig gesagt: Die größte offene Drogenszene der Welt.

Sie sind in Tübingen geboren. Warum sind Sie unserem Städtchen untreu geworden?

In München hat man die Vorteile der Großstadt, aber nur wenige Nachteile. Ich brauche keine mit Graffiti besprühten Züge, um mich wie in einer lebendigen Metropole zu fühlen. Aber ich hänge auch an Tübingen und seiner Atmosphäre als Uni-Stadt. Meine Mutter lebt hier und ich besuche sie häufig und gerne. Fragen: Antonia Kurz

Das Oktoberfest ist eine kollektive Totalentgleisung, die nicht sanktioniert ist. Gehässig gesagt: Die größte offene Drogenszene der Welt.

Ex-Tübinger Christoph Scholder erregt mit Thriller „Oktoberfest“ die Gemüter
Kurzbesuch in Tübingen: Christoph Scholder mit seinem Thriller.Bild: Kurz

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22.09.2010, 12:00 Uhr

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