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Anpfiff · Perikles Simon über doping

Expedition ins Tierreich

Etwas nervös sei Perikles Simon geworden, wie er bekannte, als er am Donnerstag in der Tübinger Uhlandstraßen-Aula seinen Vortrag „über den Betrug unserer Leistungseliten der Gesellschaft am Beispiel von Doping im Sport“ hielt.

21.11.2015
  • Moritz Hagemann

Denn: Zum Vortrag, zu dem der „Verein der Freunde des Uhland-Gymnasiums“ geladen hatte, waren auch einige ehemalige Lehrer des 42-Jährigen gekommen. Da musste Simon erstmal einen Schluck Wasser trinken – und legte dann los. Doch wer mit großen Debatten zum flächendeckenden Doping in Russland oder zu Kommentaren zum Betrug im Fußball rechnete, der war bei Simon fehl am Platz.

Der philosophierte nämlich lieber in sehr wissenschaftlichem Duktus, wie Dopingsünder in Zukunft entlarvt werden sollen. Etwa 50 Zuhörer waren gekommen, darunter auch Langstrecken-Olympiasieger Dieter Baumann – der war 1999 positiv auf Nandrolon getestet worden. Diese nahm Simon mit auf eine Reise: ins Reich der Tiere. Frösche, Mäuse, Affen – Experimente mit diesen Tieren sollen laut Simon zur Aufklärung beitragen. Der Uhland-Absolvent forscht inzwischen in Mainz und zählt zu den anerkanntesten Sportmedizinern. Auch medial: Neben Gast-Beiträgen für die FAZ saß Simon auch schon im ZDF-Sportstudio.

Am Donnerstag war er in der alten Heimat Uhlandstraße: Wer sich anschaut, wie Ausnahmeschwimmer der Marke Michael Phelps „die Arme glatt durchziehen“, wie Simon sagte, „fragt sich schon, wie das mit der Schulter geht.“ Wenn Mäuse schwimmen, sehe das so ähnlich aus. Das Problem: Wenn Mäuse schwimmen, gehen sie normal relativ schnell unter. Deshalb haben Forscher in Triest (Italien) Mäusen den Wachstumsfaktor IGF1 (Insulin-like growth factor) verabreicht. Sprich: an Mäusen Gendoping betrieben. Mit erstaunlicher Wirkung: Nun gingen die Mäuse nicht mehr unter, sie schwammen sogar in einem Wellenbad. Erstaunliches beobachtete Simon auch in Philadelphia, dort hatte er auch studiert. Affen bekamen dort ein Gen verabreicht – und produzierten so enorme Mengen an Erythropoetin, besser bekannt als Epo. Die vermehrten roten Blutkörperchen haben schon etliche Dopingsünder entlarvt. Bekanntester Fall: Lance Armstrong.

„Einen bitterbösen Brief“ habe er der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) geschrieben. Als die Zeiten von 5000 Meter-Läufern für kurze Zeit wieder schlechter wurden, als Epo nachweisbar war. Denn, so Simon, Hintermänner hätten ihre Leichtathleten über die Nachweisbarkeit informiert. Schon kurze Zeit später wurden die Athleten wieder schneller. Simons Erklärungsversuch: Hintermänner hätten den Athleten erklärt, wie die dopen können, ohne erwischt zu werden. Simon: „Jeder Hausarzt ist in der Lage, einen Sportler so zu dopen, dass es nicht herauskommt.“ Der Sportmediziner Simon lehnt die Betreuung einzelner Athleten strikt ab. Auch hier dient das Beispiel Armstrong, dessen Hintermann der italienische Arzt Michele Ferrari, Spitzname „Dottore Epo“, war. Aber Simon sagt auch: „Ich glaube, dass es Fahrer gibt, die die Tour de France sauber fahren.“ In diesem Zusammenhang ist auch immer wieder die Rede von Höhentrainingslagern, die Sportler nutzen. Drei Kriterien seien demnach entscheidend, ob von Doping gesprochen werden kann: Ist es schädlich für die Gesundheit? Steigert es die Leistung? Und: Ist es ethisch nicht vertretbar? Im letzten Punkt liegt das Problem. „Der ist wachsweich“, sagt Simon. Treffen zwei von drei Faktoren zu, sei es Doping.

Die Kernzahl des Abends war die 16. Soviel Prozent seien es, die Doping betreiben. Und zwar nicht nur im Leistungssport, sondern auch im Beruf oder während des Studiums, so genanntes Hirndoping mit Medikamenten. Simon sprach beispielsweise davon, dass rund 20 Prozent der Chirurgen im Nachtdienst gedopt operieren, sprich Medikamente eingenommen haben. Oder Studenten, die aber nach Simons Ausführungen schon nach einem Semester wieder weniger nehmen. „Unsere Befürchtung ist“, sagte Simon, „dass im Elternhaus der Medikamentenkonsum gelehrt wird.“ In allen Gesellschafts- und Berufsfeldern würden mithin durchschnittlich 16 von 100 Personen dopen.

Ein paar Feststellungen zum Doping im Spitzensport machte Simon dann doch noch. So halte er es für nicht ausreichend, wenn im Radsport nur zwei von 150 Fahrern getestet werden. „Das führt in die falsche Richtung“, sagt er. 350 Millionen US-Dollar werden jährlich weltweit für den Kampf gegen Doping investiert. Ein Ende des Betruges wird es aber nicht geben: „Es gibt zu viele Mittel und Substanzen, die wir nicht nachweisen können.“ Simon schiebt auch den Zuschauern eine Teilschuld am systematischen Doping zu: „Alle sind Teil dieses Systems.“ Und man müsse weiter denken. Simon erzählt von deutschen Läufern, die gegen Kenianer kämpfen, „für die geht es ums nackte Überleben, die müssen Familie ernähren. Der Sport entscheidet über vieles.“

Der US-amerikanische Forscher John Rogers experimentiert gar schon mit „BioStamps“ – kleine Platten, die er Mäusen einbaute. Und deren Handeln er über ein Gerät bestimmen konnte. Jetzt kommt’s: „Es wird Jahrzehnte dauern“, behauptet Simon, bis diese „BioStamps“ in der Gesellschaft ankommen. Dann aber hat Doping ein neues Zeitalter erreicht. Simon: „Irgendwann sitzen Fußballtrainer mit den Handys am Rand und bedienen ihr Team.“ Klingt sehr interessant …

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21.11.2015, 12:00 Uhr

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