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Kein Horizont in Sicht

Extremer Smog in China · Schließung von Fabriken hat nicht geholfen

Wieder verschwinden große Teile Chinas unter einer giftigen Smogdecke. Dabei hatte die Regierung tausende Fabriken schließen lassen. Unter anderem zieht El Ni·o ihr einen Strich durch die Rechnung.

10.11.2015
  • FELIX LEE

Changchun Viele Menschen in Chinas Nordosten hatten gedacht, Smog-Tage mit Extremwerten gehörten der Vergangenheit an. Weil die Feinstaubwerte im Winter 2013 beim 40fachen des Grenzwerts gelegen haben, ließ die Regierung tausende Fabriken und Hochöfen schließen und Millionen von Kohleheizungen verbieten. Das sollte die miese Luftqualität in dem smoggeplagten Land lindern.

Und tatsächlich war die Luft in diesem Jahr in China so sauber wie seit Jahren nicht. Doch jetzt, zum Winterbeginn, kehrt Ernüchterung ein: Am Sonntag hat die Luftverschmutzung in einigen Städten im Nordosten Chinas sogar so hoch gelegen wie seit Beginn der Aufzeichnung nicht.

Den amtlichen Statistiken zufolge ist der Feinstaubwert am Sonntag in Changchun, der Provinzhauptstadt von Jilin, auf 860 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gekletter. In Shenyang, der Hauptstadt der Nachbarprovinz Liaoning, lag der Wert bei mehr als 1200 und in einigen Gegenden sogar bei mehr als 1400 Mikrogramm.

Die ganze Region ist auch gestern unter einer gelbgrauen Dunstglocke versunken. Die Sicht liegt zum Teil bei unter fünf Metern.

Als offizielle Begründung wird der Beginn der Heizperiode genannt. In China wird rund zwei Drittel der Energie nach wie vor durch Verbrennen von Kohle gewonnen. Shenyang wollte das Heizungssystem eigentlich erst vom 15. November nach und nach einschalten. Wegen des plötzlichen Kälteeinbruchs am Wochenende aber hätten alle Anlagen sofort eingeschaltet werden müssen, heißt es in einer Stellungnahme der Stadtverwaltung.

Die Bürger sind entsetzt. Bei Smogwerten von über 300 sei Peking wie in dem Horrorfilm Silent Hill, schreibt die Bloggerin Qian Zhou. "Werte von über 1400 sind der Weltuntergang."

Im chinesischen Staatsfernsehen wird eine 14-jährige Schülerin auf den Straßen von Shenyang gezeigt, die auf dem Weg zur Schule über brennende Augen, Halsschmerzen und Kopfschmerzen klagt. Und TiayJinYou, ebenfalls ein Bewohner von Shenyang, bloggt: "Aus dem Haus zu treten ist wie gegen eine Betonwand zu rennen."

Die Verwaltung der Fünfmillionenstadt Changchun rief dazu auf, möglichst wenig im Freien zu verbringen und umweltfreundliche Verkehrsmittel zu nutzen. Auch würden Fabriken abgeschaltet und Baustellen geschlossen.

Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua hat derartige Dringlichkeitsmaßnahmen angesichts des Ausmaßes als "nutzlos" bezeichnet. Sie zitierte einen Anwohner: "Man geht los und kauft sich eine Atemmaske. Zugleich weiß jeder, dass das nichts hilft. Wir sind diesem Gift hilflos ausgesetzt."

Chinesische Meteorologen befürchten, dass dem Osten Chinas in den nächsten Monaten quälend lange Tage mit Smog bevorstehen. Denn das Klimaphänomen El Ni·o, das dieses Jahr besonders ausgeprägt ist, hält Wind und Regen von Ostasien ab. Wahrscheinlich werde es die Witterung nicht schaffen, die Abgase aus den Städten zu blasen.

Extremer Smog in China · Schließung von Fabriken hat nicht geholfen
50mal so viel Feinstaub in der Luft wie die Weltgesundheitsorganisation für akzeptabel hält: Wohnviertel in Shenyang in der chinesischen Provinz Liaoning. Foto: afp

  • Beschaffenheit Gemessen werden die Feinstaubpartikel, die kleiner als 2,5 Mikrometer (PM2,5) sind. Sie gelten als besonders gefährlich. Denn sie können beim Atmen bis in die Lungenbläschen und die Blutlaufbahn geraten und Krebs auslösen.
  • >Gefahr In zahlreichen Gegenden Chinas, vor allem großen Städten, herrscht extreme Luftverschmutzung. Sie wird mehreren Studien zufolge für mehr als eine Million Todesfälle im Jahr verantwortlich gemacht – Herzversagen, Schlaganfall, Lungenkrebs.
  • >Grenzwert Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass ab 25 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter die Gesundheit beeinträchtigt werde. Werte, die über 300 liegen, gelten als gefährlich. Der offizielle chinesische Index reicht bis 500.

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10.11.2015, 12:00 Uhr

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