Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Hilfe für Kinder statt Reparatur?

FDP-Politiker informierten sich im Horber Sozialkaufhaus „Kommode“

Lagerarbeiter sollen nach Ingenieuren die meistgesuchten Leute sein, wie FDP-Bundestagsabgeordneter Pascal Kober aus einer Statistik herauslas – die Wirklichkeit hatte sein langzeitarbeitsloser Gesprächspartner anders erlebt: Trotz Staplerführerschein habe er als angelernte Lagerkraft nur Absagen erhalten. Vorübergehend ist er im Horber Sozialkaufhaus „Kommode“ untergekommen.

15.02.2011
  • Andreas Ellinger

Horb. „Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“ So wurde FDP-Bundesvorsitzender Guido Westerwelle fast auf den Tag genau vor einem Jahr zitiert. Dafür hat er öffentliche Kritik geerntet.

Als der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Patrick Döring kürzlich in Horb gastierte, war ihm Beifall aus seinem schwäbischen Publikum gewiss, als er über arbeitslose Berliner sprach und sagte: „Hier gerät auf Ihre Kosten etwas aus den Fugen.“ Eine Zuhörerin meinte: „Sie haben Sarrazin gelesen?!“ Döring widersprach nicht, meinte aber: „Manches Kapitel hätte er besser nicht geschrieben.“

Als der Beifall für Dörings Schelte am (angeblich zunehmenden) Arbeitsunwillen in der Gesellschaft leiser wurde, griff FDP-Landtagskandidat Dr. Timm Kern ein. Er hob die Freiheit der Menschen als eines der zentralen Ziele der FDP hervor und sprach sich für einen Sozialstaat aus: „Wer schwach ist, hat nichts von seiner Freiheit.“

Als er am Montag den Abgeordneten Pascal Kober durch soziale Einrichtungen in Horb führte, der im Bundestags-Ausschuss für „Arbeit und Soziales“ sitzt, hatte Kern einen studierten Theologen zur Seite. Kober: „Es geht um einen Personenkreis, dem Gott ganz viel mitgegeben hat“ – aber nicht in der Weise, dass die Fähigkeiten der Betroffenen so nachgefragt würden, dass sie davon leben könnten. In seinem Internet-Bekenntnis zu der Partei schreibt der Reutlinger: „Die FDP redet nicht nur von sozialer Verantwortung und instrumentalisiert sie auch nicht für ihre eigenen Zwecke. Sie macht sich ideenreich und tatkräftig an die Lösung. Dabei verletzt sie nicht die Würde der Betroffenen und gibt das Ideal einer freien Gesellschaft nicht auf.“

Gastgeber Wolfgang Günther, der Leiter der diakonischen „Erlacher Höhe“ im Landkreis Freudenstadt, berichtete von arbeitswilligen Arbeitslosen: „Es kommen so viele Leute hier vorbei, die etwas tun wollen“ – im Sozialkaufhaus „Kommode“. Dessen Projektleiter Christof Schaible ergänzte, dass sogar ehrenamtliche Arbeit von Interesse sei: „Ein bisschen Fahrgeld, das ist manchen schon genug.“

Abgeordneter Kober wollte wissen: „Was bringen die Ein-Euro-Jobs?“ Die Antwort gab eine Verkäuferin: „Man ist halt mal wieder unter den Leuten.“ Aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme ist sie auf eine 80-Prozent-Stelle angewiesen, wie sie mit Ende 50 offenbar keine auf dem „Ersten Arbeitsmarkt“ findet. „Ich blühe hier auf“, berichtete sie den FDP-Gästen. Sie kann sozialversicherungspflichtig und sogar langfristig beschäftigt werden, weil die Erlacher Höhe Lohn-Zuschüsse nach Paragraf 16e des Sozialgesetzbuchs II erhält. Voraussetzung ist, dass „eine Erwerbstätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt voraussichtlich innerhalb der nächsten 24 Monate ohne die Förderung nicht möglich ist“ und Tarif-Lohn bezahlt wird.

Im Herbst bekam die Erlacher Höhe zu ihrer Überraschung mitgeteilt, dass neue Beschäftigungen nach dem 16e-Modell nicht mehr möglich seien. Entsprechend befristete Arbeitsverhältnisse laufen aus: „Das ist wirklich schwierig“, sagte Günther – „soviel zum Thema Verlässlichkeit von Politik“.

Für Kober war es „leicht nachvollziehbar, dass Sie verlässlich Planen können müssen“. Er sei aber gegen „abgeschlossene Systeme“, die jemanden dauerhaft vom Ersten Arbeitsmarkt abschotten würden. Ihm geht es darum, dass Arbeitsplätze wie im Lager-Bereich auf verschiedene Qualifikations-Profile verteilt werden, so dass auch ungelernte Kräfte einen Job finden können. Zudem verwies er auf das Bürgergeld-Modell, nach dem der Lohn von Geringverdienern staatlich aufgestockt werde.

Günther hofft unterdessen, dass der Erlacher Höhe Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds bewilligt werden: Mithilfe des Bundesprogramms „Soziale Stadt – Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier (BIWAQ)“ könnten auf dem Hohenberg 16 Arbeitsplätze entstehen.

Auf Kobers Frage, ob das diakonische Unternehmen in Konkurrenz zu Anbietern des Ersten Arbeitsmarktes trete, stellte Günther eine Gegenfrage: „Wo hat man den ganz reinen Wettbewerb überhaupt noch?“ Branchen wie die Landwirtschaft würden auch bezuschusst. Die Erlacher Höhe biete Arbeitsprojekte, die es nicht gebe, wenn sie nicht für Arbeitslose entwickelt würden – in Nischenbereichen des ländlichen Raums. Dazu zählte er Haushalts-Entrümpelungen. „Ich glaube, die Leute müssen etwas Vernünftiges arbeiten – das hat mit Würde zu tun“, betonte er. Wolfgang Günther riet den FDP-Politikern, das Hauptaugenmerk darauf zu verlegen, „dass Kinder besser groß werden“. Der Grund: „Wenn Jugendliche mal gescheitert sind, dann zieht sich das Jahre – der Reparatur-Betrieb lässt sich auf Dauer nicht finanzieren.“

Anschließend fuhren Timm Kern und Pascal Kober zum Werkhaus der „Bruderhaus Diakonie“ in die Saarstraße weiter. Ihren letzten Termin hatten sie beim Kreis-Tageselternverein in Horb.

FDP-Politiker informierten sich im Horber Sozialkaufhaus „Kommode“

FDP-Politiker informierten sich im Horber Sozialkaufhaus „Kommode“
Zwei FDP-Vertreter, die Theologie studiert haben und sich für Sozialpolitik interessieren, waren gestern im Horber Sozialkaufhaus „Kommode“ zu Gast, das von der „Erlacher Höhe“ betrieben wird, die zum Diakonischen Werk gehört. Von links: Wolfgang Günther (Leiter der Erlacher Höhe in Freudenstadt), Christof Schaible (Projektleiter der Kommode), FDP-Landtagskandidat Dr. Timm Kern und FDP-Bundestagsabgeordneter Pascal Kober aus Reutlingen. Bild: ael

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.02.2011, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball