Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kommentar

Fachwerk und Beton: Dialog der Formen

Ist es das Reutlinger Rathaus wert, erhalten zu werden oder sollte, wie von der CDU vorgeschlagen, der Verwaltungstrakt an der Lederstraße dem Kommerz weichen. Sollte es vielleicht so erweitert werden, wie es eine im Gemeinderat kürzlich vorgestellte Machbarkeitsstudie anregt?

08.10.2010
  • Bernd Ulrich Steinhilber

Als ein Bau der modernen Nachkriegsarchitektur hat das Rathaus nicht nur Freunde, ist es als schnöder Betonbau in Verruf gekommen, weshalb nicht alle Reutlinger zu Tränen gerührt wären, würde auch nur ein Teil des Ensembles durch etwas Neues ersetzt.

Stopp. Das wäre ein Totalschaden! Wer dieses so unmissverständlich seinem darüber hoch erfreuten Publikum Mittwochabend in der Stadtbibliothek zurief, war kein anderer als Adrian von Buttlar, Lehrstuhlinhaber und ein Kenner der Materie. Als Professor am Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik der Berliner TU arbeitet er auf dem Felde der Kunst- und Architekturgeschichte der Moderne mit dem Schwerpunkt Denkmalschutz.

„Abriss oder Denkmalschutz?“ war deshalb auch sein Vortrag „Herausragende Bauten der Nachkriegsmoderne“ überschrieben, wozu ein Heer von Veranstaltern – Geschichtsverein, Architektenkammer, städtisches Baudezernat, Stadtbibliothek und Volkshochschule – eingeladen hatte – wohl deshalb, weil man sich neben grundsätzlichen Bemerkungen zu Bauten aus den Gründerjahren der Republik Hinweise zum Reutlinger Rathaus erhoffte. Schließlich darf man das Anfang der 60er Jahre geplante Ensemble dazurechnen. Und wie viele der damals errichteten Gebäude, ist es abgeschrieben, reparaturbedürftig, technischem Wandel und energetischen Normen ausgesetzt. Gehört es aber auch in jene Kategorie von Architektur, die es dank ihrer funktionalen wie hochwertigen künstlerischen Gestaltung zum Zeugnis eines optimistischen Aufbruchs in die Nachkriegszeit macht?

Von Buttlars Einschätzung sollte gehört werden, dass man das Rathaus als ein Zeichen selbstbewusster Demokratie in das Herz der Stadt und nicht etwa am Rande eingepflanzt hat – als eine sichtbare Zusammenfügung von Repräsentation und sämtlichen seiner Funktionen, vom Großen bis ins Kleinste in künstlerischem Duktus durchdacht und durchaus in Kontrast zu dem, was der Krieg übrig gelassen hatte.

So gesehen wäre es problematisch, Teile davon dem Kommerz zu opfern, nicht nur, weil damit öffentliche Räume verschwinden, sondern ein Symbol entwertet würde. Und steht denn nicht auch das scheinbar wahllose Nebeneinander von Fachwerk und Beton für einen Dialog der Formensprachen, der eine letztlich doch liebenswerte Vielfalt erschafft? So kann man dem Rathaus einen Wert zusprechen, der den Erhalt des Ensembles unverzichtbar macht.

Das wäre die reine Lehre. Man muss allerdings dagegen halten, dass der politische Diskurs mit der Abwehr eines Einkaufscenters an der Peripherie das Rathaus als Alternative erst ins Spiel brachte. Freilich ist angesichts der von Buttlar vorgetragenen Argumente eine Besinnung angebracht. Tatsächlich ist man schnell dabei, einen nicht bezifferbaren Wert wirtschaftlichen Berechnungen zu unterwerfen. Weit- und umsichtig wäre es, würde sich der Gemeinderat mit von Buttlars Argumenten auseinander setzen, bevor er irgendwelche Entscheidungen trifft.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

08.10.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball