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„Transfair“-Ehrentitel winkt

Fair-Play an der Steinlach

Seit ein paar Wochen bewirbt sich Mössingen um das Siegel „Fair-Trade-Stadt“. Die Auszeichnung ist der Großen Kreisstadt so gut wie sicher. Ihr Wert muss sich allerdings erst noch erweisen.

22.08.2012
  • Eike Freese

Mössingen. Die Idee kam von Jugendlichen beim Jugendklimagipfel, der Antrag von der SPD, der Beschluss von den Stadträten, logistische Unterstützung von der Stadt: Mössingen will sich in die Reihe der derzeit bundesweit 92 Kommunen eingruppieren, die das „Fair-Trade-Stadt“-Siegel tragen. In der vergangenen Woche ging die Bewerbung bei „Transfair“ ein, derzeit prüft der Verein mit Sitz in Köln, in vier bis sechs Wochen gibt es das Ergebnis. Mit dem Siegel würde Mössingen den Städten Rottenburg und Tübingen nachfolgen. Auch Reutlingen und Pfullingen stehen auf der Liste, auf der Baden-Württemberg mit derzeit 19 Kommunen prominent vertreten ist.

Der Ehrentitel ist den Mössinger Initiatoren so gut wie sicher. Die Stadt-Koordinatorin für bürgerschaftliches Engagement, Lena Till, stellte bereits vor Monatsfrist fest, „dass Mössingen schon die meisten Bedingungen erfüllt“. Konkret machen die Transfair-Prüfer Haken unter folgende fünf Punkte:

Per Ratsbeschluss muss festgelegt werden, dass sich die Stadt um den Titel bemüht – und dass bei öffentlichen Sitzungen von nun an zumindest fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt wird. Die Mössinger Stadträte haben am 2. Juli entsprechend beschlossen.

In der Stadt muss sich eine möglichst breit aufgestellte „lokale Steuerungsgruppe“ zusammenfinden, die jetzt und künftig alle Aktivitäten koordiniert. Mit dem grünen Stadtrat Karl-Heinz-Grießhaber als Sprecher traf sich die Gruppe Mitte Juli zum ersten Mal. Vertreter von Einzelhandel, Kirchen, Schulen und Vereinen sind dabei.

Je nach Größe der Stadt müssen eine gewisse Anzahl von örtlichen Läden und Lokalen Fair-Trade-Produkte verkaufen. Für eine Stadt der Größe Mössingens sind das fünf Geschäfte und drei Gastronomiebetriebe. Dieses Soll ist erfüllt.

Die Stadt muss sich kümmern, dass Schulen, Kirchen und Vereine faire Produkte benutzen. In Mössingen etwa beteiligen sich die Filsenbergschule, Firstwald- und Quenstedt-Gymnasium und die Klinik Bad Sebastiansweiler – um nur einige zu nennen.

Die Stadt muss aktive Öffentlichkeitsarbeit betreiben, um die Fair-Trade-Idee unter den Bürgerinnen und Bürgern zu verbreiten.

Der Wert des Ehrentitels indes muss sich erst noch erweisen. Kathrin Bremer von der Transfair-Zentrale in Köln sieht es durchaus auch so, dass der Labeling-Verein eine Gratwanderung vollführen muss: „Ein solches Siegel lebt allein von der Glaubwürdigkeit und der Prüfung der Kriterien“, sagt die studierte Geografin. Sie räumt aber ein, dass es der Verbreitung des Gedankens sehr im Wege stehen würde, allzu strenge Anforderungen an die deutschen Kommunen zu stellen. Filialisten wie REWE, Penny oder Tschibo garantieren Transfair schon ein Mindestmaß an Fair-Trade-Produkten vor Ort. Kleine Einzelhändler würden telefonisch geprüft, seltener persönlich.

Und doch gibt es örtlich durchaus Probleme bei der Anerkennung von einzelnen Gewerbetreibenden. „Das schwierigste sind die Gastronomie-Betriebe“, sagt Bremer. „Die tun sich oft gerade mit fair gehandeltem Kaffee schwer – weil sie durch ihre Ausstattung nicht selten an einen Kaffee-Anbieter gebunden sind, der nicht-fair gehandelten Kaffee anbietet.“ Auch in Mössingen gibt es dieses Problem, erzählt Karl-Heinz Grießhaber: „Gastronomen haben oft noch ganz eigene Probleme.“ Der Grüne Stadtrat hat bereits im vergangenen Jahr eine Liste mit Mössinger Firmen abgearbeitet – doch bei der jetzigen Bewerbung der Stadt ist weiterhin keine klassische Kneipe dabei. Stattdessen das Kulturcafé Chamäleon, das Café des Mütterzentrums und die Kurklinik Bad Sebastiansweiler.

Grießhaber sieht als Leiter der so genannten „lokalen Steuerungsgruppe“ die Fair-Trade-Pläne in Mössingen noch in den Kinderschuhen stecken. „Langfristiges Ziel ist natürlich ein Umdenken“, so der Öschinger Bioland-Metzger. „Aber für den Moment ist auch mit dem kleinsten Engagement geholfen.“ Das können Sport-Vereine sein, die auf unfair hergestellte Fußbälle verzichten – oder eine Stadt, die auf heimischen Friedhöfen keine Steine mehr aus Kinderarbeit will. Kathrin Bremer nennt Städte wie Saarbrücken und Hannover vorbildlich in ihrer Interpretation des Gedankens. Bremen räumte kürzlich den Fair-Trade-Hauptstadt-Titel ab – etwa weil es öffentliche Vergaben nun auch ganz offiziell an den Fair-Trade-Gedanken koppelt.

Die Engagierten wollen mit dem neuen Label erstmal kleine Schritte in die richtige Richtung gehen. Oft, so der Tenor, sei es nicht Böswilligkeit sondern reine Unwissenheit, wenn Unternehmen oder Privatpersonen bestimmte „gute“ Produkte nicht verwenden. „Und wenn ein Gastronom jetzt erstmal nur Kakao und Tee aus fairem Handel anbietet, ist das für den Moment völlig okay“, sagt Karl-Heinz Grießhaber. Und fügt hinzu: „Immerhin gab es nie Streit darüber im Gemeinderat – obwohl das Siegel ja künftig eine gewisse Selbstverpflichtung mit sich bringt.“ Der Steuerungsgruppen-Sprecher zeigt sich zuversichtlich, über kurz oder lang viele Mössingerinnen und Mössinger von der Idee zu überzeugen. Am Anfag stehe zwar der Kaffee in den Gemeinderratssitzungen – „Aber die Stadt und die Politik können hier ja mal Vorbild sein.“

Fair-Play an der Steinlach
K. Grießhaber

Fair-Play an der Steinlach
K. Bremer

Der Kaffee beim Vereinstreffen, der O-Saft beim Häkelkurs, die Schokolade beim Kinderfest und der Grabstein auf dem Friedhof: Vor Ort gibt viele Produkte, bei denen der Käufer selbst ein Zeichen gegen Lohndumping, Kinderarbeit und Entrechtung von Frauen und Minderheiten setzen kann. Das TAGBLATT widmet sich ab heute mit einer kleinen Serie der Frage, wie und wo die Mössinger selbst einen Beitrag leisten können.

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22.08.2012, 12:00 Uhr

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