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Falschen Pässen auf der Spur
Bereits unter ultraviolettem Licht können Manipulationen an Pässen entdeckt werden. Foto: dpa
Flüchtlinge

Falschen Pässen auf der Spur

Urkundenexperten des Bundesamts für Migration prüfen hunderttausende Personaldokumente. Sie entdecken bei ihren Untersuchungen fast alle denkbaren Manipulationen.

20.01.2017
  • CATHERINE SIMON, DPA

Nürnberg. Wie von Geisterhand erscheint auf dem Computerbildschirm eine silbrig leuchtende Handschrift auf dunklem Grund. Dabei war das grüne Originaldokument auf den ersten Blick unbeschriftet. „Alte Eintragungen darauf wurden chemisch entfernt“, erklärt der Urkundensachverständige Carsten Lein. „Das ist ein wenig wie bei einem Tintenkiller, den man in der Schule benutzt.“ Erst grünes Licht mit einer bestimmten Wellenlänge hat die Buchstaben auf der russischen Geburtsurkunde wieder sichtbar gemacht.

Der 38-jährige Lein ist einer der Dokumenten-Experten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg. Ihr Job ist es, gefälschte von echten Dokumenten der Flüchtlinge zu unterscheiden.

Asylbewerber legen aus unterschiedlichsten Gründen falsche Papiere vor – etwa wenn sie wegen des unbefristeten Wehrdienstes aus Eritrea fliehen, der laut Amnesty International staatlicher Zwangsarbeit gleichkommt. „Sie brauchen dann gefälschte Pässe, um überhaupt aus dem Land zu kommen“, erklärt Lein. Meist teilten die Menschen das den Bamf-Mitarbeitern auch mit. Andere ändern nur das Geburtsdatum, weil sie sich als minderjährig ausgeben wollen. Wieder andere nutzen gefälschte Papiere, um sich als Syrer auszugeben – Asylanträge aus diesem Land haben meist Erfolg.

Zu den fünf Sachverständigen, drei Anwärtern auf diesen Job sowie neun Kollegen im Urkundenlabor des Bamf kommen die schwierigen Fälle. Schon in jeder Außenstelle des Bundesamts gibt es geschulte Mitarbeiter, die Dokumente prüfen – 2016 waren das rund 392 000. Sie benutzen dafür Mikroskope und einen Beleuchtungskasten, in dem die Papiere durchleuchtet oder mit UV-Licht bestrahlt werden. Bestimmte Fasern leuchten dann hell. Auch ein Pass-Scanner samt Prüfsoftware steht den Bamf-Mitarbeitern zur Verfügung.

Fällt ihnen etwas Verdächtiges an einem Pass auf – ein Stempel, von dem ein Teil nicht mehr sichtbar ist, oder Schrift, die von Fälschern nicht gut genug entfernt wurde – schicken sie das Dokument nach Nürnberg. Dort steht zusätzlich zu Mikroskopen und Beleuchtungskästen ein Video-Spektral-Komparator. Der Zauberkasten ist rund 80 000 Euro wert. Er wird oft gebraucht. „Denn vieles ist mit bloßem Auge nicht sichtbar“, sagt Lein.

Das russische Blanko-Dokument hatte ein Verbindungsbeamter des Bamf auf dem Schwarzmarkt in der Ukraine erworben. Die Kollegen in Nürnberg nutzen es zur Schulung. Ein Fälscher brauche schon Übung, um Schrift so unsichtbar zu machen, sagt Lein. „Wenn etwas darüber geschrieben wurde, sieht man die doppelte Eintragung.“

Flüchtlinge legen dem Bamf alle möglichen Papiere vor: Reisepässe oder Geburtsurkunden, Registerauszüge, Dienstausweise von Behörden oder Religionsbescheinigungen. Damit wollen sie einen Glaubenswechsel beweisen, aufgrund dessen sie in ihrem Land verfolgt wurden. Doch es ist die Minderheit, die überhaupt Dokumente dabei hat. Nur etwa 40 Prozent der Flüchtlinge legen nach Bamf-Schätzung irgendein Papier vor. Eine genaue Statistik führt die Behörde bisher nicht.

Die Sachverständigen schauen sich die Dokumente komplett an und prüfen sie – sofern vorhanden – an Vergleichsmaterial. Dabei achten sie besonders auf Wasserzeichen, Hologramme oder Strichcodes. Dafür steht ihnen eine Datenbank mit Dokumenten aus aller Welt zur Verfügung. Gibt es kein Vergleichsmaterial, ist ein abschließendes Urteil nicht auf Anhieb möglich. „Verfälschungen kann man aber feststellen“, sagt Lein. Viele Dokumente entsprechen auch nicht gerade europäischen Standards, sind etwa noch per Hand beschriftet.

„Ich schaue mir jedes Dokument auf Manipulationsspuren an und zähle etwa auch die Seiten“, erklärt Christa Schäfer. Die 30-Jährige ist Anwärterin auf den Beruf des Urkundensachverständigen. Sie vergleicht Drucktechniken, Schriften und Muster. Schäfer hat ein Studium hinter sich und sattelt nun die drei- bis vierjährige kriminaltechnische Zusatzausbildung des Bundeskriminalamtes drauf. Ihren Praxis- teil absolviert sie im Bamf. Hier war sie erst auf den seltenen Beruf gestoßen.

Ein bis zehn Dokumente am Tag schaut sich ihr Kollege Lein in der Regel an. „Bei manchen sieht man eine Fälschung sofort, bei anderen ist man einen halben Tag beschäftigt.“ Ganz wichtig: „Vom ersten optischen Eindruck darf man sich nicht täuschen lassen.“ Grundsätzlich könne jedes Dokument gefälscht werden.

Im vergangenen Jahr hat die Nürnberger Abteilung 99 000 Dokumente untersucht. Bei rund sechs Prozent wurden mutmaßliche Fälschungen festgestellt. Solche Fälle werden dem Asyl-Entscheider mitgeteilt, der Ausländerbehörde und seit Oktober 2016 auch der Polizei. Bei sicherheitsrelevanten Fragen wird zudem das BKA informiert.

Auch durch den Austausch mit anderen Flüchtlingsbehörden haben sich die Bamf-Experten ein einzigartiges Fachwissen erarbeitet. Lein gibt dennoch zu: „In wenigen Fällen kann die Echtheit eines Dokumentes nicht zweifelsfrei und gerichtsfest bestätigt werden – insbesondere, wenn das Dokument erhebliche Gebrauchsspuren aufweist.“ Dann ist vor allem der Entscheider gefragt, die Wahrheit herauszufinden. Dann gilt der gleiche Grundsatz wie vor Gericht: Im Zweifel für den Flüchtling. Catherine Simon, dpa

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20.01.2017, 06:00 Uhr

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