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Falscher Hase aus der Truhe

Es muss in den Wochen vor Weihnachten gewesen sein, dass ich beschlossen hatte, den limitierten Platz in den Tiefkühlfächern unterm Kühlschrank fortschrittlicher und effizienter auszunutzen. Bei dieser „eiskalten Progression“ habe ich zunächst alle Platz verschwendenden Kühlelemente in eine Kühltasche ausgelagert – Kühlelemente braucht im Winter doch eh’ keiner.

25.06.2015
  • Thomas de Marco

Als nächstes nahm ich dann die gefrorenen, in Plastik eingeschweißten Fleischportionen aus der sperrigen Kartonverpackung. Manager der Tiefkühl-Industrie sprechen dabei von Optimierung des „Frozen Space“, Linke geißeln diese Entwicklung als „neo-glaziale Umverteilung von innen nach außen“. Mir hat es auf jeden Fall viel Platz für neue, in Plastik eingeschweißte Fleischstücke beschert. Weil auf den Verpackungen aber immer draufsteht, wie das jeweilige Fleisch am besten zubereitet werden soll, habe ich die Kartons fein säuberlich plattgedrückt und im Regal an die Seite gesteckt.

Erste Zweifel am neuen eiskalt ausgeklügelten System kamen während der ersten Hitzewelle auf: Die Kühlbox war gepackt, fehlten nur noch die gefrorenen Elemente. Weil die sich aber seit über einem halben Jahr eines flüssigen Innenlebens erfreuten, war das Picknick beendet, bevor es begonnen hatte. Und dann kam der Tag, an dem etwas von dem Fleisch in die Pfanne wandern sollte – und mit diesem Tag kam die Erkenntnis, dass die Stücke in gefrorenem Zustand eigentlich alle gleich aussehen: Was Hasenrücken, Rehmedaillon oder Hirschsteak war, das konnte man nur auf den Verpackungen erkennen. Da die aber bekanntlich vom Inhalt getrennt waren, fehlte die Zuordnung.

Deshalb wurde aus dem Spargel-Essen ein Überraschungsmenü mit unbekannter Fleischbeilage. Was nicht allen schmeckte. So rätselte meine Frau permanent, was denn nun da neben Spargel und Kartoffeln auf dem Teller dem Verzehr anheim fiel. Ich drückte mich um die Beantwortung, indem ich dem Gemüse geschmackliche Vollendung zuschrieb und den Kartoffeln bemerkenswerte Bio-Qualität bescheinigte.

Doch das alles half nichts. Der Missmut über die unbekannte Masse zwischen den Zähnen war nicht mehr zurückzudrängen, sondern gipfelte vielmehr in der klaren Forderung, „ich will wissen, was ich esse!“ Und mit dieser Feststellung ging gleichzeitig auch das Projekt „eiskalte Progression“ als gescheitert in die Küchengeschichte des Hauses ein. Wir einigten uns dann darauf, dass wir mit ziemlicher Sicherheit den Hasenrücken vom Eise befreit und in verzehrfertigen Zustand erhitzt hatten.

Doch einmal unter uns: Ich bin ganz sicher, es waren doch die Rehmedaillons. Aber weil meine Argumente so wertlos wie die leeren Kartons im Regal wirkten, habe ich das Spiel mit dem falschen Hase eben mitgemacht. Da bin ich eiskalt.

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25.06.2015, 12:00 Uhr

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