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Der Tübinger „Hirsch“ beherbergte eine florierende Wirtschaft und das erste Filmkunst-Kino der Stadt

Familientradition und anspruchsvolle Filme unter einem Dach

Ob am Bodensee, im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb: Touristen können sich sicher sein, dass sie auf ihren Reisen durch Baden-Württemberg früher oder später auf ein Wirtshaus mit dem Namen „Hirsch“ stoßen. Doch Vorsicht: Nicht überall, wo „Hirsch“ draufsteht, ist auch eine Gaststätte drin. Denn sucht man in der Tübinger Hirschgasse nach einem schwäbischen Lokal, wird man es nicht finden. Dafür aber die „Hirsch“-Begegnungsstätte für Ältere und das „Café im Hirsch“.

26.06.2011
  • Jennifer Schmidt

Nur mit einem Blick auf die Geschichte des Gebäudes mit der Hausnummer 9 lässt sich dieser Trugschluss erklären: Noch bis vor rund 30 Jahren befand sich in dem Haus tatsächlich die Gastwirtschaft „Hirsch“, die auf eine mindestens 400-jährige Tradition zurückblickt und eine der ältesten Schildwirtschaften in der Unteren Stadt war.

Ein Saal mit Theaterbühne

Über den Bau und die Entstehung des „Hirsch“ ist bislang nichts bekannt. Wahrscheinlich erfolgte die Gründung der Wirtschaft erst nach 1550, vermutet Stadtarchivar Udo Rauch. Ihre erste Erwähnung fand er im Taufbuch der Stiftskirche. Dort war 1572 von einer Barbara die Rede, die als Ehefrau des Hirschwirts bezeichnet wird.

Familientradition und anspruchsvolle Filme unter einem Dach
Der "Hirsch" in der Zeit vor 1927.

Wenige Jahre später berichtet der Tübinger Chronist Martin Crusius von Anna und Bernhard Steinhilber, den ersten bekannten Wirtsleuten des „Hirsch“. 1715 wurden die Angaben zur „Herberge zum Hirsch“ erstmals konkreter. Das Gebäude hat zu der Zeit vier Stuben und fünf Kammern und verfügte außerdem über einen Gewölbekeller. Daneben gehörten zum Anwesen ein Hof, ein Stall und ein Anbau.

Dem Ehepaar Steinhilber folgte, wie seiner Zeit üblich, eine ganze Reihe von neuen Besitzern. Erst Gottfried Haug, der den „Hirsch“ 1873 erwarb, kehrte Kontinuität in den Wirtschaftsbetrieb ein: Über 100 Jahre war das Haus in Familienbesitz.

Gottfried Haug ließ das Wirtshaus grundlegend umbauen und verlegte die Wirtschaftsräume, die sich bis dahin im ersten Stock befunden hatten, erstmals ins Erdgeschoss – ein Clou, durch den der „Hirsch“ zu einem der neun führenden Gasthöfe in Tübingen avancierte.

Dies lag nicht zuletzt auch an dem von Haug in Auftrag gegebenen Bau eines Saales, der an das Hauptgebäude angeschlossen wurde. Dort fanden fortan zahlreiche Bälle sowie Fasnetsfeste statt und viele Tübinger Vereine erkoren den Saal zu ihrem neuen Treffpunkt. Doch damit nicht genug: 1905 stattete Paul Haug, der die Wirtschaft 1896 von seinem Vater übernommen hatte, den inzwischen vergrößerten Saal mit einer Theaterbühne aus.

So hatte der gelernte Wirt gleich drei Einnahmequellen, mit denen er seinen Unterhalt verdienen konnte: Neben der florierenden Wirtschaft im Erdgeschoss sowie im ersten Stock brachte ihm die Vermietung des Saals und der acht Fremdenzimmer im zweiten und dritten Stock zusätzlich Geld ein.

Der „Hirsch“ im Bombenhagel

Den wohl schwärzesten Tag seiner Geschichte erlebten Gebäude und Gaststätte am 12. Oktober 1916. Damals machte die Zerstörung des Ersten Weltkrieges auch nicht vor Tübingen halt: Ein französisches Kampfflugzeug warf seine Bomben direkt über der Universitätsstadt ab. Auch der „Hirsch“ wurde schwer beschädigt, fünf Menschen fanden den Tod – darunter auch der zehnjährige Sohn von Paul Haug.

Familientradition und anspruchsvolle Filme unter einem Dach
Der mit Geweihen geschmückte Gastraum

1927 fand sich der in Pisa geborene Josef Meyer als neuer Pächter, der den Saal im ersten Stock nicht mehr konzessionieren ließ: Dieser wurde im gleichen Jahr zu einem Kino umgebaut. Damals schien es üblich zu sein, dass der Wirt samt seiner Familie in die im zweiten und dritten Stock befindlichen Fremdenzimmer zog. So kam es, dass 1930 nur noch zwei von acht Fremdenzimmern für Gäste zur Verfügung standen. Denn sowohl der ehemalige Pächter Meyer als auch der neue Wirt Arthur Eggenweiler bewohnten mit ihren Familien je drei der Zimmer.

1937 übernahmen Lisel und Hans Zeuner aus Kulmbach bei Schweinfurt die Gaststätte „Hirsch“, die ein Jahr zuvor „neuzeitlich hergerichtet“ wurde, wie aus einer Polizeiakte hervorgeht. Zu dieser Zeit hatte der Schankraum 14 Tische, an denen pro Tag zwischen 70 und 80 Mittagessen serviert wurden.

Abends durften im „Hirsch“ bis zur Sperrstunde um 22 Uhr „geistige und nichtgeistige Getränke“ ausgeschenkt werden. Das Befolgen dieser Regel wurde vom damaligen Polizeiwachtmeister genau überwacht. 1940 ertappte er den Wirt Zeuner gemeinsam mit vier Stammgästen nach Anbruch der Polizeistunde in der Küche der Wirtschaft. Dort hatte man feucht-fröhlich mit insgesamt sieben Flaschen Wein und einer Flasche Sekt auf den Geburtstag von einem der Stammgäste angestoßen. Dies sei, so gab der Polizeiwachtmeister zu Protokoll, als Vergehen zu ahnden, denn erstens war die Sperrstunde längst überschritten und der Ausschank von Alkohol in der Küche verboten.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Tübinger Lichtspiele im Hirsch von der französischen Besatzungsmacht beschlagnahmt worden. Erst nach und nach konnte ein regulärer Betrieb wieder aufgenommen werden. 1950 erwarb Kurt Lamm die „Hirsch-Lichtspiele“ als erstes „Filmkunst-Kino“ der späteren „Vereinigten Lichtspiele“ und ließ es 1957 zum „Hirsch-Studio“ umbauen.

Etwa zur gleichen Zeit übernahm Kurt Haug die Gaststätte im Erdgeschoss. Der gelernte Koch, der zuvor 19 Jahre lang die Neckarmüllerei geleitet hatte, führte den „Hirsch“, bis 1971 Wilhelm Leonhardt sie als vermutlich letzter Pächter übernahm.

1977 kam das Aus für den Kinobetrieb im „Hirsch“, da ein Umbau oder eine Sanierung des Saales für Lamm ein zu großes finanzielles Risiko darstellte. Schon vorher hatten die Haugs altersbedingt die Türen ihrer Gastwirtschaft geschlossen.

Begegnung von Jung und Alt

Ein paar Jahre zuvor, nämlich 1973, entstand ungeachtet dieser Entwicklungen beim Tübinger Kuratorium für Offene Altenarbeit der Wunsch, in der Universitätsstadt eine zentrale Begegnungsstätte für Ältere zu gründen. Nachdem dabei zunächst unter anderm das Schwabenhaus und das Kornhaus in Betracht gezogen und dann wieder verworfen wurden, stieß man 1977 im Zuge der Sanierung des Lammblocks auf das historische „Hirsch“-Gebäude.

Da sich die Stadt eine eigenständige Trägerschaft für das inzwischen stadteigene Gebäude wünschte, gründete sich im Jahr 1979 der Verein „Hirsch“-Begegnungsstätte für Ältere, dessen Name noch heute an die alten Wirtshaustraditionen erinnert. Obwohl Sanierung und Umbau des Hauses zügig in Angriff genommen wurden, dauerte es noch drei weitere Jahre, bis der Verein 1982 den ersten und zweiten Stock des Hauses in der Hirschgasse beziehen konnte. Fünf Jahre später bezog auch das „Café im Hirsch“ die Räumlichkeiten der ehemaligen Gaststätte im Erdgeschoss.

Der Verein der Begegnungsstätte blickt im Februar auf das 25-jährige Jubiläum seines Einzugs zurück, ohne dabei das eigentliche Ziel seiner Arbeit aus den Augen zu verlieren: „Wir wollen, wie der Name sagt, Begegnung fördern, auch zwischen den Generationen und mit Menschen aus anderen Kulturkreisen fördern“, so die erste Vorsitzende Gabriele Merkle.

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26.06.2011, 12:00 Uhr

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