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Fassungslos im Pendlerzug
Lotterie am Bahnsteig: Auf den Pendlerstrecken rund um Stuttgart müssen Fahrgäste derzeit Frustresistenz und gute Nerven mitbringen. Foto: dpa
Bahn

Fassungslos im Pendlerzug

Personalengpässe und technische Mängel: Rund um Stuttgart ist der Frust derzeit riesig, zum Jahreswechsel erreichten die Zugausfälle Rekordniveau.

13.01.2017
  • TOBIAS KNAACK UND STEFFEN WOLFF

Stuttgart. Das Vorhaben ist eigentlich ganz einfach: Es soll vom Wohnort in Salach (Kreis Göppingen) nch Ulm gehen. Start ist um 8:12 Uhr mit der Regionalbahn (RB) 19215 bis Geislingen/Steige. Dort um 8:29 Uhr angekommen, bleibt genügend Zeit, um 8.40 Uhr auf den schnelleren Interregio-Express (IRE) 4209 zum Arbeitsplatz nach Ulm umzusteigen. Die RB muss in Geislingen einen 20-minütigen Zwangsstopp einlegen und käme deutlich später am Ziel an.

Soweit die Theorie. In Salach hat die RB am Donnerstag bereits zehn Minuten Verspätung. In Süßen der erste Zwangsstopp: Überholung. Ein Fernverkehrszug rauscht vorbei. Die Pendler im Bummelzug blicken auf ihre Uhren, Verunsicherung macht sich breit. Reicht es, den IRE in Geislingen zu erreichen? Kurz nach dem letzten Zwischenhalt wird der Zug auf ein Nebengleis geleitet. Ein Intercity darf überholen. Die Uhr tickt. Darf gleich auch der IRE vorbei? Nein: Es geht weiter. Die Erleichterung währt aber nur kurz. Rund 200 Meter vor dem Geislinger Bahnsteig stoppt der Zug erneut. Der IRE fährt vorbei. Die Pendler in der RB schauen fassungslos hinterher.

„Auf Entwicklungsland-Niveau“

Zugausfälle, Verspätungen, verdreckte Züge, Durcheinander: Wer derzeit auf Pendlerstrecken wie der Filstalbahn rund um Stuttgart unterwegs ist, kann einiges erleben. Das belegen auch Zuschriften, die unsere Zeitung erreicht haben. „Die Bahn fährt derzeit auf der Filstalstrecke auf Entwicklungsland-Niveau“ heißt es in einem Brief, in dem eine Vielzahl von Zugausfällen dokumentiert sind. Schon seit Oktober sind die Probleme so massiv, dass die Bahn bereits Millionenstrafen an das Land zahlen musste. Zum Jahreswechsel hat sich die Situation erneut verschärft. Laut einer Erhebung des Verkehrsministeriums waren Anfang Dezember im Land 165 Züge im Nahverkehr ausgefallen. In der letzten Woche des Jahres 2016 fielen einem Sprecher von DB Regio zufolge insgesamt 256 Züge aus – 122 komplett und 134 auf Teilstrecken. In der ersten Woche des Jahres 2017 stieg die Zahl auf 330 an, dabei dabei fielen 175 Züge komplett aus, 155 auf Teilen der Strecke.

Das Land sieht klare Managementfehler bei der Bahn: Neben „erheblichen Rückständen“ bei der Instandhaltung der Fahrzeuge sei die Personalplanung über die Feiertage fehlerhaft gewesen. Die DB Regio führt hingegen eine „Krankheitswelle“ an. Weniger stark ins Gewicht fielen die „mehreren Hundert“ neuen Wagen aus anderen Bundesländern, die noch nicht in Betrieb seien, weil die Technik noch überprüft werde.

Seit Oktober muss die DB Regio wöchentlich beim Land zum Rapport. Im November hatte sie eine Taskforce eingerichtet, verbessert hat sich aus Sicht etwa des Fahrgastverbandes Pro Bahn nicht viel. „Es ist ein Dauerzustand momentan“, sagt der Landesvorsitzende Stefan Buhl. So sieht es auch Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD): „Alleine in der ersten Woche des neuen Jahres sind mehr als drei Prozent der DB-Nahverkehrszüge in Baden-Württemberg ausgefallen – das ist ein neuer Negativrekord.“ Vor allem betroffen seien die Region Stuttgart und dort die Pendlerzüge, wie auch Zahlen des Verkehrsministeriums belegen . „Wie möchte man Autofahrer zum Umstieg auf den Zug animieren, wenn der Zug gar nicht fährt?“, fragt Lieb in Bezug auf Feinstaubalarme in Stuttgart.

Weniger Geld für die Bahn

Bei der DB Regio aber sieht man sich „auf einem guten Weg“, da sich die personelle Situation entspannt habe und Personal aus anderen Bundesländern geworben werde. Bis 22. Januar bietet die Bahn ihren Kunden an, auf den Strecken von Stuttgart nach Karlsruhe, Aalen sowie eingeschränkt auch nach Göppingen kostenlos auf Intercity- sowie Eurocity-Züge umsteigen zu können. Bis dahin kostet jeder ausfallende Zug sie Geld. „Fährt ein Zug gar nicht, bekommt DB Regio etwa 15 Euro je Kilometer abgezogen“, sagt ein Ministeriumssprecher. Ist Fahrzeug- oder Personalmangel die Ursache, verdoppele sich der Abzug. Im Dezember wurden so mehr als fünf Millionen Euro fällig.

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13.01.2017, 06:00 Uhr

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