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Mundart

Fast Word

Zur Leserbrief-Auseinandersetzung mit den süddeutschen Sprachwächtern Karl Hammer und Gerhard Büschel.

15.11.2012

Mundartliche Einflüsse beleben und bereichern unsere Sprache und verdienen nicht die auf dieser Seite ausgetragenen, fast ideologisch aufgeheizten „Sprachgefechte“. Meiner Ansicht nach ist der Einfluss der Medien mit all ihren Facetten und Formaten auf unsere Sprachkultur viel tiefgreifender und zugleich schädlicher.

Anhand des immer häufiger gehörten uralten Wörtchens „toll“ (althochdeutsch dol) lässt sich diese Entwicklung besonders anschaulich belegen. Die Prominenz aus Literatur, Unterhaltung oder Politik bedient sich zusehends dieses „Universaladjektivs“. Unser Wortschatz verarmt so zwangsläufig an aussagekräftigen, nuancenreichen, schmückenden Adjektiven. Fast bin ich in Analogie zu „Fast Food“, als Ausdruck einer Verarmung unserer Esskultur, geneigt, besagtem Wörtchen das Etikett „Fast Word“ umzuhängen: stets „begriffbereit“, leicht ausgesprochen, problemlos perzipiert.

In keinem modernen Drehbuch darf es fehlen. Lob- oder Dankesreden bei öffentlichen Preisverleihungen strotzen nur so vor „toll“. Selbst in Feuilletons hält es inzwischen zaghaft Einzug. Auch unsere Kanzlerin erlag seinem Charme. So hat sie sich nach dem WM-Fußballklassiker Deutschland gegen England vor zwei Jahren begeistert zu folgendem „tollen“ Kommentar hinreißen lassen: Das war ein tolles Spiel und ein toller Sieg mit vier tollen Toren! Ganz sicher weiß sie bei ihrem regen SMS-Verkehr den Vorteil besonders zu schätzen: Wie zeitraubend erwiese sich das Eintippen von „grandios“, „glänzend“, „spektakulär“ an Stelle von „toll“.

Beinahe schon tollwütig greift das Wörtchen immer mehr um sich. Welch ein Glück, dass seine Negation „untoll“ noch nicht medienreif ist!

Dr. Rainer Gülch, Mössingen

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15.11.2012, 12:00 Uhr

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