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Das ist ein Lebenswerk

Faszination für kleine Züge: Ein Dreigenerationengespräch in Hirrlingen

Ihre Altersgenossinnen begeistern sich vielleicht für Eiskönigin Elsa. Carmen Vollmer, 11, malt lieber ameisengroße Salatköpfe an, bastelt Mini-Häuschen und lässt Mini-Loks drumrumkurven. Es ist eine vererbte Passion.

08.11.2016
  • Kathrin Löffler

Ihr Vater Thomas Vollmer bekam im Alter von sechs Jahren seine ersten Züge. Er wurde wiederum von seinem Vater, Hermann Vollmer, angesteckt. Seit rund einem Jahr leben die drei Hirrlinger ihre Leidenschaft im Modelleisenbahnclub Rottenburg aus. Der Verein hat heuer 50. Geburtstag. Höchste Zeit, sich die Faszination Modelleisenbahn genauer erklären zu lassen.

TAGBLATT: Herr Vollmer, ist Modelleisenbahnbau nicht der Inbegriff von Spießigkeit?

Thomas Vollmer: Ach, Spießigkeit. Als ich Kind war, gab’s keine Computer. Alle meine Freunde und Cousins hatten eine Modelleisenbahn. Die sind dann irgendwann wieder in eine Schachtel gewandert oder wurden auf dem Flohmarkt verscherbelt. Nur wenige sind dabei geblieben. Ich hatte auch mein Loch zwischendrin, als ich meine Frau kennengelernt habe.

Was hat sie da wieder herausgeholt?

Thomas Vollmer: Meine Kinder. Zu denen habe ich gesagt: Irgendein Hobby solltet Ihr anfangen. Wir haben keine Playstation. Wir setzen uns hin und basteln miteinander. Manchmal malen wir abends einfach nur Männchen an. Die breite Masse macht sowas heute nicht mehr, da ist das Interesse gering.

Carmen, haben deine Freunde Modelleisenbahnen?

Carmen Vollmer: Der Bruder einer Freundin hat eine von Lego, die steht halt so im Zimmer rum. Aber sonst eigentlich nicht.

Sie haben zwei Anlagen?

Thomas Vollmer: An unserer eigenen bauen wir seit Herbst 2014. Die andere haben wir von einer Frau, deren Mann Eisenbahner war und verstorben ist. Sie wollte schon einen Container bestellen und das Ding fortschmeißen. Da habe ich gesagt: Das dürfen Sie nicht! So etwas ist ein Lebenswerk!

Wieviel Geld steckt in so einem Lebenswerk?

Thomas Vollmer: Sicher 5000 bis 10000 Euro.

Hermann Vollmer: Es zählt aber der ideelle Wert.

Warum sind kleine Züge viel toller als eine Carrera-Bahn?

Thomas Vollmer: Bei einer Modellanlage kann ich mich austoben und Landschaften nachbauen. Einen Schneeberg zum Beispiel. Es gibt nur ganz wenige Modelleisenbahnanlagen, die wie unsere einen Sessellift haben. Den haben wir komplett selber gebaut.

Sie haben verschneite Landschaften, andere lassen ihre Loks an Miniaturausgaben von Schloss Neuschwanstein oder den Rocky Mountains vorbeirattern. Sind Modelleisenbahnbauer die wahren Romantiker?

Hermann Vollmer: Man muss kreativ sein!

Und der Fantasie freien Lauf lassen?

Thomas Vollmer: Genau. Unsere Anlage hat ja auch eine grüne Wiese mit Kühen und neben dran liegt Schnee. Meine Tochter hat gesagt: Papa, das passt nicht. Dann habe ich gesagt: Doch, das passt.

Woran erkenne ich eine richtige Profi-Anlage?

Thomas Vollmer: Wer fit ist, kann da einen Haufen Elektronik einbauen. Bei uns steht die landschaftliche Gestaltung im Vordergrund. Da kann man jeden Abend hergehen und sagen: Das sieht noch nicht real genug aus.

Hermann Vollmer: An dieser Anlage fehlt noch einiges. Grünzeug und so. Da kann man noch zehn Jahre lang dran weiter arbeiten.

Wie real ist sie denn schon?

Thomas Vollmer: Vorbild für das Rathaus in der Modellstadt ist das Münchner Rathaus. Aber eigentlich ist es eine Fantasiestadt.

Hermann Vollmer: Ich habe das Kloster Bebenhausen als Bausatz. Das wird eine Arbeit für den Winter. Das komplette Kloster ist später fast einen Quadratmeter groß. Solche Sachen reizen mich. Schloss Lichtenstein gibt‘s auch.

Carmen Vollmer: Und Hohenzollern.

Hermann Vollmer: Man muss natürlich die passende Landschaft und passende Züge dazu haben. Zu Bebenhausen passen auf jeden Fall nur württembergische Sachen.

Soweit geht die Fantasie dann also nicht.

Hermann Vollmer: Wenn ich Schloß Neuschwanstein baue, laufen da keine württembergische Züge, das ist klar. Für mich ist das Stilbruch!

Welche Art von Zügen kommt Ihnen überhaupt nicht auf den Tisch?

Thomas Vollmer: An schweizerischen oder französischen habe ich kein Interesse. Ich möchte hauptsächlich welche, mit denen ich selber schon gefahren bin.

An was denkt man, wenn man Zügen beim Im-Kreis-rum-Fahren zuguckt?

Thomas Vollmer: Das ist auch abschalten, den Kopf frei kriegen. Da kann ich schon drei Stunden sitzen.

Und wo bleibt die Spannung?

Thomas Vollmer: Das Spannende ist die Technik. Die entwickelt sich wahnsinnig. Es gibt bereits viele digitale Eisenbahnen, die mit dem Smartphone steuerbar sind. Ich habe analog angefangen. Ein paar digitale Spielereien haben wir schon. Aber sich da reinzuknien, braucht richtig Zeit.

Heutzutage benötigt es also schon ein Informatik- und Ingenieursstudium, bevor ich mit der Modellbahn spielen kann?

Hermann Vollmer: Fast, ja!

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08.11.2016, 01:00 Uhr

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