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Leitartikel · Rußland

Fehlendes Vertrauen

Nach dem Terrorfreitag in Paris wird der international verfemte Putin plötzlich als Retter des Abendlandes gehandelt. Aber hat er die militärische Kraft und den politischen Willen dazu? Im ukrainischen Facebook kreisen wilde Thesen.

20.11.2015
  • SWP

Erst habe der russische Geheimdienst die Bombe in den russischen Airbus geschmuggelt, die die vollbesetzte Maschine in der Luft über Sinai zerriss. Dann habe er mit dem "Islamischen Staat"(IS) die Terrorattacken in Paris organisiert. Und bald werde er in Moskau Selbstmordanschläge inszenieren. Ziel dieser Missetaten sei, Panik zu säen und dem verunsicherten Westen ein Militärbündnis gegen den IS aufzudrängen, ihm Zugeständnisse abzunötigen - vor allem die Anerkennung der russischen Eroberungen in der Ukraine.

Verschwörungstheorien sind gerade Mode. Aber es bedarf sehr ungesunder Phantasie, um Wladimir Putin ein blutrünstiges Frühstückskartell mit den teuflischen Gotteskrieger des IS zu unterstellen.

Trotzdem, betrachtet man das weltpolitische Geschehen mit dem Zynismus Machiavellis, so kann man dem russischen Staatschef nur zu seinem Glück gratulieren. Oder auch zu seinem Geschick.

Als Putin Ende September seiner Luftwaffe den Startbefehl für ihre Luftangriffe in Syrien gab, hatte das noch etwas von hilflosem Aktivismus, von einer Flucht aus dem klemmenden Ukraine-Abenteuer. Ein Feldzug zur Rettung des russischen Vasallen Assads, den Araber, Europäer und Amerikaner sehr scheel betrachteten. Sechs Wochen und mehrere hundert russische und französische Terrortote später aber steht Russland plötzlich als schlagkräftiger und entschlossener Verbündeter im Kampf gegen das neue absolute Böse da: das IS-Terror-Kalifat.

Schon winkt der russische Föderationsrat mit Stalins, Churchills und Roosevelts Anti-Hitlerallianz, fordert angesichts der gemeinsamen Bedrohung das Ende der Ukraine-Sanktionen. Aber auch Barack Obama, der Putin nicht leiden kann, steckte beim G20-Gipfel die Köpfe mit ihm zu einem Pausenplausch zusammen, lobte Russland als "konstruktiven Partner" bei der Syrienkonferenz in Wien. Und Frankreichs Präsident François Hollande will nach Washington und Moskau reisen, um ein neues Anti-Terrorbündnis zu schmieden.

Der Westen wirkt nach den Anschlägen von Paris ratlos bis verängstigt, nicht nur Hollande sucht angesichts der Konzept- und Erfolglosigkeit, mit der man den IS bisher bekriegt hat, nach einem Ausweg. Der plötzlich Russland heißen könnte.

Aber wie hilfreich ist Russland wirklich? Trotz allen Propagandajubels zeigen Russlands Luftangriffe bisher ebenfalls kaum Wirkung. Putins Kriegsmacht ist lautstärker, aber keineswegs kompetenter. Und keineswegs gewillt, Kastanien für den Westen aus dem Feuer zu holen, das Risiko einer Bodenoperation weist auch der Kreml von sich. Außerdem verfolgt er bisher seine eigenen Kriegsziele, bombardiert weniger IS-Truppen als von den USA unterstützte "gemäßigte" Rebellen.

Auf dem Roten Platz stehen jetzt junge Putin-Fans vor Videokameras und reden auf den Westen ein: "Mein Präsident hat dich jahrelang vor der Gefahr gewarnt." "Ich schlage dir nicht aus Güte vor, zusammen zu kämpfen, sondern weil ich diesen Krieg kenne, und weiß, dass man allein nicht siegen kann." Aber wenn ihr Führer wirklich Bündnispartner sein will, sollte er zuerst einmal seine Luftangriffe auf den IS konzentrieren. Als vertrauensbildende Maßnahme. Das ist nicht Putins Stärke. Weil man dazu selbst vertrauen muss.

Fehlendes Vertrauen

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20.11.2015, 12:00 Uhr

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