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Fehler ja, Schuld nein
Im Weinsberger Klinikum war Tim K. 2008 in Behandlung. "Konkrete Ankündigungen" für seine Tat habe es da nicht gegeben, sagt das Gericht. Foto: Klinikum am Weissenhof
Winnenden: Vater des Amokläufers scheitert mit Klage gegen Klinik

Fehler ja, Schuld nein

Ärzte haben keine Schuld am Amoklauf von Winnenden. Mit diesem Urteil lehnte das Landgericht Heilbronn die Klage des Vaters von Tim K. ab.

27.04.2016
  • HANS GEORG FRANK

Heilbronn. Bei der Behandlung des 17-Jährigen, der in Winnenden und Wendlingen am 11. März 2009 vor seinem Selbstmord 15 Menschen getötet hat, ist im psychiatrischen Klinikum am Weissenhof bei Weinsberg einiges falsch gemacht worden. Aber die Fehler der Mitarbeiter des Landesbetriebs seien nicht "mitursächlich" für das Verbrechen, stellte die 1. Zivilkammer des Landgerichts Heilbronn gestern fest.

Der Vater des Amokläufers wollte mit seiner Klage einen Teil der Schadenersatzforderungen auf die Klinik abwälzen. Seiner Ansicht nach unterliefen den Therapeuten gravierende Fehler bei den fünf Besuchen seines Sohnes. Im Prozess ging es nach Angaben des Gerichts um vier Millionen Euro. Die Eltern seien nicht über den wahren Zustand des Jungen und dessen Gefährlichkeit informiert worden, begründete Jörg K. seine Klage. Die "Tötungstendenzen" hätte erkannt werden können.

Tatsächlich ist nicht alles nach den Regeln der ärztlichen Kunst abgelaufen, als Tim zwischen 23. April und 25. September 2008 auf dem Weissenhof aus eigenem Antrieb vorstellig geworden war. Der Schüler hatte bei sich eine manisch-depressive Störung - nach Selbstdiagnose mit Hilfe des Internets - vermutet. Obwohl er schon beim ersten Gespräch seinen "Hass auf die Menschheit" artikuliert habe und dass er daran denke, Menschen umzubringen, sei von den Therapeuten nicht nachgefragt worden, rügte das Gericht. Es schloss sich damit einem Gutachter an, der moniert hatte, dass der Zugang zu Waffen nicht angesprochen worden sei. Die bei der Tat verwendete Pistole lag ungesichert im Kleiderschrank des elterlichen Schlafzimmers, auch Munition war frei zugänglich.

Zu den Defiziten im Weissenhof zählte das Gericht auch den Verzicht auf eine Sexualanamnese und die falsche Auswertung eines Persönlichkeitstests. Dennoch könne nicht festgestellt werden, "das bei fehlerfreiem Vorgehen der Behandler eine von dem Patienten ausgehende Gefahr zu erkennen gewesen wäre", heißt es im Urteil. Was bei intensiverer Befragung herausgekommen wäre, lasse sich "nicht einschätzen". Tim hätte Fragen ausweichend oder falsch beantworten können. "Konkrete Ankündigungen" für eine Tat habe es nicht gegeben.

Die Eltern hatten von sich aus nicht über den Zugang zu Waffen informiert, obwohl Tim seit dem 14. Lebensjahr zum Schießstand ging, um unter Menschen zu kommen. Zudem hortete er in seinem Zimmer elf Softair-Waffen. Doch selbst wenn die Psychiater davon gewusst hätten, wäre kein Rückschluss zulässig gewesen, "dass eine Amoktat im Raume steht", entschied die Zivilkammer.

Der Sachverständige Helmut Remschmidt hatte erklärt, dass Tims Amoklauf nur hätte verhindert werden können, "wenn er nicht an die Waffen gekommen wäre". Auch durch eine fehlerfreie Behandlung wäre die Tat nicht zu vermeiden gewesen. Tötungsgedanken seien bei Heranwachsenden relativ häufig, zumal es sich in diesem Fall um abstrakte Äußerungen gehandelt habe, "nicht um einen konkreten Hinweis".

Erik Silcher, der Anwalt von Jörg K., zeigte sich enttäuscht über das Urteil, obwohl er es "so erwartet" hatte. Die Klinik habe sich "einige Klopse geleistet", wie er die "deutlichen Fehler" nannte. Nach Überzeugung des Juristen hätte das Gericht auch ganz anders entscheiden können: "Die Sache steht auf Messers Schneide." In den nächsten zwei bis drei Wochen wolle er mit seinem Mandanten klären, ob Berufung vor dem Oberlandesgericht Stuttgart eingelegt werde. Jörg K. ist wegen fünfzehnfacher fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten verurteilt worden.

"Elterliche Verantwortung"

Reaktion "Ich begrüße das Urteil vollkommen", erklärte Gisela Mayer vom "Aktionsbündnis Amoklauf", das nach dem Verbrechen in Winnenden gegründet wurde und als "Stiftung gegen Gewalt an Schulen" geführt wird. Erneut sei von einem Gericht festgestellt worden, dass es um die elterliche Verantwortung gehe, "die nicht an andere delegiert werden darf". Die Eltern hätten die Not ihres Sohnes sehen müssen. "Welcher 17-Jährige lässt sich denn freiwillig 50 Kilometer weit zu einer psychiatrischen Behandlung fahren", fragt die Lehrerin, deren Tochter von Tim erschossen worden ist. "Das war ein Hilfeschrei, er musste große Angst vor sich selber gehabt haben."

Netzwerk Der Winnender Verein, den Angehörige der Opfer im Herbst 2009 gegründet haben, will zu einem "Klima gewaltfreien Umgangs besonders an Schulen" beitragen. Zum präventiven Angebot gehört die Beratung, wenn etwa ein Verhalten als bedrohlich empfunden wird, aber die Polizei noch nicht alarmiert werden soll. hgf

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27.04.2016, 06:00 Uhr

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