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Lebendiges Erinnern

Feierstunde auf dem Jüdischen Friedhof

Der Besuch des Jüdischen Friedhofs in Baisingen war der Höhepunkt der Feier zum 25-Jahr-Jubiläum des Fördervereins Synagoge Baisingen.

23.11.2014
  • Fred Keicher

Baisingen. Der Jüdische Friedhof draußen am Wald an der Straße nach Vollmaringen ist keine Gedenkstätte, sondern immer noch ein sakraler Ort. Die Männer gehen nicht ohne Kopfbedeckung hinein. Eine Kippa tragen auch die Musiker der Musikkapelle Baisingen, die die kleine Feierstunde am Sonntagnachmittag mit Schumann und Händel musikalisch umrahmte.

Franklin Kahn spricht den Kaddisch, das Trauergebet für die Toten. Bevor er es spricht, sagt er etwas zum Gebetbuch, das er in seiner Hand hält, ein kleines Oktavbändchen mit einem soliden Ledereinband. Der Großvater Friedrich Kahn habe es seinem Vater Siegfried gegeben, bevor der sich als Jugendlicher nach England in Sicherheit brachte. Als Widmung hat der Großvater hineingeschrieben: „Mensch, lerne beten, bevor dich die Not dazu treibt.“

Nach dem Gebet steckt Franklin Kahn die israelische Fahne auf einen Kranz vor dem Gedenkstein. Den hat sein Onkel Harry Kahn 1948 gestiftet als Erinnerungsstätte für die Toten des Holocaust. Harry Kahn ist der einzige, der nach 1945 wieder dauerhaft nach Baisingen zurückgekehrt ist. Sein Bruder Siegfried hat in dort besucht. Er hat den Krieg als Sergeant der Britischen Armee mitgemacht. Und Franklin erzählt, dass er, seit er sechs Jahre alt ist, jedes Jahr nach Baisingen gekommen ist: „Ich kenne Baisingen besser als die Straße in London, in der ich wohne.“

Shlomit Gal kniet vor dem Gedenkstein und macht ein Foto der Namen. „Paula Kahn“, sagt die Israelin, „ist meine Großmutter.“ Gals Vater heißt auch Siegfried Kahn. In Israel schlug er sich als Taxifahrer durch, gründete dann eine Medizingerätefirma.

Die Namen von Julius und Sofie Erlebach stehen ganz oben, die Großeltern von Yoram Goldschmidt. Seine Mutter Bella Erlebach ist über Genua, Alexandria ist sie 1934 nach Jaffa gekommen. Sie ging eine Scheinehe ein, damit sie sie die Briten als Mandatsmacht nach Palästina einreisen ließen. Die Mutter hat ihm viel über Baisingen erzählt. Es sei „eine wunderbare Idylle“ gewesen.

Der Friedhof ist immer noch ein Begräbnisort. Die letzte Bestattung dort fand 2005 statt.

Feierstunde auf dem Jüdischen Friedhof
Die Namen der Toten: Shlomit Gal vor dem Gedenkstein für Baisingens ermordete Juden. Bild: Keicher

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23.11.2014, 12:00 Uhr

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