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Ein Dorf im Fluss der Zeit – auf 800 Seiten

Felix Huby im Schacht der Erinnerungen

Schimanski passt nicht in den Schönbuch. Bienzle vielleicht für eine Folge. Und Palu würde sich sofort aufs Rennrad schwingen und zum Schmaus ins „Waldhorn“ fahren: Von seinen Tatort-Kommissaren hat sich Felix Huby schon verabschiedet. Der Autor sitzt jetzt in Berlin an einem Heimatroman. Auf rund 800 Seiten will Felix Huby Erlebnisse, Anekdoten und Zeitgeschichte aus Dettenhausen verarbeiten.

17.08.2012
  • Martin Mayer

Dettenhausen / Berlin. „Die Dettenhäuser werden vieles erkennen“, sagt Felix Huby: „das alte Schulhaus, den alten Steinbruch, das Hirschland“ oder auch die „imponierende Gemeindeschwester Gertrud“ mit dem „Diakonissen-Häuble“, die in ihrer „herrischen aber eigentlich gutherzigen“ Art Buben, die aufs Knie gefallen waren, schon mal den Rat gab: „Soich drüber na.“

„Da fließt viel ein aus Dettenhausen“ in dieses 800-Seiten-Werk: Erlebnisse des Autors, Anekdoten, Personenporträts, die Verflechtungen von Familienschicksalen im Dorf – „die Männer, die aus dem Krieg nicht zurückkamen, und die Männer, die zurückkehrten, aber sich nicht mehr zurechtfanden“.

Sammeln, sichten, neu sortieren

Nach fünf Jahrzehnten Präzisionsarbeit als Journalist und Fernsehautor, nach vielen Jahren akribischen „Gefummels“ an Tatort-Krimis, bei denen am Schluss „immer alles stimmen“ musste, gönnt sich Felix Huby nun die Zeit zum Sammeln, Sichten und Sortieren: „Das wird ein echter Heimatroman, der breit dahinströmt und eine Art Zeitgeschichte abbildet“. Ein Roman, der dem Autor aber auch die Freiheit der Fiktion lässt: Literatur und Wirklichkeit seien „ja nicht 1:1“ übertragbar. Daher müsse in Dettenhausen auch niemand etwas „als Person fürchten“.

Felix Huby, inzwischen 73, sieht sich als Sechsjährigen auf der Wiese stehen: Mit seinem Holzgewehr zielt er machtlos auf die US-Bomber am Himmel, die Richtung Stuttgart donnern. „Je älter man wird, desto besser erinnert man sich an diese Zeit“, sagt er – wie so viele seiner Altersgenossen.

„Das Buch fängt im Krieg an, kurz vor Kriegsende.“ Das Motiv des Dorf-Chronisten eröffnet Huby auch den Tauchgang zu vergessenen Familien-Geschichten, nicht nur in Dettenhausen. Hubys Schwester, die in Stuttgart lebt und die ihre Dettenhäuser Kontakte viel länger pflegte als er, hilft ihm mit Geschichten und Details über das Dorf im Schönbuch, das zu seinen Kinderzeiten etwa 1400 Einwohner hatte.

Plötzlich tauchen „alte Sprüche meiner Mutter wieder auf“, sagt Huby, auch die Erinnerung an den Vater, der in Dettenhausen Ortsgruppenleiter war („sicher nicht der schlimmste Nazi“). Und auch an die Streitereien über diese Zeit am Ort und in der Familie, während der Pubertät des Autors.

Felix Huby gibt zu: Im Moment schreibe er noch über seine Kindheit und Jugend. Er sei „noch in der Arbeitsphase“: Noch wisse er nicht, ob er bei dem quasi autobiografischen Ansatz und den angelegten Figuren bleibe. Auch sei er „gar nicht sicher, ob man Dettenhausen als Ort nennen“ sollte. Er „neige eher zu einem Kunstnamen“. Spätestens für die Ära der 60er-Jahre werde der autobiografische Ansatz eh problematisch: Eberhard Hungerbühler hat Dettenhausen mit 20 verlassen.

Blick zurück: Der Stoff, aus dem Romane sind

Das Problem bleibt: „Das ist alles sehr viel Stoff“. Illustrierende Beispiele gibt’s dafür im Gespräch mit dem Autor genug. So erzählt Felix Huby etwa die Geschichte von seinem Vater, der nach dem Krieg zunächst nicht mehr unterrichten durfte. Doch als Lehrer und Schulleiter war er im Dorf noch immer „sehr beliebt“. Die Leute protestierten beim französischen Gouverneur. „Die wollten ihren Hungerbühler wiederhaben“, lacht Huby, und drangen mit ihrem Anliegen bis zu General König vor.

Dettenhausens damaliger Bürgermeister Helmuth Bächle habe ein paar Jahre später bei der Trauerfeier für Hubys Vater berichtet, wie General König und die Franzosen in Tübingen für das Anliegen der Dettenhäuser umgestimmt wurden: Ihr Hinweis auf einen jagdreifen Hirsch im Schönbuch („ein Sechzehnender – den können Sie schießen“) habe den Ausschlag gegeben für Hungerbühlers Wiederzulassung aus Tübingen zum Schuldienst.

Apropos Tübingen: Auch die Unistadt mit dem Kepler-Gymnasium wird in dem Dettenhausen-Roman ihren Part haben. „Die Hauptfigur und sein älterer Bruder gehen in Tübingen zur Schule“, verrät Huby – und berichtet dabei nur, was auch auf ihn selber zutrifft: Am Kepi war er ausgangs der 50er-Jahre Klassensprecher, Schulsprecher und Chefredakteur von „UKW“, der Schülerzeitung für die Tübinger Gymnasien. Die Mitschüler nannten ihn „Humus“.

Damalige Kumpels erinnern sich noch an einen nächtlichen Einbruch in die Schule vor dem Tag des Abiturs: „Humus“ wollte dort Nachschlagewerke deponieren – doch die Sache flog auf. Und er flog von der Schule. Ohne Abitur.

„Sehr viel Stoff“, wie gesagt. Huby genehmigt sich daher zwischendurch Pausen von dem Roman-Projekt und schreibt nebenher für die Dettenhäuser Theaterpädagogin Hildegard Plattner ein Stück für deren Freilichttheater. Plattner ist Leiterin des Böblinger Kinder- und Jugendtheaters und der dortigen Kunstschule. 2014 hört sie auf. Hubys Werk soll im Hofgut Mauren aufgeführt werden und das Abschiedsstück für alle ihre Mitspieler werden. „Das gibt ein Riesentableau mit bis zu 120 Schauspielern“, sagt Huby: „Wir erzählen die Zeit vom Kriegsende bis heute.“

Die Kulissen sind schon gepflanzt: Alles soll in Schrebergärten spielen. „Ein Chor der Gartenzwerge“, in dem erst die Kinder, dann die Erwachsenen und am Schluss die Alten singen, wird die Zeitläufte kommentieren.

Von der Währungsreform bis zu den Luxusproblemen der Republik („Unser Dorf soll schöner werden“) spannt Huby auch hier den Bogen. Die Verwerfungen dazwischen kennt der Autor aus den Tiefen des Tatorts wie auch vom eigenen Dorf. Als er den Dettenhäusern zum 900-Jahr-Jubiläum ihres Ortes ein Theaterstück über einen ortsbekannten Wilderer schreiben wollte („Ein Auftrag des Königs“), bekam er es mit den Nachgeborenen jenes Georg Gottlieb Bauer zu tun. Das Dettenhäuser Fleckatheater wagte es nicht mehr, Hubys Stück über den Wilderer, den er „eigentlich ganz freundlich“ als Sozialdemokraten vorstellen wollte, aufzuführen (wir berichteten).

„Mein Gott, Herr Pfarrer“, denkt sich Huby heute. Damals, im Jahr 2000, hat er sich „sehr geärgert“ über die Dettenhäuser. Er hatte schon die Schauspieler Dietz Werner Steck („Bienzle“) und Walter Schultheiß nach Dettenhausen eingeladen: „Da hätte man was Schönes vom Zaun brechen können“. – Perdü.

Elf Jahre später haben Felix Huby und das Dettenhäuser Fleckatheater Versöhnung gefeiert, mit dem Huby-Stück „Selbst isch der Mann“. Die Aufführung im Mai 2011 in der Festhalle habe ihn „stärker beeindruckt als die professionelle in Stuttgart“, erklärt er.

Seither ist Felix Huby Mitglied im Förderverein. Wird er für das Fleckatheater nochmal ein eigenes Stück schreiben? Oder müssen die Dettenhäuser Mimen auf den Heimatroman warten? „Wenn die kämen, und was wollten, könnten wir drüber reden“, sagt Huby. Wann der große Heimatroman fertig ist, weiß er nämlich selbst noch nicht.

Felix Huby im Schacht der Erinnerungen
Huby und das Holzgewehr: Bei seiner jüngsten Lesung im Dettenhäuser Bürgerhaus hatte Felix Huby seinen Dettenhausen-Roman noch nicht im Gepäck. Im Gespräch mit dem TAGBLATT erzählt er ein bisschen, was er vorhat. Bild: Sommer

Felix Huby im Schacht der Erinnerungen
Kumpels vom Kepi in Tübingen: An der Klampfe Eberhard Hungerbühler. In Tübingen war er im CVJM, in Dettenhausen hat er die Jungschar gegründet.

Felix Huby wurde im Dezember 1938 als Eberhard Hungerbühler und jüngstes Kind des Dorfschullehrers in Dettenhausen geboren. Er wuchs dort mit einer acht Jahre älteren Schwester und einem drei Jahre älteren Bruder auf, ging in Tübingen aufs Kepler-Gymnasium und verließ es 1959 ohne Abitur. Er wurde Lokalredakteur bei der „Schwäbischen Donau Zeitung“ in Ulm und Blaubeuren, dann Spiegel-Korrespondent für Baden-Württemberg und schließlich Sachbuch-, Krimi- und Fernsehautor. Er schrieb 34 Tatorte mit den Kommissaren Schimanski, Bienzle und Palu. Seine Liebe zum Ländle illustrieren seine erfolgreichen TV-Serien „Oh Gott, Herr Pfarrer“ oder „Der König von Bärenbach“.

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17.08.2012, 12:00 Uhr

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