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Einst wärmte sie das Mostfass

Feuerwehrfahne von 1727 erinnert an die Habsburger Zeit / 150 Jahre Feuerwehr (4)

„Weitingen 1727“ steht auf der in Ehren ergrauten einst rot-weißen Fahne. Und sie trägt das habsburgische Wappen. Ein altes Relikt also aus der früheren Zugehörigkeit Weitingens zu Vorderösterreich, zur „Schwanzfeder des Kaiseradlers“. Der Fahne der einstigen Bürgerwehr soll der vierte Teil unserer Serien zur Geschichte der Feuerwehr gelten, die am Wochenende ihr 150-jähriges Bestehen feiert.

06.06.2015
  • Hermann Nesch

Weitingen. Einst diente sie wohl in stürmischen Zeiten der Feuer- oder Bürgerwehr. Heute ziert sie als Schmuckstück die „Hoametscheuer“ und fristet dort ein ruhiges und beschauliches Dasein. Wer die Fahne angeschafft hat, ist nicht mehr nachzuweisen. Wer sie gefunden hat schon.

Erwin Kuon war’s, der frühere Weitinger Fuhrunternehmer und Brennstoffhändler. Er hatte mit seinem damaligen Gehilfen Konrad Angster Ende der 1950er-Jahre Kohlen in das Pfarrhaus gebracht. Dort residierte damals Philipp Rang, der von 1958 bis 1962 als Pfarrverweser die Geschicke der katholischen Kirchengemeinde Sankt Martinus leitete.

Der gebürtige Donauschwabe ist den älteren Weitingern im wörtlichen Sinne noch als recht rustikaler Geistlicher in Erinnerung. Er hielt im Pfarrgarten seine eigenen Hühner und im darin stehenden kleinen Wasch- und Backhaus aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine eigenen Schweinle. Ein bäuerlicher Pfarrer also, für den die Tierhaltung in seiner alten ländlichen Heimat etwas Selbstverständliches, ja Lebensnotwendiges, gewesen war.

Bei der besagten Kohlenlieferung fiel dem mit einem ausgeprägten Sinn fürs Alte ausgestatteten Unternehmer das gute Stück sofort ins Auge und er hatte mit seiner historischen Spürnase einmal wieder den richtigen Riecher. Das recht verblasste und etwas löchrige, einst rotweiße, Tuch, das vorübergehend auch das Mostfass des Pfarrers wärmte, entpuppte sich als wertvoller Fund. Die Jahreszahl 1727 und das österreichische Wappen bestätigten den ersten Eindruck.

Kuon machte Pfarrer Rang auf die Bedeutung des Prachtstücks aufmerksam und unterrichtete umgehend den damaligen Feuerwehrkommandanten August Nägele von seiner Beobachtung. Dieser bat dann um die Überlassung der historischen Fahne, die der mündlichen Überlieferung zufolge im unteren Flur des Pfarrhauses hing. Nach anfänglichem Zögern rückte Pfarrer Rang, dessen ehemalige donauschwäbische Heimat sich bis 1918 ebenfalls recht wohl unter den Fittichen des habsburgisch-österreichischen Kaiseradlers fühlte, das Stück aus Hanfgewebe letztlich heraus.

August Nägele, ebenfalls mit einem gesunden Sinn fürs wertvolle Alte ausgestattet, brachte die Entdeckung gegen ein kleines Entgelt beim „Heiligenpfleger“ erst einmal im Rathaus in Sicherheit. Fortan wurde das heute 288 Jahre alte Stück als Banner der Feuerwehr bei offiziellen Anlässen stolz mitgetragen, da die Weitinger Floriansjünger sich zu der Zeit nicht im Besitz einer Fahne befanden und die Anschaffung erst für das 100-jährige Bestehen mit Kreisfeuerwehrfest im Juli 1965 geplant war.

Eine Löschmannschaft als Vorgängerin der Freiwilligen Feuerwehr bestand bereits 1725. Möglicherweise gehörte die Fahne zu dieser Truppe, von der sie ein „Feuerreiter“ bei der Alarmierung der Bevölkerung bei Bränden getragen hatte, wie der ehemalige Horber Kreisbrandmeister Max Haug vermutete. Möglich zudem, dass sie auch der einstigen Bürgerwehr diente, die nachweislich bei der Revolution von 1848/49 neu bewaffnet wurde. Auf jeden Fall wehte das gefundene Stück fast vier Jahre lang noch als Ehrenzeichen der Feuerwehr voraus. Letztmals beim Feuerwehrfest in Mötzingen anfangs der 1960er-Jahre.

Damals rief eine Frau der vor ihrem Haus zum Festzug aufgestellten Weitinger Feuerwehr spöttisch zu: „Was wellet au ihr mit eura alta Fah’? Mit so ebbes lauft ma doch et rom!“ Zwar wehrten sich die Feuerwehrleute gegen „des blöde G’schwätz“, doch waren sie auch in ihrem Stolz verletzt und trauten sich mit dem „alta Glomp“ dann doch nicht mehr auf die Straße. Die alte Fahne fand jedoch auf dem 1965 geweihten neuen Banner Erwähnung.

Vorübergehend war sie dann in einer Vitrine in einem von der Feuerwehr benützten Zimmer im Obergeschoss des Rathauses aufbewahrt. Nach dem Umzug in die ehemalige Milchsammelstelle im Erdgeschoss des Rathauses bewahrte sie Nägele privat auf, weil im neuen „Floriansstüble“ kein Platz war. Nach dem Umbau des ehemaligen Raiba-Lagerhauses zur schmucken „Hoametscheuer“ hat die altehrwürdige Fahne dort nun ihren festen Platz gefunden.

Feuerwehrfahne von 1727 erinnert an die Habsburger Zeit / 150 Jahre Feuerwehr (4)

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06.06.2015, 12:00 Uhr

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