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Ex-Tübinger spielt in seinem Roman mit einem Kriminalfall

Figuren mit Eigenleben

Tübingen war ihm wie Spitzgras, als er mit 14 aus Kiel kam: Lothar Müller-Güldemeister musste seine Freunde zurücklassen. Ihm war die Stadt zu klein und zu spießig. Doch dann sorgte eine Bande von Abiturienten für Aufregung. Sie brach Anfang der 1960er Jahre in großem Stil in Wohnungen und Läden ein. Zwei Mitglieder überfielen sogar eine Bank. Die reale Geschichte hat den Berliner Rechtsanwalt zu einem Roman über Tübingen inspiriert.

19.07.2012
  • Ute Kaiser

Das TAGBLATT druckte vor 50 Jahren eine Unmenge von Berichten über den Prozess vor dem Jugendgericht. In der Stadt machten Gerüchte die Runde, dass unter den Tätern aus dem Kepler- und dem Uhland-Gymnasium (UG) auch Söhne prominenter Eltern waren, die deshalb vom Strafverfahren verschont würden. Was an diesen Behauptungen dran ist, weiß Müller-Güldemeister nicht. Er kennt die Namen der Täter nicht, die vier Klassen über ihm waren. „Mein Anspruch auf Wahrheit ist ein rein poetischer“, schreibt der Autor.

Aus den Artikeln übernahm Müller-Güldemeister – der Sohn des 2009 verstorbenen Slavisten Ludolf Müller und der Kirchenmusikerin Gerlinde Müller, geborene Güldemeister – die Spitznamen, die der Reporter den Angeklagten damals verpasst hatte. Beispielsweise „Rotbart“ für einen der Haupttäter. Als die Polizei den 18-jährigen Gymnasiasten nach einem Banküberfall in der Weststadt festnahm, hatte er noch Spuren des Klebstoffs von der Tarnung im Gesicht.

Als Jugendlicher selbst Mist gebaut

Er wollte schon immer etwas über die Stadt schreiben, mit der er „ziemlich gehadert“ hat, sagt der 64-jährige Berliner. In seine Hauptpersonen kann er sich „gut einfühlen“, weil er selbst „als pubertierender Jugendlicher Mist gebaut hat“. Zum Beispiel hat er aus seiner Schule Klassenbücher geklaut, Seiten zerknüllt, angezündet und brennend den Neckar runterschwimmen lassen. Der Jurist kann es jetzt erzählen. Die Taten sind verjährt.

Auch den Mitgliedern der Bande, von denen der spannende Roman mit viel Lokalkolorit handelt, müssen die UG-Lehrer wohl zu autoritär, zu konservativ, zu verknöchert erschienen sein. Und auch ihnen war vermutlich langweilig. Müller-Güldemeister erinnert sich an die Wut und den Frust über öde Schulstunden, während denen er sehnsüchtig aus dem Fenster geschaut hat. Noch immer würde er aus langweiligen Konferenzen am liebsten sofort in die Natur fliehen. Wie seine Hauptperson Konstantin Raffay, genannt „Primus“ (siehe Kasten). Auf Druck seiner Lehrer verließ Müller-Güldemeister das Uhland-Gymnasium und wechselt auf die Waldorfschule, wo er 1966 Abitur macht. Er hasste sie „nicht ganz so“ wie das UG.

„Immer wenn man Fiktion schreibt, fließen Charakterzüge von Personen ein, die man kennt oder zu kennen glaubt“. Den damaligen UG-Lehrer Hartmut von Hentig kennt der Autor nicht persönlich, nur dessen Memoiren. Der später bundesweit bekannte Pädagoge ist im Roman leicht zu enttarnen. Er studiert mit den Gymnasiasten, die abends im Jazzkeller Musik machen, bevor sie auf Einbruchstour gehen, das Theaterstück „Aias“ von Sophokles ein. In eine Probe platzt die Nachricht vom Banküberfall.

Der Krimi, der an zwei Tagen in den Jahren 1964 und 2004 spielt, entstand wie frühere Bücher im Ausland: in Griechenland, auf den Kanaren, in Lissabon. Müller-Güldemeister nahm immer wieder eine Woche Auszeit, um am Stoff dranzubleiben. Auf diesen Reisen hat er stets Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“ dabei. Er findet das Werk „inspirierend“ und schätzt die „glasklare Sprache des Schweizers“.

„Ich habe keine Angst vor Neuem“, sagt der Mann, der nach dem Jurastudium in unterschiedlichsten Städten lebte und in verschiedenen Berufsfeldern arbeitete. Zuerst in Hamburg, wo der Vater von drei Kindern als Bankjustiziar und Geschäftsführer von Immobilienfirmen den Lebensunterhalt für die Familie verdiente.

Schulfreunde-Trio drehte einen Spielfilm

1987 finanzierte und drehte er mit seinen Schulfreunden Emanuel Boeck (Regisseur) und Wolf Schröder (Drehbuchautor) den Film „Doppelgänger“ „im Stil der Haagtorfilme der 1950er Jahre“. Die Hauptrolle spielte Uwe Ochsenknecht. Die Uraufführung war 1989 im Tübinger „Museum“. Ein Erfolg wurde der Thriller nicht. „Ich war damals ziemlich pleite“, stapelt Müller-Güldemeister, auch heute noch ein Kinofan, angesichts der Produktionskosten von umgerechnet rund 650 000 Euro reichlich tief.

Nach der Wiedervereinigung geht er 1989 als Anwalt nach Magdeburg. 1996 gründet er eine Aktiengesellschaft, die Gerichtsprozesse gegen Erfolgsbeteiligung finanziert. Die verlässt er Anfang 2002 nach einem Streit mit seinem Mitvorstand – und schreibt über diese Geschichte den Tatsachenkrimi „Das Recht und sein Preis“. Sein Reisebericht „Peleponnisos“ erscheint drei Jahre später.

Spannungsfelder faszinieren ihn – als Jurist und Autor. Beispielsweise die jugendliche „Schizophrenie, erst zu Hause auf der Flöte Weihnachtslieder zu spielen und danach rauszugehen und in Wohnungen einzubrechen“. Warum taten die Söhne honoriger Tübinger Eltern so etwas? „Der Kitzel war es, nicht das Geld“, heißt es an einer Stelle des Textes.

Der Roman beginnt und endet im Schönbuch – in „Des Waldes Dunkel“. Diese Zeile stammt aus einem Gedicht des US-amerikanischen Lyrikers Robert Frost. Sie spielt auch im Film „Telefon“ mit Charles Bronson eine Rolle. Ein Thriller wie Müller-Güldemeisters Roman. Er hat ihm den Titel „Uhlandgymnasium“ gegeben.

Figuren mit Eigenleben
So entspannt hatte sich der Berliner Rechtsanwalt und Autor als Jugendlicher in Tübingen nicht gefühlt. Im Gegenteil. Sein Roman über die „Rotbart“-Bande ist auch eine persönliche Auseinandersetzung mit der Stadt Anfang der 1960er Jahre. Bild: Sommer

Die Hauptfigur im Roman „Uhlandgymnasium“ ist Konstantin Raffay, genannt „Primus“ – einer aus der „Rotbart“-Bande. Weil er im Prozess alle Schuld auf sich nimmt, werden seine Mitschüler freigesprochen und machen in Tübingen Karriere. Raffay verbüßt eine langjährige Haftstrafe und wird danach das, was der Autor Lothar Müller-Güldemeister heute ist – Rechtsanwalt in Berlin. Nach 39 Jahren kommt der ehemalige Kriminelle in die Stadt seiner Jugend zurück, trotz seines Schwurs, diese Stadt nie mehr zu betreten. Es ist wie damals: Er muss sich erneut entscheiden – zwischen Moral und Scheitern oder Unmoral und Überleben.

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19.07.2012, 12:00 Uhr

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