Mitspracherecht bei S21 rund um den Flughafen umstritten

Filder-Dialog oder "Filder-Dialüg"?

Wie sollen der Flughafen und die Gäubahn an das Bahnprojekt Stuttgart 21 angeschlossen werden? Der so genannte Filderdialog soll die Bürger beteiligen, dabei sind die wichtigsten Punkte längst beschlossen.

02.06.2012

Von ANDREAS BÖHME

Stuttgart. Der Streit um Stuttgart 21 geht weiter, wenn auch ohne große Öffentlichkeit und vor den Toren der Landeshauptstadt. Die Argumente sind alt, neu hingegen ist die Gefechtslage: Erstmals bekriegen sich die benachbarten Landkreise.

Der Filderdialog sollte das Gesellenstück der grünen Staatsrätin für Bürgerbeteiligung, Gisela Erler, werden. Es geht darum, wie die Bahn den Flughafen an das neue Schnellfahrnetz anschließt. Doch die Bürger haben nicht mehr viel zu beratschlagen, denn die Eckpunkte liegen längst fest. Der Dialog ist denn auch lediglich der Anhörung vorgeschaltet, die das Planfeststellungsverfahren ohnehin vorsieht.

Es gibt zwei unverrückbare Eckpunkte: Der Kostenrahmen muss eingehalten werden, und für Züge, die von Zürich und Singen auf der Gäubahn ankommen, wird ein direkter Flughafenanschluss gebaut. Bisher ist geplant, dass diese Züge ein kurzes Stück auf den S-Bahn-Gleisen in den Flughafen fahren. Das stört die Anwohner der Strecke, sie fürchten durch bis zu zwei zusätzliche Züge pro Stunde mehr Lärm. Deshalb gibt es alternative Varianten der Trassenführung und der Lage des neuen Flughafen-Fernbahnhofs. Projektsprecher Wolfgang Dietrich hatte allerdings frühzeitig vor Illusionen gewarnt: "Die Menschen haben sich in der Volksabstimmung klar für Stuttgart 21 entschieden. Es darf keine neue Grundsatzdiskussion über das Gesamtprojekt geben."

Dennoch werden nun eine ganze Reihe Trassenvarianten debattiert, die längst abgelehnt wurden und den Eckpunkten zuwider laufen. Zwei Beispiele: Variante eins stammt vom Verkehrsminister Winfried Hermann. Er will die Gäubahn auf der alten Strecke in die Stadt führen und dort in den Tunnelbahnhof einfädeln, was schon deshalb mächtig ins Geld ginge, weil dafür eine unterirdische Kehrschleife notwendig wäre. Außerdem wäre für den Süden des Landes der direkte Anschluss an den Flughafen kaputt und für den Nordwesten die Direktverbindung. Denn die elf sogenannten "Durchmesserlinien" zwischen Ost, West, Nord und Süd, die den neuen Bahnknoten durchlaufen, bringen eine bessere Bahnanbindung für 75 Prozent aller Baden-Württemberger. Die Gäubahn ist eine dieser Linien, gilt als Teil des Korridors Mailand-Berlin und soll später umsteigefrei bis nach Nürnberg fahren.

Die CDU-Landtagsfraktion zeigte sich über Hermanns Vorstoß entsetzt, hatte der Verkehrsminister doch zuvor im Landtag verkündet, mit der Volksabstimmung sei das Denken über Stuttgart 21 ja nicht endgültig erledigt. Nicht minder verärgert ist man aber auch auf die eigenen Regional- und Kommunalpolitiker. Echterdingens CDU-OB Roland Klenk lobt Hermanns Idee sogar öffentlich.

Sieben schwarze, grüne und parteilose Vertreter der Region Neckar-Alb haben eine weitere Variante ersonnen, bei der die Gäubahn an Horb weiträumig durch Tübingen, Reutlingen und Metzingen umgeleitet würde. Tübingens grünem OB und altem S21-Kritiker Boris Palmer könnte man zur Not noch Obstruktion unterstellen, denn auch diese Trasse ist fern aller aktuellen vertraglichen Vereinbarungen. Aber auch CDU-Landräte und Oberbürgermeister stehen hinter diesem Vorschlag. Alle eint der Wunsch, irgendwann mal einen ICE-Halt in ihren Bahnhöfen zu bekommen, auch wenn dieser Premium-Verkehr auf der Gäubahn längst eingestellt wurde. Fassungslos ist darüber der parteilose Böblinger Landrat Roland Bernhard, denn seine besonders innovative Region geriete damit in den Verkehrsschatten, ihm bliebe allein die S-Bahn nach Stuttgart. Das ist ein Grund, warum diese Variante auch vor einem Jahrzehnt verworfen wurde. Ein anderer: Böblingen zahlt mit bei Stuttgart 21, Metzingen im Südosten der Landeshauptstadt hingegen, das neuerdings auch die Gäubahn reklamiert, nicht. Und schließlich würde die Fahrzeit aus dem Süden nach Stuttgart spürbar verlängert.

Angesichts dieser rückwärtsgewandten Diskussion verweigern sich nicht nur die Bürger, es steigen auch ganze Gruppen Betroffener aus. Das überparteiliche "Bündnis LE", eigentlich pro Stuttgart 21, zürnt, der Dialog führe die Bürger an der Nase herum. Die S21-Gegner sprechen denn auch vom "Filder-Dialüg".

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Erstellt:
2. Juni 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Juni 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Juni 2012, 12:00 Uhr

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