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23.01.2013

Von MAGDI ABOUL-KHEIR

Grimmsche Märchenfiguren als Filmhelden: Kristen Stewart (großes Bild) spielte 2012 in "Snow White and the Huntsman", 2004 waren Otto und seine Komikerfreunde "7 Zwerge - Männer allein im Wald", Gemma Arterton und Jeremy Renner sind demnächst als "Hänsel und Gretel: Hexenjäger" im Kino zu sehen. "Der gestiefelte Kater" war 2011 ein Animations-Hit, und Julia Roberts gab vor einem Jahr in "Spieglein, Spieglein - Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen" die schön böse Königin. Fotos: Universal (2), Paramount (2), Studio Canal, Concorde, Archiv

Jahre nach den Ereignissen im Pfefferkuchenhaus sind die Geschwister nurmehr von einem Gedanken besessen: Rache an allen Hexen! Und so ziehen Hänsel und Gretel mit Armbrust und Knarre los. . .

Man muss nicht im Märchenbuch nachschlagen, um zu merken, dass hier etwas faul ist. "Hänsel & Gretel: Hexenjäger" heißt das Spektakel, das Ende Februar in die Kinos kommt und mit Lebkuchen so viel zu tun hat wie Rapunzel mit einer Glatze. Auch die Stadt Augsburg, wie sie im Film - samt bösem "Sheriff" - zu sehen ist, hat es so gewiss nie gegeben. Doch warum beziehen sich Hollywood-Produzenten in einem aberwitzigen Actionkracher überhaupt auf ein Märchen aus Good Old Germany? Weil Grimmsche Figuren weltbekannt sind, weil jeder das Umkehrspiel erkennt und seine Freude daran haben kann.

Grimm-Verfilmungen sind fast so alt wie das Kino selbst: Bereits 1902 gab es einen "Frau Holle"- Zweiminüter, und Lotte Reininger nahm sich mit ihrer Scherenschnitttechnik auch Grimmscher Stoffe an. Weit mehr als 200 Kino- und Fernsehfilme sind schon nach Grimmschen Motiven entstanden: Real-, Zeichen- und Puppentrickfilme.

1962 entführte Hollywood in "Die Wunderwelt der Gebrüder Grimm".

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Die Märchen sind weltweit populär, für Groß und Klein geeignet. Regisseure lieben die Möglichkeit zur opulenten Ausstattung, zum lukrativen Einsatz von Songs. Erzählerisch bieten sie starke Konflikte und Archetypen, oft steht die klassische Heldenreise im Zentrum. Und es gibt meist ein Happy End.

1937 brachte Walt Disney seinen ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm heraus: "Schneewittchen und die sieben Zwerge". Die Story wurde etwas verharmlost, aber visuell atemberaubend erzählt - das Meisterwerk ist noch immer der kommerziell dritterfolgreichste Streifen aller Zeiten. Und Disney erhielt einen Spezial-Oscar: in Gestalt eines normal großen und sieben Zwergen-Oscars.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in Deutschland, in Ost und West, zu einer Flut von Grimm-Adaptionen: Der Rückzug in die vertraute, heimelige, unschuldige Märchenwelt erschien verführerisch.

Es entstanden aber auch japanische und russische, finnische und belgische, brasilianische und argentinische Versionen. Auf die meisten Einsätze kam dabei bislang Schneewittchen mit rund 35 Filmen vor Aschenputtel/Cinderella mit knapp 30 Adaptionen. Schneewittchens Stiefmutter, die böse Königin, wurde schon von Vanessa Redgrave, Diana Rigg, Sigourney Weaver, Julia Roberts, Charlize Theron, Monica Bellucci und Nina Hagen gespielt.

Drei Hauptformen des Grimm-Films haben sich über die Jahre herauskristallisiert. Erstens der traditionelle Märchenfilm, der hübsche Unterhaltung für Jüngere bietet und mehr oder minder am Original entlang erzählt ist. Eine gelungene und erfolgreiche Modernisierung gelang Disney 2010 mit "Rapunzel".

Zweitens gibt es Komödien und Parodien. Die reichen von Jerry Lewis "Aschenblödel" (1960) über Ottos Comedy "7 Zwerge - Männer allein im Wald" (2004) bis zum Animations-Hit "Der gestiefelte Kater" (2011), der es von der Nebenfigur in "Shrek" zum Helden geschafft hat - im Original spricht ihn Antonio Banderas. Und Pro 7 feierte jahrelang Erfolge mit den "Märchenstunde"-Persiflagen: mit Titeln wie "Aschenputtel - Für eine Handvoll Tauben" und "Der Froschkönig - Im Brunnen hört dich niemand schreien".

Drittens werden Grimm-Stoffe zunehmen in aufwendige Fantasy-Epen verwandelt, voller Action und Effekte. Auch "Star Wars" und "Herr der Ringe" sind ja nicht weit von diesen Märchenwelten entfernt, der Kampf Gut gegen Böse spielt in vielen der Geschichten eine zentrale Rolle. Vor einem Jahr räumte Kristen Stewart in "Snow White and the Huntsman" im Fabelreich und an der Kinokasse ab.

Zuweilen adaptieren Regisseure Märchen auch ernsthaft. Neil Jordan deutete den "Rotkäppchen"- Stoff in "Die Zeit der Wölfe" (1984) psychoanalytisch: der Wald als Spielwiese des Unterbewussten.

Apropos Spielwiese: Natürlich schaut die Sexfilmindustrie Schneewittchen und Aschenputtel gern unter den Rock. Eher harmlos war da noch 1969 Rolf Thieles "Grimms Märchen von lüsternen Pärchen". Laut Internet Movie Database geben sich die klassischen Märchengestalten darin Aktivitäten hin, "die die Brüder Grimm wahrscheinlich nicht gutgeheißen hätten".

Wobei die Grimms wohl auch Hänsel und Gretel als Hexenjäger nicht gutgeheißen hätten. Aber gegen ein Happy End an der Kinokasse kommt eben nichts an.

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Erstellt:
23. Januar 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Januar 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2013, 12:00 Uhr

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