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Wer war nochmal Hitchcock?

Filmgeschichte interessiert fast keinen mehr – das Tübinger Kino Arsenal hält mit 20 Klassikern dagegen

Picasso im Museum? Da strömen die Massen. Wagner in der Oper? Ein volles Haus ist garantiert. Und Ingmar Bergman auf der Kinoleinwand? Da wird vermutlich eine Handvoll unverbesserlicher Cineasten unter sich bleiben.

14.08.2014
  • Klaus-Peter Eichele

Tübinger. Während alle anderen Künste stolz und erfolgreich ihre eigene Geschichte zelebrieren, ist die Filmhistorie ein Fall für eine verschwindend kleine Minderheit.

Volker Lamm vom Kino Museum kann davon ein Lied singen. Seit Jahrzehnten zeigt das Tübinger Filmtheater neben dem tagesaktuellen Programm regelmäßig Reihen mit älteren Filmen. Die Resonanz darauf war in den vergangenen Jahren erbärmlich.

So kamen im Vorjahr zur fast kompletten Retrospektive der Filme Steven Soderberghs, eines der höchst reputierten Regisseure der letzten drei Jahrzehnte, im Schnitt etwa 25 Zuschauer pro Vorstellung.

Den darauffolgenden „Midnight Movies“ mit Filmen unter anderem von Stanley Kubrick, John Huston und Alfred Hitchcock erging es nicht viel besser. Das Kino Museum hat das Angebot deswegen erheblich ausgedünnt: statt zwei oder drei Reihen gibt es momentan nur noch eine im Jahr. Dem Großteil des Publikums dürfte der Schwund kaum aufgefallen sein.

Aber vielleicht schauen die einschlägigen Fans die Oldies ja nicht im Kino, sondern zu Hause auf DVD oder Blu-Ray. Gut möglich, aber sicher nicht massenhaft. Jedenfalls findet sich aktuell unter den 50 meistverkauften DVDs in Deutschland kein einziger Titel, der älter als fünf Jahre alt ist.

Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen, wo früher die Vermittlung von Filmgeschichte zum Bildungsauftrag gehört hat, hat sich davon schon lange verabschiedet – obwohl es bei rund 20 Sendern wahrlich genügend Platz dafür gäbe. So wird speziell der nachwachsenden Generation von vornherein jede Chance auf filmhistorisches Basiswissen vorenthalten.

Auch der Einwand, dass Kino als Teil der populären Kultur quasi von Natur aus flüchtiger und stärker seiner Entstehungszeit verhaftet ist, als etwa bildende Kunst oder die Oper, greift nicht richtig. Schließlich lassen sich im benachbarten Bereich der Popmusik gerade mit dem sogenannten Backkatalog beachtliche Umsätze erzielen. In den dortigen Charts tummelt sich gerade betagtes Zeug von Queen, Abba und Crosby, Stills, Nash & Young. Nur von Kino-Klassikern will fast niemand etwas wissen.

So muss man wohl hinnehmen, dass die Filmgeschichte allmählich aus dem kollektiven Bewusstsein entschwindet, dass irgendwann nur noch eine Handvoll Experten weiß, wer Friedrich Wilhelm Murnau, Orson Welles oder Akira Kurosawa waren und was ihr Beitrag zur Entwicklung der Filmkunst war.

In dieser heiklen Lage zeigt nun das Tübinger Kino Arsenal von heute an bis zum Ende der Sommerferien jeden Tag einen Filmklassiker, insgesamt 20 Stück in der Originalfassung mit Untertiteln.

Geschnürt hat das Paket das Medienunternehmen Studiocanal zum 20-jährigen Jubiläum seines DVD-Labels Arthaus, eines der wenigen hierzulande, das noch systematisch Filmgeschichte auf den Markt bringt.

Zwar weist die Zusammenstellung viele Lücken auf, die wir hier erst gar nicht aufzählen wollen, und beinhaltet andererseits viel Entbehrliches.

Mit essentiellen Werken unter anderem von Jean Renoir („Die große Illusion“), Ingmar Bergman („Das siebente Siegel“), Jean-Luc Godard („Außer Atem“), Rainer Werner Fassbinder („Angst essen Seele auf“) und Jim Jarmusch („Down By Law“) bietet sie aber ein gutes Fundament, von dem aus man weitere Expeditionen in die Tiefen der Filmgeschichte unternehmen kann – falls sich tatsächlich noch Leute auf diese Reise machen wollen.

Info: Die Klassiker-Reihe startet am heutigen Donnerstag um 22.30 Uhr mit „Down By Law“ von Jim Jarmusch. Den kompletten Spielplan gibt es Internet unter www.tagblatt.de/kino.

Filmgeschichte interessiert fast keinen mehr – das Tübinger Kino Arsenal hält mit 20 Klassikern
Zeitung lesen, dabei gewesen: Jean Paul Belmondo in „Außer Atem“, am 21. August im Arsenal-Kino.Bild: Verleih

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14.08.2014, 12:00 Uhr

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