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Ein Ahnung von Hölle

Filmtage: „Eau argentée“ zeigt Bilder des Grauens, die sich jeder Filmkritik entziehen

Ein Film wie „Eau argentée“ braucht Abstand zu anderem Kino. Die Bilder aus Syrien sind Dokumente des Grauens und der Grausamkeit. Wie kann man mit inneren und äußeren Zerstörungen solchen Ausmaßes weiterleben? Am Montag stand der Mann im Kino Arsenal, der den Film machte: der syrische Regisseur Ossama Mohammed.

05.11.2014
  • Ulla Steuernagel

Eigentlich will man diese Bilder gar nicht sehen. Im Fernsehen würde man sie vielleicht wegzappen, nicht nur weil die wackeligen, grobkörnigen Aufnahmen nicht der ästhetischen Norm entsprechen. Auch was sie zeigen, würde man gerne ausblenden. Während das Filmtage-Publikum vor der Wahl steht, „Eau argentée“ zu schauen oder doch lieber eine schöne Fiktion, stehen Syrer vor der Entscheidung zwischen Flucht oder Folter und Tod durch Assad-Truppen oder IS-Milizen. Dieser Gedanke wird jeden Zuschauer nach dem Film verfolgen.

Die Kurdin Wiam Simav Bedirxan wurde wider Willen zur Regisseurin oder Koregisseurin von Ossama Mohammed. Sie flüchtete nicht aus der umkämpften Stadt Homs. Sie harrte aus, um zu erzählen. Ihre Videokamera ist wie das Auge der Weltöffentlichkeit, es hält fest, was unsagbar ist. Gerade noch posieren zwei kleine Kinder vor der Kamera, kurz darauf liegen sie tot im Staub.

„Eau argentée“ ist ein einziges Klagelied. Er liefert Bilder des Verlustes, der Trauer, der Opfer, aber auch Bilder triumphierender Täter. Er zeigt die Lust an der Folter, er zeigt Erschießungen, er zeigt Demütigungen. Zeigte er die Bilder unverfremdet und wirklichkeitsgetreuer, würde man die 90 Minuten nicht aushalten.

Der Film zeigt, wie Angehörige aus der Deckung heraus ihre Toten bergen, indem sie sie an Schnüren in die Häuser ziehen. Er zeigt es mit wackeligem, aber unverwandtem Blick. Er zeigt einen Jungen, wie er seinen neben ihm liegenden toten Vater betrauert. Er zeigt einen anderen Jungen, der das Grab seines Vaters mit Blumen schmückt. Er zeigt 1001 Bilder und erzählt 1001 Geschichten, so heißt es zu Beginn des Filmes. Das Internet war die Klagemauer.

Vom Pariser Asyl aus baute Mohammed sein Syrien-Porträt aus vielen Youtube-Bildern zusammen – wohlwissend, dass eine solche Collage nicht annähernd die Wirklichkeit wiedergeben kann. Er nennt das Ganze „ein wirkliches Stück Kino“. Dazu trug auch seine Frau Noma Omran bei. „Sie ist die dritte Regisseurin“, sagte Mohammed im Arsenal und drückte sie an sich. Omran gab dem Film die Musik, sie sei, so ihre Worte, „das Gedächtnis von 1000 Jahren syrischer Geschichte und zugleich Zeuge und Vermittler“.

Die wichtigste Rolle im Film kommt jedoch jener Simav zu, die in Homs ausharrte. Irgendwie schaffte sie es dennoch, zum Filmfest nach Cannes zu kommen. Dort trafen sich Regisseur und Koregisseurin erstmals persönlich.

„Am Anfang war der Text“, sagte der Regisseur im Arsenal. Aus dem Text wurden Bilder. Die Bilder vermitteln aber nie den Eindruck, man wisse am Ende, wie es wirklich ist. Man bekommt allenfalls eine Ahnung von Hölle, dass es ein Verbrechen ist, wegzugucken und dass das schöne Filmtage-Tübingen Recht daran tut, mehr syrische Flüchtlinge aufzunehmen als es müsste.

Der Film wird am Mittwichabend um 22.30 Uhr im Atelier gezeigt.

Filmtage: „Eau argentée“ zeigt Bilder des Grauens, die sich jeder Filmkritik entziehen
Ein kleiner Junge in einer zerbombten Stadt, auf der Suche nach Blumen für das Grab seines Vaters. Das ist keine Fiktion, sondern syrische Realität. Filmbild

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05.11.2014, 12:00 Uhr

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