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Das Leben der Heimatlosen

Filmtage-Gast Claire Denis ist eine Meisterin der assoziativen Montage

„Claire Denis geht es darum, das Leben sichtbar zu machen, nicht es zu erklären“, schrieb ein Bewunderer über die große Außenseiterin des französischen Kinos. Die Regisseurin wird bei den Französischen Filmtagen einen Querschnitt durch ihr Werk präsentieren.

27.10.2012

Filmtage-Gast Claire Denis ist eine Meisterin der assoziativen Montage
Isabelle Huppert in "White Material".

1948 in Paris geboren, verbrachte die Tochter eines französischen Kolonialbeamten ihre Kindheit in verschiedenen afrikanischen Staaten. Auf diese Erfahrung hat sie als Filmemacherin immer wieder zurückgegriffen. Ihr Debütfilm „Chocolat“ (1988) handelt von einem weißen Mädchen im Kamerun der fünfziger Jahre, das auf seinen Streifzügen rassistische Demütigungen und koloniale Überheblichkeit erspäht. Zehn Jahre später blickt sie in „Beau Travail“ fasziniert und indigniert zugleich auf den Körperkult von Fremdenlegionären am Schauplatz Dschibuti.

Denis gilt als Meisterin der assoziativen Montage. Die Regeln des Erzählkinos interessieren sie so wenig wie psychologischer Realismus. Ihr Trumpf sind Bilder, die unterschwellig universelle Fragen aufwerfen: nach Identität und Entfremdung, Assimilation und Zurückweisung, Sehnsucht und Angst. Fast alle ihre Figuren stehen am Rand: Es sind wortkarge Einzelgänger, Neuankömmlinge, Heimatlose, Menschen, die sich nicht reibungslos anpassen – Fremde in vielerlei Hinsicht.

Filmtage-Gast Claire Denis ist eine Meisterin der assoziativen Montage
Claire Denis

Migrantendrama trifft Killerkrimi

Neben dem Kolonialismus hat sich Denis immer wieder auch mit dessen Kehrseite, dem Schicksal von Migranten in den europäischen Metropolen, beschäftigt. In 35 rhums (2008) muss sich ein aus Guadeloupe stammender Witwer an den Gedanken gewöhnen, seine erwachsene Tochter, um die seine ganze Existenz bisher gekreist ist, ziehen zu lassen. In S’en fout la mort (1990) werden simulierte Hahnenkämpfe in einem Pariser Nachtclub zur Metapher für die kulturelle Entwurzelung eines Exilanten. J’ai pas sommeil (1994) entwirft ein Panorama der enttäuschten Hoffnungen junger Einwanderer in Paris – verknüpft mit dem authentischen Fall eines Serienkillers.

Derlei Grenzüberschreitungen sind für Claire Denis nichts Ungewöhnliches. Liebe und Horror, Sex und Philosophie, Trash und Poesie gehen in ihren Filmen oft ineinander über. In Trouble Every Day (2001) versteckt sich hinter der Fassade eines Vampirfilms „ein düster-radikales Psychodrama über Sexualität als bedrohliche Macht“ (Lexikon des internationalen Films).

Zuletzt ist Claire Denis wieder nach Afrika zurückgekehrt – erstmals mit einem großen Star im Schlepptau. Isabelle Huppert spielt in White Material (2009) eine Plantagenbesitzerin, die vor dem um sie herum tobenden Bürgerkrieg die Augen verschließt. „Wie genau und zugeneigt der Blick von Claire Denis ist, merkt man schon daran, dass man Isabelle Huppert selten so bei sich gesehen hat wie hier“ (Michael Althen).

Info: Eine öffentliche Masterclass mit Claire Denis findet am Sonntag, 4. November, um 14 Uhr im Kino Museum statt.

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27.10.2012, 12:00 Uhr

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